Anzeige
Anzeige
1 Monat GRATIS testen, danach für nur 9,90€/Monat!

Spätantike

Hunnen: Durch Dürre radikalisiert?

Künstlerische Darstellung eines Hunnen-Angriffs aus dem 19. Jahrhundert. © Clu/iStock

Gier nach Gold und Macht mobilisierte die Hunnen zu ihren berühmt-berüchtigten Raubzügen durchs Römische Reich, heißt es. Doch möglicherweise spielte zumindest zu Beginn auch schlicht Hunger eine Rolle, lässt eine Studie vermuten: Schwere Dürren im heutigen Ungarn könnten im 5. Jahrhundert zur Radikalisierung der hunnischen Völker beigetragen haben, geht aus einer Untersuchung von Baumringdaten aus der Region hervor. Die starke Gewaltbereitschaft könnte zu den Strategien gehört haben, um sich gegen die schweren wirtschaftlichen Herausforderungen in den schlechten Zeiten abzusichern, sagen die Wissenschaftler.

Sie avancierten zum Alptraum der spätantiken Römer: Von Osten kommend breiteten sich die als Hunnen bezeichneten Nomadenvölker im 4. und 5. Jahrhundert n. Chr. zunächst immer mehr nach Westen aus und wurden dabei zu einer Triebfeder der Völkerwanderung. Sie ließen sich dann schließlich teilweise im Donaugebiet nieder. Diese Region im heutigen Ungarn bildete für einige Zeit das Machtzentrum der Hunnen, wo sie Ackerbau und Viehzucht betrieben und mit den Römern in komplexer Weise in Kontakt traten. Unter dem berühmten Heerführer Attila eskalierte dann in den späten 430er Jahren die Gewalt: Die Hunnen fielen zunehmend in die angrenzenden weströmischen Provinzen ein. Im Jahr 451 n. Chr. drangen sie dann in Gallien ein, und ein Jahr später stießen sie bis nach Norditalien vor. Diese Destabilisierung gilt als einer der Schlüsselfaktoren für das Ende des Römischen Reiches.

Baumringdaten und historischer Kontext

Mit der noch immer teils mysteriösen Geschichte der Hunnen beschäftigen sich Susanne Hakenbeck und Ulf Büntgen von der University of Cambridge. Im Rahmen ihrer aktuellen Studie sind sie der Frage nachgegangen, ob auch im Fall der Hunnen klimatische Faktoren eine Rolle gespielt haben könnten. Denn es werden bereits verschiedene historische Entwicklungen mit Dürren oder anderen klimatischen Ereignissen in Verbindung gebracht. Die neuen Schlussfolgerungen basieren teilweise auf Untersuchungsergebnissen von Baumringen. Sie stammen von Bohrkernen aus Eichenholz der Donau-Region. Anhand bestimmter Isotopenverhältnisse im Holz der Jahresringe sind dabei Rückschlüsse auf die Feuchtigkeitsbedingungen im Verlauf der letzten 2000 Jahre möglich. “Baumringdaten bieten uns eine erstaunliche Möglichkeit, die klimatischen Bedingungen mit den menschlichen Aktivitäten auf Jahresbasis zu verknüpfen“, sagt Büntgen.

Wie die Forscher berichten, geht aus den Daten hervor, dass es im Bereich des einstigen Kernlandes der Hunnen im heutigen Ungarn im 4. und 5. Jahrhundert zu Episoden mit ungewöhnlich trockenen Sommern gekommen ist. Wie sie erklären, könnten insbesondere die Dürren zwischen 420er und 450er Jahren n. Chr. die Ernteerträge und das Weideland für Tiere dort stark beeinträchtigt haben. “Wenn die Ressourcenknappheit extrem wurde, waren die sesshaften Bevölkerungsgruppen möglicherweise gezwungen, umzuziehen, ihre Subsistenzpraktiken zu diversifizieren und zwischen Ackerbau und mobiler Viehzucht zu wechseln“, sagt Hakenbeck. Dabei könnte es allerdings auch zu sozialen und politischen Veränderungen gekommen sein. „Wir haben festgestellt, dass Dürreperioden, die sich in biochemischen Signalen in den Jahrringen widerspiegeln, mit einer Intensivierung der Raubzüge in der Region zusammenfielen“, sagt Büntgen.

Anzeige

Von Hirten zu Plünderern

Den Forschern zufolge verdeutlichen historische Quellen, dass die römische und hunnische Diplomatie äußerst komplex war. “Ursprünglich handelte es sich um für beide Seiten vorteilhafte Vereinbarungen, die den hunnischen Eliten Zugang zu großen Mengen Gold verschafften. Dieses System der Zusammenarbeit brach dann allerdings in den 440er Jahren zusammen, was zu regelmäßigen Überfällen auf römische Ländereien führte“, sagt Hakenbeck. Die Studie legt nahe, dass ein Grund für einige der Hunnenangriffe auf die Provinzen Thrakien und Illyricum eher in der Beschaffung von Nahrungsmitteln und Vieh bestand als in der Beschaffung von Gold. Auch eine historisch belegte Forderung Attilas scheint dazu zu passen: Die Autoren vermuten, dass er einen “fünf Tagesreisen breiten” Landstreifen entlang der Donau beanspruchte, weil dieser in Zeiten der Dürre bessere Weidegründe hätte bieten können.

Den Forschern zufolge erscheint plausibel, dass die extrem trockenen Sommer in der Region letztendlich auch mit den verheerendsten Raubzügen der Hunnen verbunden waren. “Das Klima verändert die Nutzungsmöglichkeiten der Umwelt, und dies kann die Menschen zu Entscheidungen veranlassen, die sich auf ihre Wirtschaft und ihre soziale und politische Organisation auswirken. Solche Entscheidungen sind dabei oft nicht einfach rational, und ihre Folgen können langfristig sein“, so Hakenbeck.

Quelle: University of Cambridge, Fachartikel: Journal of Roman Archaeology, doi: 10.1017/S1047759422000332

Anzeige

DAMALS | Aktuelles Heft

Bildband DAMALS Galerie

Der Podcast zur Geschichte.

Geschichten von Alexander dem Großen bis ins 21. Jahrhundert. 2x im Monat reden zwei Historiker über ein Thema aus der Geschichte. In Kooperation mit DAMALS – Das Magazin für Geschichte.

Hören Sie hier die aktuelle Episode:

Anzeige

Wissenschaftslexikon

Rück|griff  〈m. 1; Rechtsw.〉 = Regress

Be|sitz|schutz  〈m.; –es; unz.; Rechtsw.〉 gesetzl. gewährleisteter Schutz gegen Besitzstörung u. Besitzentziehung

Down|load  〈[dnld] n. 15 od. m. 6; IT〉 Ggs Upload 1 das Herunterladen, Kopieren von Dateien (z. B. aus dem Internet) auf den eigenen Computer … mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige
[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]