US-Bürgerkrieg "Hexenflasche" gegen böse Geister? - wissenschaft.de
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US-Bürgerkrieg

„Hexenflasche“ gegen böse Geister?

"Hexenflasche"
Die "Hexenflasche" aus dem Redoubt 9. (Bild: Robert Hunter/ WMCAR)

Auf den ersten Blick ist es nur eine alte Glasflasche, gefüllt mit Dreck und rostigen Nägeln. Doch dieses Fundstück aus einem alten Fort des US-Bürgerkriegs könnte einiges über den Aberglauben vor gut 150 Jahren verraten. Denn Archäologen vermuten, dass es sich bei der Glasflasche um eine sogenannte Hexenflasche handeln könnte – einen Talisman, der böse Geister und anderen Unbill von seinem Besitzer abwehren sollte.

Entdeckt wurde das ungewöhnliche Fundstück bei Ausgrabungen in der Nähe der Stadt Williamsburg im US-Bundesstaat Virginia. Im Umfeld dieser Stadt tobte im Jahr 1862 eine der bekanntesten Schlachten des US-Bürgerkriegs, die Schlacht um Williamsburg. Nachdem die Konföderierten dort eine Kette von 14 befestigten Stützpunkten errichtet hatten, eroberten die Truppen der Nordstaaten in der Schlacht einen Großteil dieser Forts und nutzten sie fortan als eigene Verteidigungsstellungen gegen die Konföderierten.

Nagelbehälter oder Talisman?

Unter diesen umkämpften Bürgerkriegs-Stützpunkten war auch das sogenannte Redoubt 9, ein Fort, dessen Überreste Archäologen unter Leitung von Joe Jones vom William & Mary Center for Archaeological Research (WMCAR) seit 2016 ausgraben und untersuchen. Dabei stießen sie auf einen Fund, der seltsam schien: „Es war eine Glasflasche voller alter Nägel, teils zerbrochen“, berichtet Jones. „Wir fanden dies zwar ziemlich ungewöhnlich, waren aber nicht sicher worum es sich hier handelte.“ Zunächst gingen die Archäologen davon aus, dass die Nordstaaten-Soldaten beim Ausbau des Forts einfach nur ihre alten Nägel in der Flasche gesammelt hatten. „Die Unionstruppen hatten den Auftrag, die Befestigungen zu reparieren und zu halten, wann immer ein Angriff der Konföderierten bevorzustehen schien“, erklärt Jones.

Doch die Flasche könnte auch einem ganz anderen Zweck gedient haben, wie die Forscher berichten. Denn aus dem England des späten Mittelalters ist der Brauch sogenannter Hexenflaschen bekannt, ein Brauch, der später mit den ersten Siedlern auch nach Amerika mitgebracht wurde. Dabei dienten die mit Nägeln gefüllten Glasflaschen keinem praktischen, sondern einem rituellen Zweck: Unter oder nahe dem Herd begraben, sollten die Nägel die Energie des Feuers aufsaugen und so zu einem Gegenmittel gegen die negative Energie von Hexen und anderen bösen Mächten werden. Um diese Wirkung zu personalisieren, ergänzten die Besitzer die Füllung der Flaschen häufig mit Haarlocken, abgeschnittenen Fingernägeln oder sogar Urin. In Großbritannien wurden bisher rund 200 solcher Hexenflaschen gefunden, in den USA sind es weniger als ein Dutzend.

„Allen Grund zum Aberglauben“

Nach Ansicht der Archäologen könnte es sich bei der im Redoubt 9 gefundenen Flasche durchaus um eine solche Hexenflasche handeln. „Es gab eine Menge Todesopfer und Angst in dieser Periode“, sagt Jones. „Die Unionstruppen waren während des größten Teils des Bürgerkriegs Besatzungstruppen in feindlichem Gebiet. Daher gab es auch reichlich böse Geister und negative Energie abzuwehren.“ Bekannt ist, dass dieses Fort im Jahr 1862 von Kavallerie-Truppen aus Pennsylvania gehalten wurde, aus dieser Region stammte auch die Glasflasche, wie Untersuchungen ergaben. „Angesichts der Bedrohung durch einen Konföderierten-Angriff und die allgemeine Feindseligkeit der Bevölkerung hätte ein Offizier dieser Truppen allen Grund, sich auf den alten Volksglauben seiner Heimat zu besinnen, um seine temporäre Heimat zu beschützen“, sagt Jones.

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Wer jedoch tatsächlich diese Flasche vor mehr als 150 Jahren mit den Nägeln füllte, lässt sich heute nicht mehr sicher feststellen. Weil der Flaschenhals abgebrochen war, ist zudem unklar, ob sie neben den Nägeln möglicherweise noch persönliche Relikte enthielt, die seither verloren gegangen sind. „Es ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein einzelnes Artefakt Bände sprechen kann“, sagt Jones. „Die Flasche ist wie eine Zeitkapsel, ein Fenster in die Zeit und Erfahrungen der Bürgerkriegs-Truppen. Sie zeigt uns, was die Soldaten durchmachten, die damals diese Befestigungen hielten.“

Quelle: William & Mary Center for Archaeological Research (WMCAR).

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