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Geschichte+Archäologie

INVASION AUS DER STEPPE

Archäologen vermuten: Vor fast 5000 Jahren ist ein Hirtenvolk vom Schwarzen Meer bis tief ins europäische Binnenland gezogen. Wie viel hat es zum Gen-Pool der heutigen Europäer beigetragen?

„FAKTOR X“ – das klingt nach einem Mysterium. Und es ist auch eines. Die Mainzer Archäogenetiker Barbara Bramanti und Joachim Burger haben diesen Begriff 2009 verwendet, in einer Veröffentlichung im Fachblatt „Science“. Anhand von DNA-Analysen hatten die Forscher mit ihrem Team nachgewiesen: Die heutigen Europäer sind genetisch nicht bloß eine Mischung aus zwei Genom-Typen – aus alteingesessenen Jäger-Sammlern und den vor 7500 Jahren zugewanderten ersten Bauern (siehe nachfolgender Beitrag „Europas rätselhafte Ahnen“). Es fehlt noch etwas, um die genetische Zusammensetzung des heutigen europäischen Gen-Pools zu erklären – eben jener geheimnisvolle „Faktor X“.

Vielleicht, so spekulierten die Mainzer, gab es eine weitere große Einwanderungswelle – eine, die die Archäologen bisher noch nicht dingfest machen konnten. Sie müsste nach dem Zuzug der neolithischen Bauern stattgefunden haben, aber noch vor dem Beginn der Geschichtsschreibung in Europa – denn eine vielköpfige Zuwanderung zu ihren Lebzeiten hätten die antiken Historiker in ihren Annalen festgehalten. So ergibt sich ein Zeitfenster für die hypothetische Invasion zwischen 5000 und 700 v.Chr. Und siehe da: Es gibt passende Verdächtige. Wolfram Schier vom Institut für Prähistorische Archäologie der Freien Universität Berlin hat einen heißen Tipp.

HÜGELgräber VOM URAL BIS UNGARN

„Für eine vorgeschichtliche Einwanderung kommen auf jeden Fall die Menschen der Jamnaja-Kultur in Betracht“, erklärt der Archäologie-Professor. Diese Bevölkerungsgruppe (in der deutschen Fachliteratur auch „Grubengrab-Kultur“ genannt) an der Schwelle zwischen Später Kupferzeit und Früher Bronzezeit, zwischen 3100 und 2500 v.Chr., lebte ursprünglich in den nordkaspischen und nordpontischen Steppen – in der Region südlich des Ural-Gebirges bis nordwestlich des Schwarzen Meeres. Was sie zu Kandidaten für den unbekannten „Faktor X“ im Gen-Pool der Europäer macht, ist dies: „Noch in der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends v.Chr. tauchen Hügelgräber der Jamnaja-Kultur im unteren Donautal auf. Man findet sie häufig in Bulgarien, aber auch in der Theiß-Ebene im heutigen Ungarn“, sagt Wolfram Schier.

„Das ist selbstverständlich noch kein Beweis für eine massive Einwanderung aus dem Osten“, räumt der Berliner Archäologe ein. Aber es ist ein Anfangsverdacht – dem er seit 2008 gezielt nachgeht, zusammen mit einem großen internationalen Team, das in zwei einander ergänzenden Projekten arbeitet:

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· Unter der Leitung von Schier und dem Eurasien-Spezialisten Hermann Parzinger, koordiniert von Schiers Institutskollegin Elke Kaiser, läuft bis 2013 das Projekt „Räumliche Effekte technologischer Innovationen und veränderter Lebensstile“. Es geht in erster Linie um die Jamnaja-Menschen. In einer Materialschlacht ohnegleichen haben die Archäologen Zahn- und Knochenproben von 250 Skeletten aus Gräbern zwischen Kasachstan und Ungarn genommen. Partner an der University of Bristol messen derzeit die Strontium-Isotope in den Proben – ihr Spezialgebiet. Forscher an der University of Oxford analysieren die Isotope von Kohlenstoff und Stickstoff.

· Probenmaterial ging ebenfalls an den Archäogenetiker Joachim Burger in Mainz: In den Reinräumen des DNA-Labors der Universität forschen er und sein Team nach erhaltener Erbsubstanz der Jamnaja-Toten. Die Auswertungen werden voraussichtlich bis Frühjahr 2012 dauern.

Der Anteil des Isotops Stickstoff-15 in den Knochen erlaubt Rückschlüsse darauf, ob der betreffende Mensch sich zu Lebzeiten vorwiegend pflanzlich oder von Fleisch ernährt hat – ein Hinweis auf ein Leben als Bauer beziehungsweise als Viehzüchter oder Jäger. Das Isotop Kohlenstoff-13 besagt etwas über das Biotop, aus dem die Nahrung stammte: Binnenland oder Süßwasser oder Meerwasser. Außerdem lassen sich daran sogenannte C-3- von C-4-Pflanzen unterscheiden, also beispielsweise eine Ernährung auf der Basis von Hirse oder von anderen Getreiden nachweisen. Die Strontium-Analyse liefert Angaben über die individuelle Mobilität (siehe Kasten „Was Strontium verrät“). Die Kohlenstoff-14-Analyse bezeugt das Alter der Skelette. Die Kombination aus Strontium- und Kohlenstoff-14-Analyse kann einen Hinweis auf das Wandertempo liefern. Auch die DNA-Spuren könnten einen Gen-Fluss von Ost nach West belegen.

„Was wir am Ende erreichen möchten“, erläutert Koordinatorin Elke Kaiser, „sind Antworten auf diese Fragen: Wie viele Menschen der Jamnaja-Kultur sind an ihren Sterbeort von auswärts zugewandert – und von woher? Wann genau war das? Und: Wie schnell verlief die Migration?“ Dieses Projekt ist ein wissenschaftliches Wagnis, wie die Berliner Archäologin weiß: „Es ist weltweit der erste Versuch, mit naturwissenschaftlichen Methoden zu beweisen, dass eine Bevölkerung vor rund 5000 Jahren großräumig gewandert ist.“

IM LAND DER KURGANE

Was die Archäologen bislang über die Menschen der Jamnaja-Kultur wissen, ist wenig. Dabei wurde bereits eine fünfstellige Zahl ihrer Hügelgräber („Kurgane“) entdeckt. Wie viele genau im Steppengürtel zwischen den Karpaten und dem Kaspischen Meer stehen, von der Waldgrenze im Norden bis zur Schwarzmeerküste und bis zum Kaukasus, ist unbekannt. Bei 12 000 haben die russischen Wissenschaftler die Lust am Zählen verloren.

„Früher glaubte man, Hügelgräber gäbe es erst seit Beginn der Jamnaja-Kultur“, sagt Elke Kaiser. „Heute weiß man, dass es schon davor welche in der Steppe gab. Diese Hügelgräber der Kupferzeit sind allerdings sehr unterschiedlich, es gibt keinen gemeinsamen Nenner. Aber mit einem Schlag, ab 3100 v.Chr., sind sie total gleichartig – ob weit im Osten bei Astrachan oder im Westen bei Odessa.“ Aus dieser Normierung der Bestattungssitten über eine Ost-West-Distanz von 1500 Kilometern (siehe Karte unten) schließt die Archäologin auf einen gemeinsamen Kulturraum, und damit auch auf eine gemeinsame Vorstellungswelt. „Ich glaube daher auch“, so Kaiser, „dass die Menschen sich über diese Distanz miteinander verständigen konnten“ – mithin im ganzen Steppengürtel eine gemeinsame Sprache sprachen.

In den älteren Hügelgräbern der Jamnaja-Kultur liegt oft nur ein einzelner Bestatteter in einer eingetieften Grube (russisch: „ Jama“), mal in Rücken-, mal in Seitenlage mit angezogenen Beinen, bestäubt mit gemahlenem rotem Ocker. Noch vor einigen Jahrzehnten sprachen die Archäologen deswegen von „Früher Ockergrab-Kultur“. 1956 hatte die litauisch-amerikanische Prähistorikerin Marija Gimbutas dafür den Namen „Kurgan-Kultur“ geprägt – und mit einem ideologischen Szenario überwölbt.

Demnach hatte das – wie sie behauptete – kriegerische Steppenvolk der Kurgan-Kultur zwischen dem 5. und dem 3. Jahrtausend v.Chr. die friedfertigen, matriarchalisch geprägten Ackerbauern des Balkans und Mitteleuropas überrannt und ihnen ihre Herrschaft und Sprache – das Indoeuropäische – aufgezwungen. Der US-Archäologe David Anthony trat 2007 in Gimbutas‘ Fußstapfen und ließ in seinem Buch „The Horse, the Wheel, and Language – How Bronze Age Riders from the Eurasian Steppes Shaped the Modern World“ schon ab 4000 v.Chr. die Steppenvölker hoch zu Ross Europa erobern. Selbstverständlich sollten sie, wie vor 50 Jahren bei Gimbutas, die Träger der indoeuropäischen Ur-Sprache gewesen sein.

Was sagen die Fakten? Zwar hält es auch der angesehene Würzburger Sprachforscher Heinrich Hettrich für möglich, dass in der Jamnaja-Kultur die Grundform des Indogermanischen gesprochen wurde. Beweisen lässt sich das aber nicht – Knochen sind stumm, und es gibt keine schriftlichen Zeugnisse. Unsicherheit auch beim Thema „Reiten“: Alan Outram von der University of Exeter berichtete 2009 in Science, er und sein Team hätten an der kasachischen Fundstätte Botaj – datiert auf 3500 v.Chr. – Abriebspuren an Pferdezähnen entdeckt, die charakteristisch für das Tragen von Zaumzeug seien. Also könnte man annehmen, die einige Jahrhunderte später lebenden Jamnaja-Menschen hätten ebenfalls gezähmte Pferde besessen und wären geritten. Outrams Untersuchung in Botaj ist allerdings der einzige so frühe Hinweis. „Ein Fund ist kein Fund“, lautet der alte Archäologen-Kalauer. Der Archäozoologe Norbert Benecke vom Deutschen Archäologischen Institut sieht unstrittige Belege für domestizierte Pferde östlich des Urals erst nach 2500 v.Chr. – da war die Jamnaja-Kultur bereits von ihrer Nachfolgerin, der Katakombengrab-Kultur, abgelöst.

Bleibt die Frage nach der kriegerisch-aggressiven Grundhaltung: Sie sollte sich anhand der Ausgestaltung der Gräber und der Grabbeigaben klären lassen. Kein Krieger im mykenischen Griechenland hätte sich ohne Schild und Speer bestatten lassen, kein frei geborener Alemanne der Völkerwanderungszeit lag ohne sein Langschwert im Grab. Die Krieger-Eliten aller Kulturen protzten auch im Tod noch mit ihren Waffen. In Jamnaja-Bestattungen jedoch finden sich überhaupt keine. Die Grablegen sind überhaupt ernüchternd arm an jeglichen Beigaben – die Bezeichnung „schlicht“ wäre noch stark untertrieben.

Krieger-Gräber sehen anders aus

Die einfachsten Gräber sind tiefe rechteckige oder ovale Gruben am Grund der Hügelgräber. In den besseren wurde ein seitlicher Absatz neben der Grube stehen gelassen, sodass der Tote mit Holzbalken, Steinplatten oder Schilfmatten abgedeckt werden konnte. Manche Gräber enthalten Einbauten von Stützpfosten. Zwei Drittel der Toten sind erwachsene Männer – denen ließ man bevorzugt die Ehre einer Kurgan-Beisetzung zukommen. Die Größe der Hügelgräber richtete sich hauptsächlich nach der Körpergröße der Bestatteten, eine ausgeprägte soziale Schichtung unter den Jamnaja-Menschen ist nicht erkennbar.

Von den Skelettresten abgesehen sind die Gräber oft leer. Als häufigste Grabbeigabe finden sich Tierknochen. Es folgen Keramikgefäße, dann knöcherne Perlen und durchbohrte Tierzähne als Bestandteile von Hals- oder anderen Schmuckketten, knöcherne Gerätschaften, Nadeln mit T-förmigem Kopf („Hammerkopfnadeln“), Feuersteinabschläge und selten auch kleine Dolche aus Kupfer oder Arsenkupfer – einer Legierung aus dem Kaukasus, die die aufkommende Bronzezeit ahnen lässt. Kurzum: Gräber von Kriegern sehen anders aus.

Verstorbene von besonderem gesellschaftlichem Ansehen pflegten die Jamnaja-Menschen auf andere Weise zu adeln als mit Waffen oder Schmuck: In bisher rund 200 Hügelgräbern, also grob gerechnet etwa in jedem hundertsten Grab, entdeckten die Archäologen hölzerne Scheibenräder und Wagenteile, teils auch ganze hölzerne Wagen. Sie brachten zurzeit ihres Gebrauchs bereits in leerem Zustand 200 Kilogramm auf die Waage und müssen daher nicht von Pferden, sondern von Ochsen gezogen worden sein. Pferdegezogene (Streit)wagen mit Speichenrädern gibt es erst seit 2100 v.Chr., erfunden in der sibirischen Sintaschta-Kultur. Die Jamnaja-Gefährte hingegen waren – sehr unkriegerische – vierrädrige Planwagen. Tonmodelle zeigen, dass zumindest häufig auf dem hölzernen Unterbau ein vorne offenes mützenartiges Zelt stand.

HALBNOMADEN AUF WANDERSCHAFT

Die Steppenbewohner der Jamnaja-Kultur lebten höchstwahrscheinlich als Halbnomaden. Zumindest in der warmen Jahreszeit waren sie mit ihren Rinderherden – im trockenen Osten stattdessen mit den anspruchsloseren Schafen – ständig auf Wanderschaft, von einer Sommerweide zur nächsten. Die Winter verbrachten sie wohl an Fluss- und Seeufern: Es fanden sich Reste ihrer Siedlungen entlang der großen russischen und ukrainischen Ströme. Am besten untersucht ist der Fundplatz Michajlovka am unteren Dnjepr. Da die Holzhäuser ohne tief gründende Fundierungen gebaut waren, haben sie nicht einmal Pfostenspuren hinterlassen.

Dass jede Familie über einen eigenen Planwagen verfügt haben könnte, weist Elke Kaiser weit von sich. „Es mag verführerisch sein, sich einen Wagentreck der Jamnaja-Menschen vorzustellen, wie sie mit ihren Tieren über die Steppe und irgendwann auch das Donautal heraufziehen“, sagt sie. „Aber das Baumaterial Holz war in der Steppe Mangelware, und der Bau eines Wagens – vor allem der Räder – erfordert spezielles Know-how. Ich nehme an, diese Wagen waren ausgesprochene Statussymbole, in deren Genuss nur wenige kamen. Dass dann etwas so Kostbares einem Verstorbenen ins Grab mitgegeben wurde, war eine Auszeichnung über den Tod hinaus.“

Solch ein plumpes Gefährt, das über die straßenlose Steppe rumpelte, galt den Menschen vor 5000 Jahren wohl als Prunkkarosse – und als ein Mittel zu wirtschaftlicher Prosperität, erläutert die Berliner Archäologin. Denn auf dem Ochsenwagen ließen sich Vorräte, Werkzeug und anderer Hausrat auf die Reise mitnehmen. Wer über eines der kostbaren rollenden Zelte verfügte, erreichte auch weit entfernte, noch nicht abgegraste Weideflächen. Das war ein markanter Vorteil gegenüber denen, die zu Fuß und mit entsprechend kleinem Gepäck wandern mussten. Dieser Vorteil dürfte sich bald in größeren Herden und gesteigertem Ansehen in der Gemeinschaft niedergeschlagen haben. Mit der Folge: Wer viel hat, kann anderen etwas schenken – und dadurch ihre Gefolgschaft gewinnen. So festigt er mit der Zeit einen Führungsanspruch. Und schafft es am Ende seiner Tage, hochverehrt, ins privilegierte Kurgan-Grab – samt einem Wagenrad, als Zeichen seines hohen Ranges zu Lebzeiten.

RÄDER: WER KAM AUF DIE IDEE?

Die begehrten Statussymbole – 60 bis 70 Zentimeter im Durchmesser – waren meist aus drei miteinander verzapften Brettern gefertigt, das mittlere Brett trug die Nabe. Haben die Rinderhirten etwa das Rad erfunden? „Es sieht nicht so aus“, sagt Wolfram Schier vorsichtig. „Die ältesten Hinweise auf den Gebrauch von Rad und Wagen stammen aus der Zeit vor 3500 v.Chr. vom westlichen Steppenrand – aus der kupferzeitlichen Tripolje-Kultur in der West-Ukraine und Moldawien. Dort hat man Gefäße in Tiergestalt auf Schlittenkufen ausgegraben, die häufig durchlocht sind – für das Durchstecken von Achsen mit Tonrädern, die ebenfalls gefunden wurden.“ Am südlichen Steppenrand, in der Majkop-Kultur im Kuban-Gebiet, tauchen an der Fundstelle Novokorsunskaja etwa 3400 v.Chr. erstmals Wagenteile in Gräbern auf.

Dazwischen jedoch, im Steppeninneren, finden sich vor 3100 v.Chr. keinerlei Rad- oder Wagenbeigaben bei Bestattungen. Die gibt es erst seit dem Beginn der Jamnaja-Kultur. Gut vorstellbar, dass die Jamnaja-Menschen die Erfindungen ihrer sesshaften Nachbarn für ihre nomadischen Bedürfnisse perfekt adaptiert haben – am Ende eines revolutionären Jahrtausends, das eine Fülle neuer Möglichkeiten brachte. „Im 4. Jahrtausend fand in ganz Europa eine Explosion von Innovationen statt“, erklärt Schier. „ Kupferverhüttung und Metallguss mit zweiteiliger Gussform, das Rad, der vierrädrige Wagen plus Deichsel plus Einsatz von Zugtieren, schließlich die Zucht des Wollschafs sowie das Spinnen und Weben von Wolle“, zählt der Archäologe auf. Die Innovationswelle rollte in wenigen Hundert Jahren über den gesamten Kontinent.

Während das Hirtenvolk mit seinen Tieren jahrein, jahraus im saisonalen Zyklus über die angestammten Weiden wanderte, zog ein großräumiger Klimawandel herauf. Pollenanalysen belegen: Das Klima in Osteuropa wurde kontinentaler – die Sommer heißer und regenärmer, die Winter frostiger. Die Klimatologen sprechen vom „ Subboreal“, das das vorangegangene feuchtwarme „Atlantikum“ ablöste und bis etwa 500 v.Chr. dauern sollte. Die nordpontischen und nordkaspischen Steppen trockneten von Osten her immer mehr aus.

Was tun, wenn das Gras schon im Juni gelb und saftlos ist, die Wasserlöcher versiegen und das Vieh vor Durst brüllt? Nomaden ziehen dann woandershin, wo die Weiden grüner sind. Daher mag ein Teil der Jamnaja-Bevölkerung in Richtung Balkan abgewandert sein, mutmaßen die Archäologen. Das stärkste Verdachtsmoment: Entlang der alten Völkerstraße Donautal, von der rumänischen Walachei bis nach Ungarn, stehen diese seltsamen Hügel. Gräbt man sie auf, stößt man auf ockerbestäubte Skelette in Rückenhocker- oder Seithockerlage, teils mit Wagenfunden: eindeutig die Tradition der Ockergräber aus den Steppen des Ostens. Nur eine neue Bestattungssitte, die sich bis ins Herz Europas verbreitete? Oder sind diese Kurgane die Zeugen einer massiven Einwanderung mit knarrenden Ochsenkarren und vielköpfigen Herden? Sind die heutigen Europäer auch Nachkommen der Nomaden vom Schwarzen Meer?

AHA-ERLEBNIS AN DER THEISS

Das ist die große Frage, die die Forscher jetzt klären wollen. Das Berliner Team-Mitglied Claudia Gerling hat sich im Rahmen ihrer Doktorarbeit in die Materialschlacht der Strontium-Analysen geworfen. Sie sollen Aufschluss geben, welche Bestatteten von Ort und Stelle stammen und welche zugewandert sind. Obwohl das Projekt erst 2012 abgeschlossen sein wird, verrät Gerlings Chef Wolfram Schier – exklusiv für die Leser von bild der wissenschaft – ein erstes Ergebnis. „Bei mehreren Skeletten aus Kurganen östlich der Theiss in Ungarn hat Claudia Gerling nachgewiesen: Die Strontium-Isotopenverteilung in den Zähnen deckt sich überhaupt nicht mit der dort gut bekannten Isotopenverteilung in den Böden, in denen die Menschen bestattet wurden. Das sind sehr überzeugende Daten“, freut sich der Berliner Forscher.

„Das kann heißen, dass sie Einwanderer waren und von weither kamen“, deutet Schier das Ergebnis. Und mahnt sogleich zur Vorsicht: „Sie könnten natürlich Migranten aus jeder beliebigen Himmelsrichtung gewesen sein, aus einer anderen Ecke des Karpatenbeckens beispielsweise. Die Strontium-Analyse liefert keinen Beweis, dass sie aus Südosten die Donau hoch gekommen waren – auch wenn wir dies vermuten“, fügt er mit Verschwörerlächeln hinzu und bittet um Geduld bis 2012: „Die Bestätigung könnten die Mainzer Paläogenetiker um Joachim Burger liefern.“ ■

von Thorwald Ewe

KOMPAKT

· Im 3. Jahrtausend v.Chr. sind möglicherweise frühbronzezeitliche Nomaden der Jamnaja-Kultur aus dem Osten nach Mitteleuropa eingewandert.

· Archäologen erkunden in einem großen Projekt, ob sich das nachweisen lässt.

WAS STRONTIUM VERRÄT

Das Mengenverhältnis der Isotope Strontium-87 zu Strontium-86 in einer Zahnprobe zeigt, ob ein Individuum in der Kindheit an einem bestimmten Ort gelebt hat. Dieses Verhältnis ist nämlich charakteristisch für die – von Ort zu Ort unterschiedlichen – geochemischen Verhältnisse im Boden, die sich genau-so in den darauf lebenden Tieren und Pflanzen wie im Trinkwasser wiederfinden. Die Strontium-Isotope werden in ihrer ortstypischen Zusammensetzung beim Kleinkind im Zahnschmelz eingelagert und im wachsenden Zahn versiegelt. Lebt der betreffende Mensch später woanders, stellt sich das Strontium- Isotopenverhältnis in seinen Knochen auf die neue Umgebung ein – doch das Verhältnis aus der Kindheit bleibt im Zahnschmelz erhalten. Eine Analyse von Knochen plus Zähnen zeigt demnach, ob ein Mensch irgendwann im Lauf seines Lebens aus einer anderen Gegend zugewandert war.

DIE SKYTHISCHE PARALLELE

Eigentlich ist Hermann Parzinger Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Doch als er 2008 – damals noch Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts – bedrängt wurde, diese neue Aufgabe zu übernehmen, stellte er eine Bedingung: Er wollte trotzdem hinreichenden Freiraum für seine archäologische Forschungsarbeit in Innerasien bekommen. Parzinger ist Experte für die Skythen. Das waren eisenzeitliche Reiternomaden des 1. Jahrtausends v.Chr. in den Steppen Osteuropas und Zentralasiens. Daher ist er der ideale Partner für die Kollegen im Berliner Topoi-Projekt (siehe nebenstehender Text). Hier versucht ein großes internationales Team anhand von Strontium-Analysen und von genetischen Untersuchungen nachzuweisen, dass die Jamnaja-Menschen im 3. Jahrtausend v.Chr. aus den Schwarzmeersteppen nach Westen gewandert sind.

Parzinger vermittelt seinen Topoi-Kollegen Proben von skythischen Skeletten, die dann auf die gleiche Weise untersucht werden wie die der Jamnaja-Menschen: Strontium-Analyse, Radiokohlenstoff-Datierung, DNA-Analyse. Die gewonnenen Informationen sollen nicht nur Einblick in die Populationsgenetik der Skythen weit im Osten Zentralasiens liefern, sondern dienen zugleich der Eichung: Während die Jamnaja-Kultur in einer schriftlosen Zeit existierte, wurden die Skythen ausführlich von den assyrischen und griechischen Geschichtsschreibern ihrer Zeit geschildert. Die Wanderungen der Skythen sind eine historische Tatsache. Wenn das Muster ihrer Migrationen in den Messdaten genauso aussieht wie das der Jamnaja-Menschen, wäre erstens die Stimmigkeit der Methoden überprüft. Und zweitens ließe sich auf die Jamnaja-Expansion rückschließen.

JAMNAJA-KULTUR: EXPANSION NACH WESTEN?

Die zunehmende Trockenheit im 3. Jahrtausend v.Chr. könnte die Nomaden der Jamnaja-Kultur (grün) gezwungen haben, ihre angestammten Weiden zu verlassen. Der Pfeil markiert den vermuteten Wanderweg entlang der Donau. Für ihre von Ochsen gezogenen Planwagen haben die Jamnaja-Menschen sich möglicherweise von Nachbarn inspirieren lassen – von der Tripolje-Cucuteni- oder der Majkop-Kultur.

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