Innere Werte? Vergiß es! - wissenschaft.de
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Innere Werte? Vergiß es!

Wenn das Aussehen nicht stimmt, hilft es in der Partnersuche kaum, gebildet und hilfreich zu sein.

Hamburg Hauptbahnhof, 7:30 Uhr. Der ICE nach Berlin wird in wenigen Minuten abfahren. In einem Abteil der 2. Klasse sitzt eine Frau am Fenster. Sie ist Anfang 30. Kurz bevor der Zug anrollt, öffnet ein Mann die Tür des Abteils. Er trägt einen Anzug und ist etwa Anfang 40. „Ist hier noch frei?“ Die Frau blickt ihn kurz an, lächelt und nickt. Nachdem er seinen Aktenkoffer, verstaut hat, setzt er sich ihr schräg gegenüber. „Ganz schön kalt geworden,“ eröffnet er das Gespräch. „Fahren Sie öfter mit diesem Zug?“ „Nein, es ist das erste Mal“, antwortet die Frau und fährt sich durchs blonde Haar. Der Mann überlegt: Würde sie ihm ihre Telefonnummer geben?

Beide wissen es noch nicht, aber die Entscheidung darüber ist schon gefallen, bevor sie die ersten Worte wechselten. Ein kurzer Seitenblick genügt, sagen Verhaltensforscher, um ein zufälliges Gegenüber abzuchecken und das weitere Handeln – oft noch unbewußt – zu steuern. In 100 Millisekunden ist ein Mensch bewertet und eingeordnet. Das ist das Ergebnis von Versuchen, in denen Testpersonen nur kurze Zeit das Bild eines Gesichts sehen durften. Der blitzartige Eindruck reichte den Befragten, um eine verblüffend genaue Vorstellung über die Persönlichkeit des Porträtierten zu entwickeln. Sie glaubten zu erkennen, ob es sich um eine sehr männlich oder sehr weiblich aufttretende Person handelte, wie groß ihre Bereitschaft zur Kooperation sei und ob sie geeignet wäre, einen bestimmten Job zu übernehmen – oder ob sie als Beziehungspartner in Frage kommen würde. Darüber entscheidet – allen sachlichen Einwänden zum Trotz – an erster Stelle das Aussehen. Das gilt auch, wenn Frauen Männer beurteilen.

Noch zwanzig Minuten bis Berlin. Während der Zug durch die Landschaft rast, denkt die Frau: „Was er wohl beruflich macht. Er sieht aus wie ein Manager, vielleicht bei einer Bank oder Versicherung.“ Er denkt: „Gute Figur, aber lange Haare würden ihr besser stehen.“

Zählen innere Werte gar nicht? Immerhin belegen sie bei der Analyse von Heiratsanzeigen regelmäßig die vorderen Ränge. Eine Untersuchung der amerikanischen Sozialpsychologen David M. Buss und Michael Barnes zum Thema Idealfrau und Traummann kam zu folgendem Ergebnis: Frauen wünschen sich Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit, Rücksichtnahme, Freundlichkeit, Kinderfreundlichkeit, soziale Beachtung, guten Verdienst, Ehrgeiz und Karriereorientierung, guten familiären Hintergrund sowie stattliche Körpergröße. Männer suchen eine Partnerin, die attraktiv aussieht, gut kochen kann und sparsam ist. Männer bevorzugen jüngere Frauen. Frauen dagegen wählen gerne einen älteren Mann mit einem entsprechend höheren gesellschaftlichen Status. Ein Horrorergebnis für Feministinnen. Hat denn die Emanzipation der Frau gar nichts verändert? An dieser Frage scheiden sich auch in der Wissenschaft die Geister.

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In Anlehnung an Darwin gehen die Evolutionspsychologen davon aus, daß im Mittelpunkt menschlichen Handelns die Fortpflanzung steht. Dabei geht es nicht – wie Darwin noch glaubte – um die Erhaltung der Art, sondern um die Weitergabe der eigenen Gene. Dieses Programm, das in Millionen Jahren entstanden ist, haben ein paar hundert Jahre Zivilisation nicht verändert.

Vertreter einer mehr sozialwissenschaftlichen Theorie gehen davon aus, daß die Geschlechter unterschiedliche Kriterien bei der Partnerwahl haben, weil Männer und Frauen unterschiedliche Chancen in der Gesellschaft haben. Die Vertreter dieser These behaupten: Wenn sich die Bedingungen für die Geschlechter in einer Gesellschaft in Bezug auf Bildung, Macht und Arbeit angleichen, nähern sich auch die Kriterien bei der Partnerwahl an.

Als der Zug in den Berliner Bahnhof einfährt, schafft es der anscheinend gutverdienende Mittvierziger, seiner jüngeren und attraktiven Mitreisenden seine Visitenkarte zu geben. Sie steckt das Kärtchen lächelnd ein. Dann steigt sie aus – und wirft sich in die Arme eines Milchbubis in abgerissener Lederkluft.

Heike Buchter
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