Die Umbettung der Königssärge Handelswege in der Antike - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Die Umbettung der Königssärge

Handelswege in der Antike

In der Mitte des 2. Jahrhunderts fasste der Gelehrte Klaudios Ptolemaios das geographische Wissen seiner Zeit in einem Werk zusammen. Darin enthalten ist die ausführlichste topographische Beschreibung Germaniens, die aus der Antike überliefert ist.

Als Ptolemaios etwa um 150 n. Chr. begann, seine „Geographike hyphegesis“, meist „Geographie“ genannt, niederzuschreiben, erlebte das römische Imperium eine Zeit innerer und äußerer Stabilität, der Ruhe und des wirtschaftlichen Aufschwungs. Der Gelehrte wirkte in Alexandria, das nicht nur über die umfangreichste Bibliothek der antiken Welt verfügte, sondern auch ein internationales Handelszentrum war. Hier flossen Informationen über alle damals bekannten Länder der Erde, über die oikumene, zusammen. Es gab also die besten Vor-aussetzungen für Ptolemaios, ein Werk zu verfassen, das bis zum Zeitalter der Entdeckungen das geographische Weltbild des Abendlandes prägte.

Seine „Geographie“ ist keine historisch-ethnographische Beschreibung der oikumene wie etwa das Werk des Strabon (um 64/63 v. Chr. – um 20 n. Chr.), sondern vielmehr eine Anleitung zu deren kartographischer Darstellung. In nüchterner Form nennt Ptolemaios die Grenzen der Länder, die sich interessanterweise bis heute wenig geändert haben, und gibt die geographischen Koordinaten von mehr als 6300 Orten und topographischen Punkten an. Die besondere Bedeutung seiner Arbeit liegt darin, dass sie als einziges (erhaltenes) Werk des Altertums exakte Längen- und Breitenangaben in einem Koordi‧natensystem macht, wie es später die Neuzeit übernommen hat.

Die kartographische Darstellung teilt Ptolemaios in eine Überblickskarte der gesamten oikumene und 26 Einzelkarten auf: zehn Karten für Europa, vier für Afrika und zwölf für Asien. Im zweiten Buch der „Geographie“ findet sich die Darstellung der „Germania Magna“, das heißt Germaniens jenseits der römischen Grenzen; es umfasst nicht nur Teile der heutigen Bundesrepublik Deutschland, sondern auch Teile Dänemarks, Polens, Österreichs, Tschechiens und der Slowakei. Umgekehrt gehören zur heutigen Bundesrepublik auch Gebiete, die sich bei Ptolemaios in der Beschreibung der römischen Provinzen Raetia sowie Germania Inferior und Superior (bzw. Gallia Belgica) finden.

Von besonderem Interesse sind die 94 Orte, die Ptole‧maios für Germania Magna angibt. Ohne Unterschied bezeichnet er alle als polis (Stadt). Dabei handelte es sich jedoch nicht um Städte, wie sie die griechisch-römische Welt prägten – diese waren der germanischen Kultur jener Zeit fremd. Wahrscheinlich waren es größere Siedlungen, politische Zentren, Handelsplätze oder bedeutende Verkehrsknotenpunkte.

Anzeige

Die wichtigste Quelle für Ptolemaios, der wohl nie in Germanien gewesen ist, dürfte die topographische Erfassung durch die Römer selbst gewesen sein. Angesichts der stets latent gefährlichen Germanen waren für mögliche römische Militäroperationen geographische Kenntnisse von entscheidender Bedeutung. Diese wurden durch die römischen Feldzüge, diplomatische Kontakte und auch den Handel gewonnen.

Die Lokalisierung der antiken Orte in Germanien erweist sich allerdings als außerordentlich schwierig. Ausdruck dafür sind die Fülle von dazu durchgeführten Untersuchungen und die große Anzahl oft erheblich voneinander abweichender Identifizierungsvorschläge. Das liegt daran, dass die meisten der von Ptolemaios aufgeführten Orte in keiner anderen antiken Quelle erwähnt werden und dass die antiken Ortsnamen in der Regel nicht den modernen entsprechen. Hinzu kommt, dass es im Gebiet von Germanien im Gegensatz etwa zur griechisch-römischen Welt keine Fundstätten mit Inschriften gibt, die einen Hinweis auf den antiken Ortsnamen enthalten könnten.

Grundlage für die Identi‧fizierung ist einerseits die durchaus nicht neue Überlegung, dass alle Orte, über deren Lage Ptolemaios Informationen hatte, an Verkehrswegen gelegen haben müssen. Leider werden diese Verkehrswege bei Ptolemaios nicht angegeben. Andererseits stehen uns konkrete Koordinaten, die antiken Längen- und Breitenangaben, zur Verfügung.

Neu ist die Methodik, mit der in einem Forschungsprojekt der Deutschen Forschungs‧‧ge‧meinschaft an der Technischen Universität Berlin in inter‧disziplinärer Zusammenarbeit die antiken Orte identifiziert werden. Dabei werden die numerischen Angaben des Ptolemaios mittels moderner geodätisch-mathematischer Verfahren analysiert und die Ergebnisse dieser Analyse mit den Untersuchungen der Geschichtswissenschaften und mit archäologischen Befunden verglichen, wobei auch topographische Gegebenheiten berücksichtigt werden.

Für Germanien wurden diese Arbeiten bereits durchgeführt. Überträgt man nun die identifizierten antiken Orte in eine moderne Karte, zeichnet sich tatsächlich ein Verkehrsnetz im alten Germanien ab. Deutlich sichtbar wird die wichtige West-Ost-Verbindung des Hellweges, die bereits den Römern bekannt war.

Am Rhein beginnend, gibt Ptolemaios wichtige Stationen an. Die Elbe wurde bei Magdeburg oder etwas nördlich davon bei Burg überschritten. Danach ging es über Fürstenwalde nach Küstrin, dann nördlich der Warthe über Cz~lopa (Schloppe) und Chojnice (Konitz) zur Weichselmündung, wohin auch die Bernsteinstraße aus dem Süden führte. Diese verließ bei Carnuntum an der Donau das Römische Reich und verlief durch das Marchtal über Brno (Brünn) und Rýma `´rov (Römerstadt) weiter in Richtung Oder. Die nächsten Stationen auf dem Weg zur Ostsee sind Kalisz, Konin und Bydgoszcz (Bromberg). Der weitere Verlauf entlang der Ostsee führ-te in das von Ptolemaios ebenfalls beschriebenen Sarmatien.

Vom Marchtal aus führte eine weitere Straße über B `´reclav (Ludenburg), Brno (Brünn) und Jihlava (Iglau) nach Kolin an die Elbe. Bei Melnik am Zusammenfluss von Moldau und Elbe stieß auch eine Route hinzu, die vom Donauübergang bei Linz durch Freistadt im Mühlviertel,  `´Ceské Bud`éjovice (Budweis), Písek und Prag verlief. Die Elbe ist auf der Karte des Ptolemaios als wichtige Verbindungslinie zu erkennen. Stationen dieses Verkehrsweges sind Litomerice (Leitmeritz), Dresden, Liebersee (zwischen Riesa und Torgau), die Gegend um Magdeburg, Hitzacker und schließlich die Mündung der Elbe in die Nordsee. Mehrere Orte, die im Raum der Nord- und Ostseeküste lokalisiert werden können, lassen auch auf eine West-Ost-Verbindung in dieser Region schließen. Es ergibt sich schließlich ein Bild, das die umfangreichen und mannigfaltigen Kontakte zwischen dem Römischen Reich und Germanien in der Gestalt des antiken Wegenetzes widerspiegelt.

Die im Rahmen des erwähnten Forschungsprojektes erzielten Ergebnisse basieren auf dem neuesten Forschungsstand. Jährlich werden neue archäologische Funde gemacht, die unser Bild vom alten Germanien und seinen Beziehungen zum Römischen Reich erweitern und präzisieren. Eine Publikation zur ptolemäischen Karte der Germania Magna und der angrenzenden Gebiete wird Mitte 2010 bei der Wissenschaft‧lichen Buchgesellschaft, Darmstadt, erscheinen. Bearbeitet werden soll aber die gesamte „Geographie“ des Ptolemaios; für einen Teil der oikumene sind die Untersu-chungen bereits abgeschlossen. Damit wird auch ein Beitrag zur Rekonstruktion der antiken Verkehrswege geleistet, auf denen nicht nur Waren, sondern auch Wissen in beträchtlichem Umfang ausgetauscht wurden.

Quelle: Prof. Dr. Dieter Lelgemann /Andreas Kleineberg /Dr. Hans-Jörg Nüsse
Anzeige

DAMALS | Aktuelles Heft

Bildband DAMALS Galerie

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Wissenschaftslexikon

Achro|ma|sie  〈[–kro–] f. 19; Opt.〉 Ausgleich der Farbverzerrung in opt. Instrumenten durch Kombination von Prismen od. Linsen; Sy Achromatismus ... mehr

Ver|ti|ku|lie|rer  〈[vr–] m. 3; Gartenbau〉 = Vertikutierer

Val  〈[val] Chem.〉 1 〈Zeichen für〉 die Aminosäure Valin 2 zugunsten des Mol aufgegebenes Kurzzeichen für die Stoffmengen–Einheit Grammäquivalent ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige