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Geschichte+Archäologie

Homo naledi: Klein, aber oho

Homo naledi
Schädelfragmente des Homo naledi (Foto: John Hawks)

Die Fossilien des in Südafrika entdeckten Frühmenschen Homo naledi geben bis heute Rätsel auf. Denn obwohl diese Menschenart vor nur rund 250.000 Jahren lebte, war ihr Gehirn so winzig wie bei einem primitiven Vormenschen. Jetzt jedoch enthüllen Schädelfragmente des Homo naledi: Das Gehirn dieser Menschenart war zwar klein, aber schon überraschend weit entwickelt. Demnach könnte bei der Evolution unserer Art die reine Hirngröße eine geringere Rolle gespielt haben als bisher angenommen.

Als Forscher im Jahr 2013 in der Rising-Star-Höhle in Südafrika Überreste einer unbekannten Frühmenschenart entdeckten, war dies eine echte Sensation. Lee Berger von der Universität Witwatersrand und sein Team bargen die Relikte von mindestens 15 verschiedenen Individuen dieser Art aus der Höhle – zunächst ohne zu wissen, wie alt diese Überreste waren. Erst später ergaben Datierungen von Höhlensedimenten, dass der Homo naledi, wie die Forscher die neue Menschenart tauften, in der Zeit vor 335.000 bis 236.000 Jahren gelebt haben muss. „Damit existierte diese Gruppe der Homo naledi zur gleichen Zeit wie einige anatomisch moderne Menschen in Afrika“, erklären Ralph Holloway von der Columbia University in New York und seine Kollegen.

Mosaik von Merkmalen

Doch wo stand der Homo naledi im Menschenstammbaum? Diese Frage ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Denn die Knochen und Schädelfragmente zeigen ein verwirrendes Mosaik fortgeschrittener und sehr primitiver Merkmale. So besaß dieser Frühmensch bereits sehr moderne Hände und Füße. Der Fund der Skelette in zwei eigentlich unzugänglichen Höhlenkammern könnte nach Ansicht einiger Forscher zudem für ein absichtliches Begräbnis dieser Individuen sprechen – auch dies wäre ein Anzeichen für eine eher hohe Position im Menschenstammbaum. Demgegenüber steht jedoch das verblüffend winzige Gehirn dieser Frühmenschen: Mit einem Volumen von 460 bis 550 Millilitern war es deutlich kleiner als die Gehirne des Homo erectus und Homo rudolfensis. Stattdessen bewegte es sich in der Größenordnung des Australopithecus – eines schon vor drei Millionen Jahren lebenden noch relativ primitiven Vormenschen.

Jetzt haben Holloway und seine Kollegen unter den Fundstücken aus der Dinaledi-Höhle sieben Schädelfragmente entdeckt, die ihnen einen einzigartigen Einblick in die Hirnstruktur dieser rätselhaften Frühmenschen liefern. Denn die Innenseite dieser Knochenstücke zeigt charakteristische Abdrücke und Wölbungen, die bestimmte Hirnstrukturen hinterlassen haben. „Auf diesen Schädel habe ich meine ganze Karriere lang gewartet“, freut sich Holloway. Durch Vermessung dieser Endocasts genannten Abdrücke gelang es den Wissenschaftlern, einige neue und entscheidende Details zum Denkorgan des Homo naledi zu rekonstruieren.

Hirnstrukturen waren überraschend modern

Die Auswertungen enthüllten gleich mehrere Merkmale, die das Gehirn des Homo naledi erstaunlich modern erscheinen lassen. Eines davon ist die Form des Stirnlappens. Bei Menschenaffen und dem Australopithecus trägt er eine ausgeprägte Einkerbung am Hinterrand, den sogenannten fronto-orbitalen Sulcus. Beim modernen Menschen jedoch und auch bei Homo erectus und anderen frühen Homo-Arten ist diese Kerbe durch das Wachstum des Stirnlappens reduziert. Wie sich jetzt zeigt, ist dies auch beim Homo naledi der Fall: „Der Endocast des Homo naledi hat keinen fronto-orbitalen Sulcus mehr“, berichten die Forscher. Ein weiteres überraschend modernes Merkmal entdeckten sie am Hinterkopf des Homo naledi: Die linke Hirnhälfte war gegenüber der rechten ein wenig nach vorne verschoben. „Diese Asymmetrie ähnelt denen späterer Homo-Arten mit größeren Gehirnen“, so Holloway und seine Kollegen.

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Nach Ansicht der Anthropologen sprechen diese Funde dafür, dass der Homo naledi trotz seines geringen Hirnvolumens ein durchaus fortschrittliches Denkorgan besaß. Denn die jetzt festgestellten neuroanatomischen Merkmale stehen gängiger Theorie nach in engem Zusammenhang mit bestimmten Fähigkeiten der fortgeschritteneren Menschenarten – darunter der Werkzeugnutzung und der Sprache. „Noch ist es zu früh darüber zu spekulieren, ob Homo naledi sprechen konnte“, betont Co-Autor Shawn Hurst von der Columbia University. „Aber heute liegt das Sprachzentrum in dieser Hirnregion.“ Auch Areale für emotionales Lernen, die Planung motorischer Abläufe und das Erkennen sozialer Signale liegen in diesem Bereich.

Nach Ansicht der Wissenschaftler spricht die Präsenz dieser Merkmale bei Homo naledi, aber auch den anderen Vertretern der Gattung Homo dafür, dass sich diese Fähigkeiten möglicherweise unabhängig von der Größenzunahme des Gehirns entwickelt haben. Und auch diese Größenzunahme verlief offenbar weniger gradlinig als bisher gedacht. „Homo naledi liefert weitere Belege dafür, dass die Evolution der Hirngröße bei der Gattung Homo sehr unterschiedlich war und dass es kein einfaches Muster einer graduellen Größenzunahme im Laufe der Zeit gab“, sagen Holloway und seine Kollegen. Warum allerdings die Frühmenschen aus der Dinaledi-Höhle trotz ihres vergleichsweise geringen Alters ein so kleines Gehirn behielten, ist bisher noch rätselhaft.

Quelle: Ralph Holloway (Columbia University, New York) et al., Proceedings of the National Academy of Sciences, doi: 10.1073/pnas.1720842115

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