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Geschichte|Archäologie

Herkunft von Renaissance-Uhren geklärt

Tischuhr, Johann Reinhold, 1581/ 1592, Augsburg. (Foto: Hendrik Zwietasch, Landesmuseum Württemberg, Stuttgart)

Zwei kostbare Tischuhren der Sammlung „Prunkuhren der Renaissance“ im Stuttgarter Alten Schloss sind als Ergebnis der Nachforschungen über ihre Provenienz in den Bestand der Sammlungen des Landesmuseums Württemberg zurückgekehrt. Der Provenienzforscherin Dr. Anja Heuß war es gelungen, die ehemaligen Eigentümer der beiden Uhren zu ermitteln, die sich aufgrund der Verfolgung durch das Nazi-Regime 1942 von ihrer Kunstsammlung trennen mussten. Bei beiden Uhren handelt es sich um eindeutige Fälle im Sinne der Washingtoner Erklärung, die auch von Deutschland unterschrieben worden ist. Danach sollen Kulturgüter, die NS-verfolgungsbedingt entzogen worden sind und bestimmten Geschädigten zugeordnet werden können, nach individueller Prüfung den legitimierten früheren Eigentümern bzw. deren Erben zurückgegeben werden. Auf dieser Grundlage konnten mit den Erben des ehemaligen Eigentümers Kaufverhandlungen aufgenommen und nun erfolgreich abgeschlossen werden. Die zwei Renaissanceuhren stammen ursprünglich aus der Sammlung von Eugen Gutmann, dem Gründer der Dresdner Bank. Eugen Gutmann (1840 bis 1925) war ein bedeutender Kunstsammler. Im Laufe seines Lebens erwarb er eine Sammlung vorwiegend deutscher Gold- und Silberschmiedearbeiten des 16./ 17. Jahrhunderts, die bei seinem Tod 1925 mehrere hundert Werke umfasste. Nach dem Tod Eugen Gutmanns verblieb die Sammlung im Besitz der Familie; sie wurde von seinem Sohn Fritz Gutmann treuhänderisch verwaltet. Fritz Gutmann (1886 bis 1944) zog 1919 mit seiner Frau Louise, geb. von Landau, in die Niederlande und erwarb 1924 die niederländische Staatsbürgerschaft. Er war dort Mitinhaber des Bankhauses Proehl & Gutmann. Die Kunstsammlung seines Vaters verwahrte er in Heemstede, Niederlande. Nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Holland im Sommer 1940 wurde Fritz Gutmann wegen seiner jüdischen Herkunft verfolgt, verlor Vermögen und Stellung und war gezwungen, seine Sammlung zu verkaufen. Ab 1941 bereitete er seine Flucht vor. 1942 übergab er daher seine Sammlung in Kommission den Kunsthändlern Karl Haberstock, Berlin und Julius Böhler, München. Die Sammlung wurde daraufhin nach München gebracht und dort deponiert. Das Ehepaar Gutmann wurde jedoch 1943 deportiert und ein Jahr später ermordet. Nach Kriegsende wurde der größte Teil der Sammlung Eugen Gutmann an die Erben restituiert. Mehrere Objekte waren allerdings nicht mehr auffindbar. Zwei dieser fehlenden Objekte konnten nun im Landesmuseum Württemberg identifiziert werden, nachdem der Vertreter der Erbengemeinschaft, Simon Goodman, im Mai 2011 Kontakt mit der Provenienzforscherin aufgenommen hatte. Bei den Uhren handelt es sich um zwei höchst qualitätvolle Tischuhren der Renaissance. Diese wurden im Juli 2012 an die Erben restituiert. Beide Uhren sind nach wie vor im Landesmuseum Württemberg ausgestellt. „Das Land hat eine historische Verantwortung, Kulturgüter, die den Verfolgten des Naziregimes entzogen worden sind, zu ermitteln und zurückzugeben“, betont Staatssekretär Jürgen Walter. Deshalb werden nach dem Auslaufen der Bundesmittel die drei seither gemeinsam finanzierten Restitutionsforscherinnen an den Museen in Karlsruhe und in Stuttgart ab dem kommenden Jahr vollständig vom Land bezahlt.“ Die quadratische Tischuhr von Johann Reinhold, 1581/ 1592 in Augsburg gefertigt, stellt mit ihrem äußerst komplizierten Werk einen Höhepunkt der Uhrmacherkunst in der Renaissance dar. Sie verfügt über ein horizontales Hauptzifferblatt sowie acht vertikal angeordnete Hilfszifferblätter auf. Die hierfür notwendige Winkelübertragung der Antriebskraft ist eine mechanische Herausforderung und wurde an nur wenigen Uhren in Süddeutschland eingesetzt. Die Vielzahl astronomischer und chronometrischer Anzeigen machen diese Uhr zu einem hochkomplexen Mess- und Rechengerät. Das architektonisch gegliederte Gehäuse weist sorgfältig gearbeitete Schmuckornamente auf; reizvoll ist zudem das Zusammenspiel von vergoldeten und silbernen Elementen. Bei der zweiten Uhr handelt es sich um eine sogenannte Orpheus-Uhr, die vermutlich 1560/ 70 hergestellt wurde. Namengebend für diese runde Tischuhr ist das Relief, das die Wandung des Gehäuses verziert: Nach grafischen Vorlagen ist hier die Geschichte von Orpheus und Eurydike dargestellt. Von solchen Orpheus-Uhren sind weltweit nur elf, zum Teil unvollständig, bekannt. Diese seltenen, hochbegehrten Uhren sind inzwischen weitestgehend in musealem Besitz und kommen nicht mehr auf den Kunstmarkt. In der aus Spitzenstücken bestehenden Prunkuhren-Sammlung des Landesmuseums Württemberg stellt die Orpheusuhr mit ihrem herausragend schönen Reliefschmuck einen anschaulichen Beleg für das Zusammenspiel von Uhrmacherei und zeitgenössischem Kunsthandwerk dar. Auch das Zifferblatt ist mit einem naturalistisch gearbeiteten Relief gestaltet: Blattwerk, Vögel, Schlangen und eine Eidechse bilden ein harmonisches Zusammenspiel von Tier- und Pflanzenwelt. Die Stundenanzeigen nach italienischer Art (I-VI) lassen vermuten, dass die Uhr für den italienischen Markt gefertigt wurde. Beide Uhren waren 1973 als Teil der Uhrensammlung von Joseph Fremersdorf, Luzern, für das Landesmuseum Württemberg erworben worden.

Quelle: Landesmuseum Württemberg
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Stern|schne|cke  〈f. 19; Zool.〉 mariner Hinterkiemer ohne Schalen: Doridacea

Zwil|lings|ar|ten  〈Pl.; Biol.〉 sehr nah verwandte, durch morphologische Merkmale nicht od. nur wenig unterschiedene Arten

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