Hazor - Die versunkene Weltstadt - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Hazor – Die versunkene Weltstadt

Die Handelsmetropole der Bronzezeit gibt ihre Geheimnisse preis. Hazor handelte und korrespondierte über ein halbes Jahrtausend mit den Mächtigen der Welt. Sein Palastarchiv steht jetzt vor der Ausgrabung. Vier Texttafeln kamen dieses Jahr zum Vorschein.

Prof. Amnon Ben-Tor schaute Fund und Finder ungläubig an: Sie hatten gerade eine 3700 Jahre alte Keilschrifttafel aus dem Sand gezogen. Das war bereits die vierte Schrifttafel der diesjährigen Kampagne auf dem historischen Gelände am See Genezareth – so viele wie in 40 Jahren Hazor-Forschung insgesamt. Mehr als Ben-Tor, Chef und Spiritus rector der Grabungen, zu hoffen gewagt hatte.
Sein Hauptziel allerdings, das bronzezeitliche Keilschriften-Archiv des Hazor-Palastes zu finden, will er 1997 mit Hilfe vieler – noch gesuchter Helfer – erreichen.

Die Grabung in Hazor ist das derzeit seriöseste Beispiel für einen Zweig der Archäologie, der mit mannigfachen Schwierigkeiten zu kämpfen hat:
– Allen archäologischen Arbeiten in Palästina haftet das Odium einer oft von Theologen (fehl)geleiteten „Biblischen Archäologie“ an, die im vorigen Jahrhundert aufbrach, um die christliche Bibel zu beweisen – koste es, was es wolle, und sei es die wissenschaftliche Wahrheit.
– Ähnlich rigoros und einseitig in der Zielsetzung gingen auch israelische Archäologen vor, die über die jüdische Vorgeschichte, wie sie das Alte Testament beschreibt, politische Probleme von heute lösen wollten.
– Die Bemühungen der heutigen Palästinenser, ihrerseits ihre Geschichte aus dem Boden der Vergangenheit zu gewinnen, stehen am Anfang und werden oft von Landesentwicklung und anderen wirtschaftlichen Zwängen konterkariert.

Archäologische Wegweiser durch die unruhige Gegend zwischen Euphrat und Mittelmeer und durch die gewalttätigen Zeiten von der Steinzeit bis zum Hellenismus sind neben den Ruinen der Siedlungshügel und ihren Keramikscherben die Hieroglyphen-Meldungen aus Ägypten, die Keilschriften-Archive in Altsyrien/Mesopotamien – und das Alte Testament. „Die biblischen Texte sind in jedem Fall historische Quellen“, sagt Dr. Jens Kamlah, Theologe und Archäologe am Institut für Biblische Archäologie der Universität Tübingen.

Das Alte Testament als Schlüssel für die Archäologie Palästinas (Karte) – so wie Homers „Ilias“ für die Ausgräber von Troja? „Ein wundervoller Vergleich“, meint Hazor-Ausgräber Ben-Tor. Bei nüchterner Lesung der alten Texte scheint es im Kern oft Übereinstimmungen mit archäologisch anfaßbaren Resultaten und anderen Schriftquellen zu geben. Zum Beispiel:

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– Megiddo, das Salomon erbaut haben soll. Der riesige, gut bewehrte Siedlungshügel war Schauplatz so ziemlich aller Schlachten, die in Palästina ausgefochten wurden.
– Dan, eine weit nördlich liegende Festung. Vor zwei Jahren fanden israelische Archäologen dort einen mit 13 Zeilen beschrifteten Basaltstein aus dem 9. Jahrhundert v. Chr. Elektrisiert wurden sie durch Zeile 9: „… vom Haus David. Und ich machte …“ Für Ausgräber Michal Dayagi vom Israel-Museum in Jerusalem ist das die Sensation: „Außerhalb der Bibel hatten wir bisher keinen einzigen Beweis für die Existenz Davids!“
– Geser zwischen Jerusalem und dem Mittelmeer. Die bronzezeitliche Stadt wurde von Ägyptern nachweislich niedergebrannt, vom biblischen Salomon legendär wieder aufgebaut und im 8. Jahrhundert vom assyrischen Eroberer Tiglatpileser III. endgültig vernichtet.
– Hazor schließlich, die größte und wichtigste Stadt in Palästina von der frühen Bronze- bis zur Eisenzeit. Seit 40 Jahren wird der Siedlungshügel am See Genezareth erforscht.

Amnon Ben-Tor nahm die Grabungen 1990 wieder auf. Er sucht das Palast-Archiv und seine Chancen stehen nicht schlecht. Das ein solches Archiv existiert Was über ein halbes Jahrtausend mit den Großmächten seiner Zeit so eng verbunden ist, kann kein Provinznest gewesen sein. Die archäologischen Forschungen haben das bestätigt: Auf seinem bronzezeitlichen Gipfel umfaßte Hazor – Oberstadt mit Palast und ausgreifende Unterstadt – ein Gebiet zehnmal so groß wie Jerusalem. Bis zu 40000 Menschen haben hier rein rechnerisch Platz gefunden.

Da verwundert es nicht, wenn das Alte Testament Hazor zur „Hauptstadt all dieser (kanaanäischen) Königreiche“ erhebt. Jedoch: Die militanten Israeliten der ausgehenden Bronzezeit sind stärker: “ … und (Josua) gewann Hazor und schlug ihren König mit dem Schwert. … Und sie schlugen alle Seelen, die darinnen waren, mit der Schärfe des Schwerts und verbrannten sie und ließen nichts überbleiben, das den Odem hatte, und verbrannte Hazor mit Feuer.“

Die kriegerische „Landnahme“ Palästinas durch die Israeliten – im Alten Testament neben dem Auszug der Völker Israels aus Ägypten Basis der jüdischen Vorgeschichte – wird jedoch als historisches Faktum nicht mehr ohne weiteres akzeptiert. Der Tübinger Bibelforscher Jens Kamlah wird deutlich: „Kein Historiker geht heute mehr davon aus, daß die Israeliten geschlossen aus Ägypten auswanderten und ins Land einfielen.“
Wenn schon „Einwanderung“, so meint Prof. Hartmut Kühne von der Freien Universität Berlin, dann „können das ebensogut die vom Nordosten kommenden Aramäer gewesen sein.“ Eine ketzerische Idee für alle Juden und Bibelforscher, die der FU-Experte für den Vorderen Orient jedoch mit klimageschichtlichen Daten untermauern kann (siehe „Wie das Klima Vorgeschichte schrieb“).

Diese wissenschaftliche Diskussion ist natürlich auch Ben-Tor geläufig. Er weiß weiterhin, daß Historiker inzwischen sogar die gesamte biblische Vorgeschichte bis zum Bau des zweiten Tempels (um 500 v. Chr.), wie sie im Alten Testament geschildert wird, für reine Fiktion halten. Denn David war bis zum Fund von Dan nur in der Bibel erwähnt. Josua, der große Krieger, und Salomon, der große Baumeister, sind historisch bis heute nicht faßbar. Ben-Tor mag sich deshalb nicht auf Personen festlegen und spricht lieber davon, daß er mit seiner Ausgrabung – ein wissenschaftliches Joint venture der Hebrew University in Jerusalem und der Complutense University in Madrid – „die Zerstörung des kanaanäischen Hazor und den Aufstieg der israelitischen Königreiche präzisiert“ hat.

Das Kostbarste der diesjährigen Grabung aber sind die vier Schrifttafeln. Sie stammen aus der Zeit des Mari-Archivs (um 1800 v. Chr.) und aus der Phase der Amarna-Briefe, also um 1500 bis 1400 v. Chr. Ben-Tor hält es für völlig unwahrscheinlich, daß ein Archiv über mehrere Jahrhunderte bestanden hat. Daraus zieht er seine Gewißheit, daß es in Hazor zwei Archive auszugraben gibt. Er ist überzeugt, daß in Palästinas Erde noch zahlreiche Überraschungen warten.

Michael Zick
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