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Geschichte+Archäologie

Homo heidelbergensis wurde unterschätzt

Fund in Schöningen: Altsteinzeitlicher Schaber aus Feuerstein inmitten von Pferdeknochen. (Klaus Cornelius)

Lange galt er als primitiver Vorfahre des Neandertalers: Der Homo heidelbergensis. Doch Funde im niedersächsischen Schöningen haben in den letzten Jahren ein völlig anderes Bild dieses frühen Menschen der Altsteinzeit enthüllt. Demnach hatte der Homo heidelbergensis weitaus mehr mit uns gemeinsam als gedacht. Ein Sonderband des Fachmagazins „Journal of Human Evolution“ fasst nun die jüngsten Funde und Erkenntnisse zusammen.

Noch vor dem Neandertaler

Bis heute ist die genaue Position des Homo heidelbergensis im Stammbaum des Menschen unklar – der vor rund 600.000 – 200.000 Jahren lebende Frühmensch steht in vielen seiner Merkmale zwischen dem Homo erectus und dem Neandertaler. Lange galt er deshalb auch als eher primitiv, als noch nicht zu fortgeschrittenen Techniken oder komplexerem Sozialstrukturen fähig. Doch dieses Bild hat sich inzwischen gewandelt – unter anderem durch Funde im niedersächsischen Schöningen.

In einem ehemaligen Braunkohletagebau bei Schöningen haben Archäologen seit 1984 immer wieder neue, überraschende Entdeckungen zum Homo heidelbergensis gemacht. „Die außergewöhnlich gute Konservierung, zusammen mit einer Mischung aus harter Arbeit, Durchhaltevermögen und schierem Glück hat zu der Entdeckung von einzigartigen Funden in einem außergewöhnlichen Kontext geführt“, sagt Grabungsleiter Nicholas Conard, Leiter der Abteilung für Ältere Urgeschichte und Quartärökologie der Universität Tübingen und Mitglied des Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment (HEP). Die in im Laufe der Jahre zutage geförderten Fundstücke werfen ein ganz neues Licht auf die Altsteinzeit und die Frühmenschen dieser Ära.

Arbeitsteilung und spezialisierte Werkzeuge

Zu den spektakulären Funden in Schöningen gehören unter anderem die ältesten, vollständig erhaltenen Speere der Welt. Sie wurden auf einem altsteinzeitlichen Schlachtplatz gefunden und gelten als einmalig. Weitere an diesem Schlachtplatz geborgene Holz-, Stein- sowie Tierknochenartefakte geben Aufschluss darüber, wie die Menschen vor 300.000 Jahren wirtschafteten.

Zusammen belegen diese Fundstücke, dass die Menschen in Schöningen als erfolgreiche Jäger in der Lage waren, zu planen und gemeinsam vorzugehen. Weitere an diesem Schlachtplatz geborgene Holz-, Stein- sowie Tierknochenartefakte geben Aufschluss darüber, wie die Menschen vor 300.000 Jahren wirtschafteten. So verfügten sie bereits über eine Arbeitsteilung, kommunizierten miteinander und stellten spezialisierte Waffen und Werkzeuge her.

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Unter den bearbeiteten Knochen am altsteinzeitlichen Schlachtplatz entdeckten die Archäologen auch einen Oberarmknochen der eurasischen Säbelzahnkatze (Homotherium latidens), der dem Homo heidelbergensis offenbar als Schlagwerkzeug diente. Er ist damit der weltweit einzige Knochen eines solchen Tieres, der von einem Menschen zu einem Werkzeug umfunktioniert wurde, wie die Forscher berichten.

Noch ohne Feuer?

„Das Feuer war einer der bedeutendsten technologischen Fortschritte in der Evolution des Menschen“, erklären Conard und seine Kollegen. Doch ob die altsteinzeitlichen Bewohner von Schöningen bereits das Feuer nutzen und ihre Jagdbeute kochten oder grillten, war bisher unklar. Zwar fanden Archäologen verbrannte Holzreste, Feuersteine, die Spuren von Hitzeeinwirkung zeigten, sowie vier herdähnliche Gruben. Sollten dies tatsächlich Indizien für bewusst entfachte Feuer sei, wären dies die die frühesten Belege für eine Feuernutzung in Europa.

Doch die Wissenschaftler der Universität Tübingen kommen nun nach dem Einsatz von modernen Untersuchungsmethoden zu dem Schluss, dass es sich bei den Fundstätten wohl nicht um Feuerstellen handelt. Denn wie sich zeigte, beruht die vermeintlich auf Verkohlung zurückgeführte Verfärbung der Holzstücke auf Verrottung und in den Herdstätten fehlt jede Spur von Holzkohle.
„Dies wirft die Frage auf, ob die Menschen das eiszeitliche Mitteleuropa eventuell auch ohne Feuernutzung besiedelt haben könnten“, sagt Christopher Miller vom Institut für Naturwissenschaftliche Archäologie der Universität Tübingen.

„Ein Paradigmenwechsel“

„Die einzigartigen und in hoher Qualität erhaltenen Grabungsfunde haben zu einem Paradigmenwechsel – dem sogenannten Schöningen-Effekt – in unserer Sicht auf die menschliche Evolution in der Altsteinzeit geführt“, sagt Grabungsleiter Conard. Denn wie die Funde belegen, verfügte der Homo heidelbergensis bereits über die Techniken für ausgefeilte Waffen und Werkzeuge. Er lebte in einem Sozialgefüge, in dem man gemeinsam jagte, Arbeitsteilung praktizierte und kommunizierte ‒ alles Eigenschaften, die sonst nur dem modernen Menschen zugeschrieben wurden.

Der Sonderband des renommierten „Journal of Human Evolution“ präsentiert nun umfassend die Grabungsfunde von Schöningen. Der Sonderband und die einzelnen Artikel können hier kostenlos heruntergeladen werden.

Quelle: Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
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