Historisch verknüpft: Wohlstand & Landwirtschaft - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Historisch verknüpft: Wohlstand & Landwirtschaft

Welche geschichtlichen Faktoren prägten das Wohlstandsgefälle in Europa? (Foto: Filograph/iStock)

Reiche Regionen und eher ärmere: Dieses Muster findet man auch heute noch innerhalb von einigen Ländern Europas. Was sind die historischen Wurzeln dieser Wohlstandsunterschiede? Einer Studie zufolge war offenbar ein grundlegender Aspekt die Struktur der Landwirtschaft, die sich im Laufe von Jahrhunderten herausgebildet hat. Die Betriebsgrößen wirkten sich demnach auf das Bildungsniveau der Bevölkerung aus und damit letztlich auf die Entwicklung des Wohlstandes, sagen die Forscher.

Beispiele gibt es viele: In Italien ist der Norden im Vergleich zum Süden deutlich wohlhabender, ähnliche regionale Unterschiede zeichnen sich auch innerhalb Russlands und Spaniens ab sowie in anderen Staaten Europas. Klar ist: Die Ursachen dieser heutigen Wohlstandsgefälle sind komplex – sie sind mit vielen Faktoren und speziellen historischen Entwicklungen verknüpft. Doch Ralph Hippe und Jörg Baten vom Lehrstuhl Wirtschaftsgeschichte der Universität Tübingen haben sich gefragt, welche Rolle die Merkmale der Landwirtschaft bei der Entwicklung gespielt haben könnte.

Um Zusammenhängen auf die Spur zu kommen, sammelten sie historische Daten zu 300 europäischen Regionen aus der Zeit um das Jahr 1900. Im Fokus standen Faktoren der Landwirtschaft wie Bodenqualität, Meereshöhe, Relief der Landschaft und Klima sowie die typischen Merkmale der Betriebe. Das Bildungsniveau der Bevölkerung der Zeit um 1900 erfassten die Forscher anhand von Informationen zur regionalen Verteilung rechnerischer Fähigkeiten. Zudem erfassten sie, welche Trends sich bei der Entwicklung der Lebensstandards und Einkommensverhältnisse in den Gebieten abzeichneten.

Verknüpft: Landwirtschaft, Bildung und Wohlstandsentwicklung

Wie sie berichten, spiegelte sich in ihren Datenauswertungen ein deutlicher Zusammenhang wider: Wo damals die Bauern aufgrund ihrer Lebensverhältnisse ein gutes Bildungsniveau erreichten, sind heute häufig die wohlhabenderen Regionen zu finden. „Der Wohlstand korrelierte nicht einfach mit der Höhe der Ernteerträge, sondern mit der Struktur der Landwirtschaft, die vor Jahrhunderten entstand“, fasst Hippe das Ergebnis zusammen. Die Forscher erklären den Hintergrund folgendermaßen: War die Bodengüte günstig für mittelgroße Bauernhöfe mit Vieh und etwas Getreideanbau, achteten die dort lebenden Bauern darauf, dass ihre Kinder eine gewisse Bildung erhielten. „Wer später einen landwirtschaftlichen Betrieb führen würde, sollte mit Kalendern, Wissen über Viehkrankheiten und Wetterlagen umgehen können“, erklärt der Wissenschaftler.

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Der Studie zufolge war dies um 1900 typisch für Nord- und Nordwesteuropa, aber auch für viele europäische Gebirgsregionen in Nordspanien, Norditalien und den dünn besiedelten südöstlichen und nordöstlichen Regionen des Russischen Reiches. Anders war die Situation hingegen in Gebieten, in denen Boden und Klima günstig für große Weizenfelder und Großgrundbesitz waren, sagen die Forscher. „Dort entwickelten sich fest etablierte politische Eliten“, erklärt Baten. Ihm zufolge gewährten diese Oberschichten ihren Arbeitern kaum Zugang zu Bildung. „In den betroffenen Regionen blieb die ‚europäische Bildungsrevolution‘ des 16. bis frühen 20. Jahrhunderts aus“, so der Wirtschaftshistoriker.

Wie die Forscher erklären, bildete ein hohes Bildungsniveau in der Bevölkerung eine der Grundlagen für die Entwicklung von Wohlstand. Dieser Effekt ist bis heute feststellbar, geht aus der Studie hervor: Der Bildungsstand der ländlichen Bevölkerung um 1900 deckt sich mit heutigen Regionen mit einem vergleichsweise hohen Wohlstand. „Das ist vor allem deshalb interessant, weil die eigentliche Ursache der heutigen regionalen Wohlstandsunterschiede – die Landwirtschaft – ihre ökonomische Bedeutung stark eingebüßt hat“, bemerkt Baten abschließend.

Universität Tübingen, Journal of Economic Growth doi: 10.1007/s10887-017-9151-1

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