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Domestikationsgeschichte

Hundevielfalt schon in der Altsteinzeit

Schädel eines etwa 11.000 Jahre alten Hundes. (Bild: E.E. Antipina)

Forscher präsentieren neue Einblicke in die uralte gemeinsame Geschichte von Hund und Mensch: Sie haben das Erbgut aus 27 bis zu 11.000 Jahre alten Hundeskeletten untersucht. Dabei zeigte sich, dass es schon damals mindestens fünf verschiedene Abstammungslinien von Hunden gab, deren Erbe sich in späteren Rassen zu unterschiedlichen Anteilen mischte. Die Verbreitung der Hunde hängt dabei eng mit Wanderungsbewegungen der Menschen zusammen.

Hunde gelten als die „besten Freunde“ des Menschen. Wahrscheinlich wurden sie bereits vor 25.000 bis 40.000 Jahren domestiziert – als erste Tierart überhaupt. Anders als beispielsweise Schweine, die mehrfach unabhängig voneinander in verschiedenen Teilen der Welt domestiziert wurden, gehen dem heutigen Erkenntnisstand zufolge alle Hunde auf eine einzige, heute wahrscheinlich ausgestorbene Linie von Wölfen zurück. Dennoch gab es bereits vor 11.000 Jahren eine erhebliche genetische Vielfalt, wie ein internationales Team um Anders Bergström vom Francis Crick Institute in London nun gezeigt hat.

Knochenproben aus aller Welt

Dazu untersuchten die Forscher genetisches Material aus den Skeletten von 27 Hunden. „Die Hundeproben wurden aus Museen und anderen Sammlungen auf der ganzen Welt und von mehreren Mitgliedern dieses Teams zusammengetragen“, sagt Co-Autorin Anna Linderholm von der Texas A&M University. Die ältesten Proben waren fast 11.000 Jahre alt, stammen also aus einer Zeit, in der die Menschen noch als Jäger und Sammler lebten und außer Hunden noch keine anderen Tiere domestiziert hatten.

Schon damals wiesen die Hunde offenbar eine erhebliche genetische Vielfalt auf: Die Forscher identifizierten fünf verschiedene Abstammungslinien, die in späteren Rassen zu unterschiedlichen Anteilen vertreten waren. „Manche Unterschiede, die man heute bei Hunden sieht, hatten ihren Ursprung in der Eiszeit. Am Ende dieses Zeitabschnitts waren Hunde bereits auf der ganzen Welt verbreitet“, sagt Bergströms Kollege Pontus Skoglund.

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Diversität früher größer als heute

Anhand der Knochenproben aus verschiedenen Zeitepochen konnten die Forscher nachverfolgen, wie sich das Erbgut der frühen Hunde gemischt und verbreitet hat. Die ersten europäischen Hunde etwa stammten demnach von zwei sehr unterschiedlichen Hundepopulationen aus dem Nahen Osten und Sibirien ab. Im Verlauf der Jahrtausende nahm die Diversität jedoch ab. „Wenn wir mehr als vier- oder fünftausend Jahre zurückblicken, können wir erkennen, dass Europa im Hinblick auf Hunde eine sehr vielfältige Region war. Obwohl die europäischen Hunde so wie wir sie heute kennen eine so außergewöhnliche Vielfalt an Gestalten und Formen aufweisen, stammen sie genetisch gesehen nur von einer sehr begrenzten Teilmenge der damaligen Vielfalt ab“, erklärt Bergström.

Gemeinsame Geschichte mit dem Menschen

Viele Ereignisse, die sich in der genetischen Geschichte der Hunde ablesen lassen, hängen eng mit menschlichen Einflüssen zusammen. Das wiesen die Forscher nach, indem sie zusätzlich alte Genome von Menschen aus der gleichen Zeit in die Untersuchung einbezogen. Als beispielsweise die ersten jungsteinzeitlichen Bauern aus Anatolien nach Europa kamen, brachten sie offenbar ihre Hunde mit, sodass sich von da an deren Erbgut auch in Europa verbreitete. „Wir stellen einen klaren Zusammenhang zwischen der Bewegung von Menschen und der Einführung einer neuen Art von Hunden fest“, so Linderholm.

In anderen Fällen dagegen verbreiteten sich Hunde scheinbar unabhängig von ihren menschlichen Begleitern. So setzte sich eine Abstammungslinie von Hunden aus dem südlichen Schweden in weiten Teilen Europas durch, ohne dass entsprechende Wanderungsbewegungen von Menschen bekannt wären. Andersherum brachten nicht alle Völker ihre Hunde mit in neue Regionen.

Genfluss vom Hund zum Wolf

Mehrfach fanden den Genomdaten zufolge auch Vermischungen mit Wölfen statt. In den Genomen heutiger Wölfe aus verschiedenen Regionen der Welt lassen sich deutliche Einflüsse von Hunden aus den gleichen Regionen finden. Offenbar ging der Austausch aber nur in eine Richtung. Keine der untersuchten Hunderassen zeigte relevante Spuren von Wolfsgenen. Ein Grund dafür könnte sein, dass Mischlinge zwischen Hunden und Wölfen in Wolfsrudeln akzeptiert wurden und sich fortpflanzen konnten, während sie von Menschen ausgesondert wurden.

In weiteren Studien wollen sich die Autoren nun unter anderem der Frage widmen, wann und wo genau Hunde erstmals domestiziert wurden. „So wie die alte DNA die Erforschung unserer eigenen Vorfahren revolutioniert hat, tut sie dies nun auch für Hunde und andere domestizierte Tiere“, sagt Co-Autor Ron Pinhasi von der Universität Wien. „Dies ergänzt unser Verständnis der menschlichen Geschichte um eine weitere Ebene.“

Quelle: Anders Bergström (Francis Crick Institute, London) et al., Science, doi: 10.1126/science.aba9572

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