Harte Nuß Neandertaler - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Harte Nuß Neandertaler

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Die Neandertaler geben Rätsel auf – nach wie vor. Da bevölkern Clans erfolgreicher Jäger viele zehntausend Jahre lang das eiszeitliche Europa, lange vor dem Auftauchen des Jetzt-Menschen Homo sapiens. Und als der einwandert, verschwinden die stämmigen Kerle – plötzlich und bislang unerklärlich. Massakriert? Durch Vermischung assimiliert? Noch immer ist die Neandertaler-Forschung in erster Linie ein Kriminalfall, einer mit bejammernswert lückenhaften Indizien.

Eines dieser Beweisstücke schien unlängst wenigstens in einem Punkt Klarheit zu bringen: im Verwandtschaftsgrad. 1997 schienen der Molekulargenetiker Svante Pääbo, heute Direktor am neugegründeten Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig, und sein Doktorand Matthias Krings den Neandertaler endgültig aus dem Stammbaum des Homo sapiens zu verbannen: Sie hatten aus dem ersten Knochenfund von 1856 Reste des Neandertaler-Erbgutes gewonnen und vervielfältigt. Weltweit rauschte es im Blätterwald – von der „New York Times“ bis zum kleinsten Provinzblatt: Der Vergleich einer 397 Basenpaare langen DNA-Sequenz mit dem entsprechenden Abschnitt heutiger Menschen aus verschiedenen Regionen der Erde habe erhebliche Unterschiede ergeben. Daraus hätten Pääbo und Krings geschlossen: Die Neandertaler seien ausgestorben, ohne Gene an den modernen Menschen weitergegeben zu haben.

Für überzeugte Anhänger der „Out of Africa“-Theorie wie den britischen Urmenschenforscher Christopher Stringer vom Londoner Museum für Naturkunde stand schon lange fest: Die heutigen Europäer stammen nicht vom durch die Eiszeiten geprägten Neandertaler ab, sondern vom grazileren afrikanischen Menschen, der den grobschlächtigen Urzeitler in Europa verdrängt habe. Unbestritten sind die auffälligen anatomischen Unterschiede beim Neandertaler: Überaugenwulst, fliehendes Kinn, kurze und dafür extrem robust gebaute Gliedmaßen.

Während der Hamburger Paläoanthropologe Günter Bräuer ihnen zumindest eine dem Homo sapiens ähnliche Intelligenz zutraut, hält Stringer sie noch immer für deutlich primitivere Wesen. Nach dem Paukenschlag von 1997 hatte er „die Debatte mit der molekulargenetischen Studie (von Pääbo und Krings) definitiv für beendet“ angesehen. Derlei apodiktische Äußerungen sind indes wenig klug, weil sie sich fast nie halten lassen. Denn so unbestritten glanzvoll der einmalige Glücksfall einer Analyse von Neandertaler-Erbsubstanz in wissenschaftlicher Hinsicht auch ist: Für die im Medientrubel oft arg vereinfachte Aussage, daß Neandertaler nichts mit uns gemein hätten, reichen – und reichten schon vor drei Jahren – die DNA-Daten bei weitem nicht aus.

Krings und Pääbo haben 1997 in ihrer Arbeit im Fachblatt „Cell“ – von dort wanderte die Nachricht in die Publikumsmedien – zwar erwähnt: Es sei nicht auszuschließen, Neandertaler könnten andere DNA-Passagen als die des untersuchten kurzen Abschnitts ins Erbgut des modernen Menschen eingebracht haben. Doch von der Eigendynamik des Medienechos mitgerissen, wurden die Paläogenetiker die Geister, die sie riefen, nicht mehr los. Krings und Pääbo ließen sich mehrfach mit der Aussage zitieren, „daß Neandertaler zum heutigen menschlichen Genpool nicht beigetragen haben“.

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Einspruch! – meinen Kritiker wie Dr. Gerd-C. Weniger, Direktor des Neanderthal Museums in Mettmann bei Düsseldorf, zu Recht. Denn mit der molekulargenetischen Studie ist keineswegs die Frage geklärt, ob es sich beim Neandertaler um eine eigenständige, vom Homo sapiens genetisch getrennte Art handelte. Die vorliegenden Analysen können eine Vermischung nicht ausschließen. Sie bauen schließlich auf einem einzigen Fossil auf, was aus statistischer Sicht dürftig ist. Wichtiger noch: Da von der aussagekräftigeren DNA im Zellkern des Neandertalers keine verwertbaren Bruchstücke vorhanden waren, ließ sich lediglich ein sehr kurzer Abschnitt des Erbmaterials aus den Mitochondrien analysieren. Diese „mt-DNA“ wird nur mütterlicherseits vererbt. Ein eventueller väterlicher Beitrag des Neandertalers zur genetischen Ausstattung des modernen Menschen ist daraus nicht abzulesen.

Von solch einem genetischen Beitrag aber sind jene Forscher überzeugt, die sich nicht nur mit Gen-Fragmenten, sondern mit handfesten fossilen Überresten des Neandertalers beschäftigen. Demnach haben anatomisch moderner Mensch und Neandertaler über mehrere zehntausend Jahre eng nebeneinander, vielleicht sogar miteinander gelebt. Im Nahen Osten haben beide Menschenformen mehr als 50000 Jahre lang in derselben Region koexistiert und einen ähnlichen Lebensstil gepflegt. Nicht nur dort: Ein präzise datierter Unterkieferknochen im Süden Spanien zeigt, daß Neandertaler in Andalusien noch vor 27000 Jahren anzutreffen waren. Homo sapiens war dort jedoch bereits mindestens 5000, vielleicht sogar 10000 Jahre zuvor heimisch geworden. Nach einer Ausrottungskampagne sieht das nicht aus. Das jüngste Indiz, das den Neandertaler unserem Stammbaum wieder näher rückt, stammt aus Portugal. Im Frühjahr 1999 wurde im Lapedo-Tal das auf ein Alter von nur 25000 Jahren datierte Skelett eines vierjährigen Kindes entdeckt. Es weist im Knochenbau vor allem des Gesichtsschädels eine verblüffende Mixtur von Merkmalen sowohl des Neandertalers als auch des modernen Menschen auf.

Mattias Glaubrecht
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