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Mysteriöser Zweibeiner

Hier lief ein Vormensch – kein Bär

Oberflächenscans (unten) verdeutlichen die mysteriösen Fußspuren an der Fundstelle A in Laetoli. (Bild: AUSTIN C. HILL AND CATHERINE MILLER)

Eine umstrittene Spur im Visier: Aus einer erneuten Analyse von versteinerten Fußabdrücken in Tansania geht hervor, dass sie von einem Vormenschen stammen – nicht von einem aufrecht tapsenden Bären, wie zuvor vermutet. Die Merkmale der Spur passen allerdings auch nicht zu den bekannten Fußabdrücken aus der Region, die Australopithecus afarensis – der Verwandtschaft von „Lucy“ – zugeordnet werden. Es zeichnet sich somit ab, dass vor rund 3,7 Millionen Jahren mindestens zwei Homininen-Arten in Ostafrika koexistierten, sagen die Forscher.

Wie entwickelten sich bei den frühen Vertretern unseres Stammbaums die Merkmale, die nun den modernen Menschen auszeichnen? Bei dieser Frage steht neben den Eigenschaften des Gehirns oder der Hände ein weiter markanter menschlicher Aspekt im Fokus: der aufrechte Gang. Es gibt Hinweise darauf, dass diese Fortbewegungsweise bereits früh bei unseren Vorfahren entstanden ist – möglicherweise schon vor über sechs Millionen Jahren. Als die ältesten eindeutigen Belege für aufrechtes Gehen gelten allerdings Fußabdrücke, die 1978 am Fundort Laetoli in Tansania entdeckt wurden. Die Spuren an den Fundstellen G und S wurden auf ein Alter von etwa 3,7 Millionen Jahren datiert. Man geht mittlerweile davon aus, dass sie von dem Vormenschen Australopithecus afarensis stammen – der Spezies, der auch die berühmte „Lucy“ angehörte, deren Teilskelett in Ostafrika gefunden wurde.

Eine komische Spur neu entdeckt

Die berühmt gewordenen Fußspuren waren jedoch nicht die einzigen, die in Laetoli in den 1970er Jahren entdeckt wurden. An einer nahen Stelle mit der Bezeichnung A wurden weitere Abdrücke im Gestein identifiziert, die den Forschern damals allerdings Kopfzerbrechen bereiteten. Es gab Vermutungen, dass sie ebenfalls von Vormenschen stammen könnten. Doch die seltsam breite Form ließ es auch möglich erscheinen, dass sie ein junger Bär hinterlassen hat, der zweibeinig auf dem weichen Untergrund unterwegs gewesen ist. Um diese „unklaren“ Spuren vor Erosion zu schützen, bedeckten die Forscher sie dann schließlich wieder mit Bodenmaterial. „Angesichts der zunehmenden Hinweise für die Vielfalt der Fortbewegungsarten und der Artenvielfalt in den Fossilien von Homininen in den letzten 30 Jahren hatten diese ungewöhnlichen Abdrücke nun einen weiteren analytischen Blick verdient“, sagt die Erstautorin der aktuellen Studie Ellison McNutt von der Universität Ohio.

Um dem Urheber der Fußabdrücke von Fundort A buchstäblich auf die Spur zu kommen, hat das Team sie erneut ausgegraben und vollständig gereinigt. Anschließend erfassten sie durch Scanner-Technologie die fünf aufeinanderfolgenden Fußabdrücke. So konnten McNutt und ihre Kollegen sie dann mit denen von Menschen (Homo sapiens), mit den Spuren von Australopithecus afarensis sowie mit Fußabdrücken von Schimpansen (Pan troglodytes) und vor allem von Schwarzbären (Ursus americanus) vergleichen. Um Spuren von aufrecht gehenden Bären zu erhalten, brachten die Forscher in Gefangenschaft gehaltene Jungtiere auf weichem Untergrund durch Lockmittel zum Laufen. Außerdem wurde Videomaterial ausgewertet, um das natürliche zweibeinige Laufverhalten der Tiere zu erfassen.

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Bär scheidet aus

Wie sie berichten, lassen die Befunde sehr unwahrscheinlich erscheinen, dass einst ein Vertreter der Bären die seltsamen Spuren in Laetoli hinterlassen hat. Die Abdrücke der Jungtiere stimmen zwar in der Größe mit den Funden überein und tatsächlich gibt es Ähnlichkeiten zu menschlichen Spuren – doch auch entscheidende Unterschiede, erklären die Wissenschaftler: Die Fersen von Bären verjüngen sich und ihre Zehen sowie Vorderfüße sind fächerförmig. Die Analysen vom Fundort zeigen hingegen eine eher breite Ferse im Vergleich zu den Vorderfüßen. Die Forscher identifizierten auch Spuren des großen Zehs und des folgenden zweiten. Der Größenunterschied zwischen den beiden war dabei ähnlich wie beim Menschen, aber nicht wie bei Bären.

Ein wichtiger Hinweis ist zudem die Form der ganzen Spur: Wenn Bären aufrecht laufen, wanken sie stark und hinterlassen dabei eine breite Spur, die nicht zu der schmalen Version am Fundort passt. „Sie können nicht in einer Weise gehen, die zu den Fußabdrücken an der Fundstelle A geführt hat, da ihre Hüftmuskulatur und die Form ihrer Knie diese Art von Bewegung und Gleichgewicht nicht zulassen“, erklärt Seniorautor Jeremy DeSilva vom Dartmouth College in Hanover. Wie die Forscher betonen, ging das mysteriöse Wesen erstaunlicherweise sogar, indem es ein Bein über das andere setzte – eine Gangart, die als Kreuzschritt bezeichnet wird. Bären und auch Schimpansen sind im aufrechten Gang dazu nicht in der Lage, erklären die Forscher. „Obwohl der Mensch normalerweise ebenfalls keine Kreuzschritte macht, kann er diese Bewegung einsetzen, um sein Gleichgewicht zu stabilisieren“, sagt McNutt.

Zwei Vormenschen aufrecht unterwegs

Diese Befunde und weitere Hinweise aus den Fußproportionen belegen somit nun, dass die Abdrücke von einem Homininen stammen, der sich auf zwei Beinen fortbewegte, resümieren die Wissenschaftler. Vielleicht lief er bei diesen fünf Schritten gerade über eine unebene Fläche, erklärt McNutt zum möglichen Hintergrund des ungewöhnlichen Kreuzschritts. Doch wer genau könnte da unterwegs gewesen sein? Dies bleibt bisher ein Rätsel. Denn die Analysen bestätigen in diesem Zusammenhang, dass die Spur nicht von einem Australopithecus afarensis stammt: Die abgeleiteten Fußproportionen, Gangparameter und 3D-Morphologien der Fußabdrücke am Fundort A unterscheiden sich deutlich von den Spuren, die diesem Vormenschen zugeordnet werden, schreiben die Wissenschaftler.

Dies bedeutet wiederum: „Bei unseren Ergebnissen handelt es sich somit um schlüssige Hinweise darauf, dass es etwa zeitgleich verschiedene Homininenarten gab, die sich in dieser Landschaft Ostafrikas zweibeinig fortbewegten – aber auf unterschiedliche Weise und mit unterschiedlichen Füßen“, sagt DeSilva. Bei den Abdrücken von der Fundstelle A handelt es sich somit um eine heiße Spur für die Anthropologie.

Quelle: Dartmouth College, Fachartikel, Nature: doi: 10.1038/s41586-021-04187-7

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