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Geschichte+Archäologie

Holocaust: Ausmaß der Operation Reinhard enthüllt

Bahngleise
Die Reichsbahn spielte eine entscheidende Rolle für die Tötungsmaschinerie der Nazis im Holocaust. (Foto: bondart/ iStock)

Es war die schlimmste Mordaktion des gesamten Holocaust: Während der sogenannten „Operation Reinhard“ töteten die Nazis rund 1,7 Millionen osteuropäische Juden. Jetzt enthüllt eine neue Auswertung von Reichsbahndaten und Augenzeugenberichten, dass dabei allein von August bis Oktober 1942 mehr als 1,3 Millionen Juden starben. Die Todesraten der nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie lagen demnach sogar noch höher als bislang angenommen.

Die Operation Reinhard hatte ein klares Ziel: die Vernichtung der Juden im von Deutschen besetzten Teil Polens, dem sogenannten Generalgouvernement. Von März 1942 bis November 1943 lief dazu eine mit brutaler Präzision ausgeklügelte Tötungsmaschinerie, in deren Verlauf die jüdische Bevölkerung dieses Gebiets zusammengetrieben, auf Züge verladen und in Vernichtungslager transportiert wurden. Die Lager Belzec, Sobibor und Treblinka wurden eigens dafür errichtet.

Reichsbahn-Daten als Indikator für Tötungsraten

„Diese drei Vernichtungslager waren für ihre industriellen Massentötungen und ihre Fähigkeit, ganze jüdische Gemeinden auf einen Schlag durch Vergasen zu vernichten berüchtigt“, erklärt Lewi Stone von der Universität Tel Aviv. Doch wie hoch die Todesraten in diesen Lagern tatsächlich waren, ließ sich bisher nur grob schätzen. „Detaillierte Aufzeichnungen dieser Morde gibt es kaum, weil bei den Nazis eine strenge Geheimhaltung zur Operation Reinhard galt“, erklärt der Historiker. Am Ende des Krieges wurden zudem alle Informationen und Dokumente dazu zerstört.

Doch Stone hat nun alternative Informationsquellen genutzt, um das wahre Ausmaß der Operation Reinhard zu enthüllen. Neben Augenzeugenberichten von Überlebenden der Vernichtungslager sind dies vor allem die Archive der Deutschen Reichsbahn. Die Reichsbahn war eine entscheidende Komponente des Vernichtungsfeldzuges der Nazis“, erklärt Stone. Denn ein Großteil der getöteten Juden wurden mithilfe von Reichsbahnzügen in die Lager gebracht – und die damaligen Fahrpläne und Zugdaten sind erhalten.

1,3 Millionen Tote in nur drei Monaten

Als der Forscher anhand der Reichsbahnpläne die Judentransporte der Operation Reinhard rekonstruierte, stieß er auf Überraschendes: „Ein unerwartetes Ergebnis der Rekonstruktion war die Entdeckung eines enormen ‚Ausbruchs‘ der Massentötungsaktivität“, so Stone. „Obwohl die Operation Reinhard insgesamt 21 Monate dauerte, zeigen diese Daten, dass der größte Teil der Morde innerhalb von nur drei Monaten stattfand – im August, September und Oktober 1942.“

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Allein in dieser rund 100 tägigen Zeitperiode starben Stones Schätzungen nach rund 1,3 Millionen Juden in den drei Vernichtungslagern der Nazis. „Allein in den beiden Monaten August und September 1942 wurden fast eine halbe Millionen Menschen pro Monat innerhalb weniger Stunden nach ihrem Eintreffen in den Todeslagern vergast oder durch die Einsatzgruppen erschossen“, so der Historiker. „Die Operation Reinhard ist damit nicht nur die größte Mordkampagne des Holocaust, sie lief auch in größerem Tempo ab als man bisher angenommen hat.“

Tödliche Effizienz

Die Reichsbahndaten enthüllen auch, mit welch tödlicher Effizienz die Operation Reinhard ablief: Die Gebiete im Generalgouvernement wurden eines nach dem anderen „judenfrei“ gemacht und die jüdische Bevölkerung jeweils in das nächstgelegene Vernichtungslager deportiert. So wurde erst die gesamte Bevölkerung des Warschauer Ghettos nach Treblinka gebracht, dann die Juden aus dem Rest des Warschauer Distrikts, gefolgt von den Bezirken Radom, Lublin und Bialystok, wie Stone berichtet.

„Dieser gewaltige Todesschub vernichtete einen Großteil der jüdischen Opfer in diesem Gebiet“, sagt Stone. Erst im November und Dezember 1942 sanken die Tötungsraten der drei Vernichtungslager wieder deutlich ab. Der schreckliche Grund dafür: Den Nazis waren die Opfer ausgegangen. „Diese schnelle Abnahme der Tötungsraten spiegelt einfach nur wider, dass im Generalgouvernement kaum mehr jüdische Opfer übrig waren, die man noch umbringen konnte.“

Quelle: Lewi Stone (Universität Tel Aviv), Science Advances, doi: 10.1126/sciadv.aau7292

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