Im „Sündenbabel“ - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Geschichte+Archäologie

Im „Sündenbabel“

Im 19. Jahrhundert glaubten die meisten nicht ernsthaft, dass man Prostitution grundsätzlich verbieten könne, schon allein deswegen, weil das männliche Triebleben nach Abwechslung verlange. Reglementieren aber wollte man das horizontale Gewerbe, fürchtete man doch die Ansteckung mit Syphilis. So wurde, unabhängig davon, ob Bordelle in den Städten existierten oder nicht, die Registrierung und regelmäßige ärztliche Untersuchung der Dirnen eingeführt. Daneben blühte weiterhin die illegale Prostitution. Als wahres „Sündenbabel“ galt etwa Berlin.

Doch woher kamen die Dirnen überhaupt, warum hatten sie sich zu diesem Lebenswandel entschlossen, wo verkehrten und wie lebten sie? Diese Fragen hatte 1869 der protestantische Geistliche Alfred Ragotzky, der am Berliner Stadtgefängnis tätig war, 100 dort inhaftierten Prostituierten gestellt. Mit den so gewonnenen Informationen hatte er gehofft, effektivere Wege zur „Rettung“ der „gefallenen Mädchen“ finden zu können. Bettina Hitzer und Michael Häusler haben das Ergebnis der Befragung Ragotzkys herausgegeben und mit einer kenntnisreichen Einleitung und Auswertung der Interviews versehen (Berlin-Brandenburg 2010).

Die Frauen kamen zumeist aus der Unterschicht; sehr viele waren Berlinerinnen, entsprachen also nicht dem Klischee des „verführten Mädchens vom Land“. Für die Frauen war kaum der oft unterstellte Wunsch nach dem „schnellen Geld“ bestimmend für den Schritt in die Prosti‧tution, sondern viel häufiger eine soziale Notlage. Viele kamen aus zerrütteten Familien, konnten also auf keine Unterstützung rechnen und verfügten über nur sehr geringe Einkünfte.

Die 15-jährige Pauline Pillon etwa hatte erleben müssen, dass ihre Mutter sie und ihren kleinen Bruder bei Nacht und Nebel verlassen hatte und sie sich allein durchschlagen musste. Auch wenn Frauen arbeiteten, reichte ihr Lohn oft kaum zum Leben. Andere hatten mehrfach ihre Stellung als Dienstmädchen verloren. Da in Berlin Bordelle offiziell verboten waren, betrieben die Frauen ihr zum Teil durch Zuhälter vermitteltes Gewerbe in angemieteten Zimmern oder Schlafstellen. Als Vermieterinnen fungierten oft Witwen, die so ihre ebenfalls schmale Geldbörse füllen wollten, allerdings mit einer Anzeige wegen Kuppelei rechnen mussten, da sie nach der Gesetzesdefinition „der Prostitution Vorschub leisteten“.

Auf die Frage nach ihrer Zukunft gaben etliche der Befragten an, sie hofften, wieder ein ehrbares Leben beginnen zu können. In der Tat gelang es Prostituierten gar nicht so selten zu heiraten, wobei allerdings dies noch kein ausreichendes Indiz für einen geänderten Lebenswandel darstellt, denn so manche Prostituierte heiratete auch ihren Zuhälter. Als Ehefrau war sie von der ärztlichen Untersuchungspflicht befreit.

Anzeige

Quelle: Dr. Heike Talkenberger
Anzeige

DAMALS | Aktuelles Heft

Bildband DAMALS Galerie

Anzeige

Wissenschaftslexikon

Stech|im|me  〈f. 19; Zool.〉 Angehörige einer Unterordnung der Hautflügler, bei denen das Legrohr zu einem Wehrstachel umgebildet ist: Aculeata

♦ Elek|tro|fil|ter  〈m. 3〉 elektr. Vorrichtung zum Abschneiden feiner Staube aus Gasen

♦ Die Buchstabenfolge elek|tr… kann in Fremdwörtern auch elekt|r… getrennt werden.

Mas|sen|de|fekt  〈m. 1; Phys.〉 die Erscheinung, dass das tatsächliche Gewicht von Atomkernen geringer ist, als es sich aus der Summe der sie aufbauenden Protonen u. Neutronen ergibt, die fehlende Masse wird in Bindungsenergie umgewandelt

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige