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Geschichte+Archäologie

Hochkultur in den bulgarischen Bergen

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Der Goldschatz von Panagjurischte ist ein Beispiel für die Goldschmiedekunst der Thraker. Foto: Nenko Lazarov Wikipedia.de (Creative Commons Attribution 2.5)
Das Volk der Thraker, das vom dritten Jahrtausend vor Christus an im heutigen Bulgarien lebte, galt lange Zeit als Volk von Räubern und Barbaren. Weit gefehlt, sagen Archäologen nun: Neue Funde belegen, dass die Thraker ihrem viel berühmteren Nachbarn Troja als Goldschmiede weit überlegen waren. Und ihr Bergheiligtum war sogar größer als die Akropolis in Athen.

Die Geschichte einer der spannendsten archäologischen Entdeckungen der vergangenen Jahre begann in einem Lebensmittelladen: Zwei bulgarische Archäologen betraten an jenem Tag im Frühjahr 2004 ein Geschäft in Sopot am Südhang des Balkangebirges, als ihnen am Hals einer jungen Verkäuferin eine Kette aus kleinen Goldperlen ins Auge stach. Der Mann der jungen Frau hatte die Perlen beim Pflügen gefunden, stellte sich heraus. Die Wissenschaftler gingen der Sache nach, und wenig später begannen die Ausgrabungen unter zehn künstlichen aufgeschütteten Erdhügeln auf den Feldern des 120 Kilometer östlich von Sofia gelegenen Dorfes Dabene.

Gut drei Jahre später hatten der Archäologe Martin Christov vom Historischen Nationalmuseum Sofia und sein Team insgesamt rund 25.000 Teile aus Gold geborgen: Perlen, Scheiben, Spiralen, Zylinder, kleine Ringe und Plättchen – eine geradezu überwältigende Menge, selbst für Bulgarien, wo immer wieder alter Goldschmuck auftaucht. Umso überraschter waren die Forscher, als sie das Alter des Schmucks bestimmten: Er stammt vom Anfang des dritten Jahrtausends vor Christus und ist damit das zweitälteste bekannte bearbeitete Gold der Menschheit.

Doch das Staunen setzte sich fort, als Schmuckexperten die Qualität des Goldschatzes untersuchten. Trotz ihrer Größe von lediglich ein bis zwei Millimetern zeigten die Perlen keinerlei Bearbeitungsfehler – eine Präzision, die für die damalige Zeit niemand für möglich gehalten hätte und die eigentlich nur mit Hilfe von Vergrößerungsgläsern erreicht werden konnte. Boshidar Dimitrov, Direktor des Historischen Nationalmuseums in Sofia, vermutet daher, dass die Goldschmiede vulkanisches Glas zu dünnen Linsen schliffen, polierten und als Hilfsmittel verwendeten, berichtet das Wissenschaftsmagazin „bild der wissenschaft“ in seiner Oktoberausgabe. Entdeckt wurden solche Linsen bisher jedoch nicht.

Zu den herausragendsten Fundstücken gehörte ein Dolch, der aus einer Legierung aus Gold und Platin bestand. Das seltene und härtere Edelmetall Platin verlieh der Waffe Härte und Beständigkeit: Die Schneide war daher auch nach Tausenden von Jahren noch rasiermesserscharf.

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Spätestens nach diesem Fund war klar: Die Menschen, die diese Waffen und den Schmuck einst hergestellt hatten, hatten eine hoch entwickelte Kultur. Sie müssen zum Volk der Thraker gehört haben – ein Sammelbegriff für zahlreiche Stämme, die im Mittelmeergebiet bis hinauf zu den Karpaten im heutigen Rumänien lebten. Zentrum des Siedlungsgebietes des einst großen Volkes war das heutige Bulgarien.

Anfang des dritten Jahrtausends könnten die Thraker im ägäischen Raum eine überlegene Position gehabt haben, lautete die Schlussfolgerung der Archäologen. Überlegen waren die Thraker in jedem Fall in der Goldschmiedekunst. So ist der von Heinrich Schliemann in Troja ausgegrabene legendäre Schatz des Priamos nicht nur deutlich jünger, er ist auch keineswegs kunstvoller gearbeitet. Auf Gegenstände aus Platin waren die Archäologen in Troja überhaupt nicht gestoßen. Die bulgarische Thrakologin Vakeruha Fol ließ sich daher sogar zu der provokanten Frage hinreißen: „War Troja am Ende eine Kolonie der frühen Thraker?“, zitiert „bild der wissenschaft“ die Archäologin.

Auf den großen Einfluss der Thraker auf die kulturelle Entwicklung dieser Region deuten auch zahlreiche weitere Funde und nicht zuletzt auch schriftliche Überlieferungen hin. Sowohl Homer als auch Herodot berichten über thrakische Kulte und Stätten von religiöser Bedeutung. Die Bezeichnungen entsprechen häufig den späteren griechischen Traditionen. So verehrten die Thraker eine namenlose Muttergöttin als zentrale Gottheit – eine Figur, die die Griechen später zur Artemis machten. Ihr Sohn Sabazios war der Sonnengott, der dem griechischen Apollon entspricht.

Für die herausragende Bedeutung der Thraker sprechen auch die Ausgrabungen auf dem Berg Perperikon im Rhodopengebirge, rund zwanzig Kilometer nordöstlich der Stadt Kardshali. In den vergangenen drei Jahrzehnten sind Archäologen bei ihrer Arbeit auf dem 470 Meter hohen Bergmassiv immer weiter in die Vergangenheit vorgedrungen und haben nach und nach eine Art thrakische Akropolis im Riesenformat freigelegt: Die Kultanlage auf dem Berggipfel nahm zum Zeitpunkt ihrer größten Ausdehnung im ersten Jahrtausend vor Christus eine Fläche von zwölf Quadratkilometern ein und war damit hundertmal größer als ihr später errichtetes berühmtes griechisches Pendant.

Zur Anlage gehörten aus dem Fels geschlagene, zum Himmel hin offene Kultstätten, in Stein gehauene Altäre, Hallen, Treppen, Korridore und Paläste. Die architektonischen Ähnlichkeiten zu griechischen Stätten und zu Troja sind häufig unverkennbar. Keramikfunde deuten darauf hin, dass hier ein Sonnenkult betrieben wurde. Auch zeigen die Funde, dass die Thraker Handelsbeziehungen bis nach Kreta pflegten.

All diese Entdeckungen lassen die Thraker als gleichberechtigte Kultur neben den kretischen, mykenischen und trojanischen Kulturen erscheinen. Sicher ist: Ihren Ruf als Räuber und Säufer hatten die Thraker zu Unrecht.

Ronald Sprafke: „Thrakien schlägt Troja“ bild der wissenschaft 10/2008, S. 68 ddp/wissenschaft.de – Ulrich Dewald
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