Haudegen oder Handelsmann? Das neue Bild der Wikinger - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Haudegen oder Handelsmann? Das neue Bild der Wikinger

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Das Klischee von den mörderischen Skandinaviern stimmt. Aber es gibt noch eine andere Wahrheit. Archäologen rücken jetzt das zivilen Gesicht der Vielgeschmähten ins Licht. Die Wikinger schufen die erste europäische Wirtschaftsunion.

Jahrzehntelang waren Wissenschaftler und Besucher auf dem Weg zum Hafen ahnungslos über die begehrten Objekte hinwegspaziert. Erst als 1997 das Wikingerschiffsmuseum Roskilde nahe Kopenhagen um ein Hafenbecken und eine Museumsinsel erweitert werden sollte, kamen beim Ausschachten verrottete Bootsplanken zum Vorschein „Sieben Schiffswracks konnten wir bergen“, freut sich der Archäologe und Museumsleiter Ole Crumlin-Pedersen. Ähnlich erfolgreich sind die Wikingerforscher auch an anderen Stellen: In Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, in Norwegen, Schweden und Dänemark haben Archäologen neue Funde freigelegt. Das Bild der Wikinger wird dadurch immer präziser. Aber: „Die ‚Wikinger‘ ist schon falsch“, erklärt der Kieler Ur- und Frühgeschichtler Michael Müller-Wille. „Damit erfassen wir nicht die skandinavische Bevölkerung des 8. und 9. Jahrhunderts n. Chr.“. Viking – dieses altnordische Wort leitet sich von „wik“ (Bucht, Handelsort) ab und bezeichnet keine soziale Zugehörigkeit, sondern einen Zustand: einen Raubzug zu Wasser. „Deshalb“, so der Kieler Historiker weiter, „verstehen wir heute unter der ‚Wikingerzeit‘ die Kriegs-, Handels- und Siedlungsaktivitäten der Skandinavier – zur See und an den Küsten – von etwa 800 bis 1100 n. Chr. In dieser Weise lebten jedoch nur rund fünf Prozent der damaligen Bevölkerung in den Gebieten des heutigen Schleswig-Holsteins, Dänemarks, Schwedens und Norwegens.“ Die große Mehrheit der auf zwei Millionen Menschen geschätzten Skandinavier hielt sich im 8. Jahrhundert mit Fischen, Jagen und einer kargen Landwirtschaft mehr schlecht als recht über Wasser. Mit Ausnahme der Finnen hatten alle Skandinavier eine gemeinsame Sprache, Religion und Sozialordnung. Sie verständigten sich einheitlich in altnordisch. Sie verehrten die gleichen Götter: Wotan und die untereinander zerstrittenen Götter in Walhall waren ein Spiegelbild des Diesseits. Und überall in Skandinavien gliederten sich die Gemeinschaften in Sklaven, Freie, gewählte Stammesfürsten und -könige. In diesen Strukturen müssen die Wurzeln für das „Wikinger-Verhalten“ liegen. Warum jedoch gegen Ende des 8. Jahrhunderts überall in Skandinavien kleine Gruppen ihre Dörfer zu Raubzügen und verwegenen Expeditionen verließen, darüber herrscht Uneinigkeit unter den Wissenschaftlern. „Die Kette der Begründungen reicht von der Abenteuerlust bis zum wirtschaftlichen Zwang“, resümiert Müller-Wille. Als Ursachen werden auch Seuchen und eine Klimaverschlechterung mit noch geringeren Ernten genannt. Müller-Wille pragmatisch: „Alle diese Faktoren werden zusammengewirkt haben – mit lokalen Gewichtungen.“

Neben den Kriegsschiffen waren kleine, wendige Küstenfrachter der häufigste Schiffstyp im 10. und 11. Jahrhundert. Bei 14 Meter Länge konnten diese Boote vier Tonnen Fracht laden und erreichten unter Segel acht Knoten Fahrt. Mit ihnen brachten die Wikinger den Handel in den Küstenregionen von Nord- und Ostsee in Schwung, es entstand eine Wirtschaftsunion. Ein herausragender Umschlagplatz für Waren und Beute war Haithabu. Erstmals 804 in den fränkischen Reichsannalen erwähnt, wurde die Stadt an der schleswig-holsteinischen Schlei für rund 250 Jahre das größte Handels- und Logistikzentrum der Wikinger. Gehandelt wurde mit Walroßzähnen und Bernstein aus dem Nordmeer, Eisenbarren, Specksteinkesseln und Knochenkämmen aus Skandinavien, slawischem Schmuck und irischen Gürtelschnallen, iberischem Quecksilber und byzantinischen Bleisiegeln, Karneol und Bergkristallen aus der Schwarzmeerregion.

Die Lebensbedingungen waren hart: Alle 15 bis 20 Jahre mußten die Häuser erneuert werden – länger hielten sie den Witterungsbedingungen nicht stand. Im Schnitt waren die Innenräume nur zwei Grad wärmer als die Außenwelt. Nur jedes dritte bis vierte Neugeborene erreichte das 10. Lebensjahr, die Bewohner Haithabus wurden im Schnitt 20 bis 30 Jahre alt.

Haithabu ging Mitte des 11. Jahrhunderts unter, die Wikinger-Ära endete in den folgenden Jahrzehnten. Die Ursachen für den Niedergang lagen in Veränderungen innerhalb wie außerhalb der Wikingerwelt: Die Machtkonstellation in Europa hatte sich zugunsten neuer Nationalreiche geändert. Das Deutsche Reich, Frankreich und England stellten große Heere auf, denen die Wikinger wenig entgegenzustellen hatten. Die Zeit der erfolgreichen kleinen Stoßtrupps war endgültig vorbei. Auch die soziale Ordnung der Wikingerwelt hatte sich gewandelt. „Die einheitliche Wikingerkultur wurde abgelöst von einer christlich-europäischen Kultur“, urteilt der Kieler Frühgeschichtler Müller-Wille. Anfangs ließen die Wikinger noch nicht von Wotan ab: Kreuz und Hammer zierten gemeinsam den Amulettschmuck. Langfristig setzte sich das Christentum durch – Mitte des 10. Jahrhunderts wurden die Dänen Christen, und mit der Ernennung des schwedischen Uppsalas zum Erzbistum im 12. Jahrhundert war die Christianisierung Skandinaviens so gut wie abgeschlossen.

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Das Ende der Wikinger wurde beschleunigt durch Konflikte zwischen den neuen skandinavischen Herrschern. Auch Haithabu erlag einem Bruderkrieg: Das Haithabu-Wrack, das als brennender Rammbock gegen die Hafenbefestigung getrieben worden war, stammte aus Dänemark.

Wikingerstädte wie Birka und Haithabu wurden zwar aufgegeben – doch Handel und Seefahrt führte in den folgenden Jahrhunderten die Hanse fort: An die Stelle des Wikingerschiffes trat die Kogge – Nordeuropa blieb in Kontakt mit dem Rest der Welt.

Wolfgang Korn
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