Inzucht in der steinzeitlichen Elite Irlands - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Inzucht in der steinzeitlichen Elite Irlands

Wie war die Gesellschaft der Erbauer der irischen Megalithanlage von Newgrange strukturiert? (Bild: KEN WILLIAMS, SHADOWSANDSTONE.COM)

Bruder und Schwester wurden zu Eltern: Die Herrscher-Eliten im prähistorischen Irland wollten offenbar „reine Blutlinien“ erhalten – ähnlich wie später die Pharaonen. Dies geht aus einer genetischen Untersuchung eines Mannes hervor, der vor etwa 5000 Jahren in einer steinzeitlichen Monumentalanlage bestattet worden ist. Wie die Forscher berichten, scheinen sich die prähistorischen Inzest-Praktiken auch in einer Überlieferung widerzuspiegeln. Weitere genetische Untersuchungsergebnisse liefern darüber hinaus interessante Einblicke in die steinzeitliche Gesellschaft und Bevölkerungsentwicklung Irlands.

Wie hochentwickelt die Gesellschaft im heutigen Irland schon vor über 5000 Jahren war, verdeutlicht unter anderem die berühmte Megalithanlage von Newgrange. Für den etwa 90 Meter breiten Rundbau wurden nicht nur enorme Materialmengen bewegt, die Erbauer sorgten durch die präzise Ausrichtung der Anlage auch für einen geradezu magischen Effekt: Zur Zeit der Wintersonnenwende erleuchtet der Sonnenaufgang eine Kammer im Inneren der Anlage mit goldenem Schimmer. Wer die Menschen waren, die einst in den Megalithanlagen Irlands bestattet wurden, und wie ihre Gesellschaft strukturiert war, ist bisher allerdings nur wenig bekannt.

Licht ins Dunkel dieser geheimnisvollen Steinzeitkultur haben nun die Forscher um Lara Cassidy vom Trinity College Dublin gebracht. Im Rahmen ihrer genetischen Untersuchungen von menschlichen Überresten aus dem prähistorischen Irland haben sie auch das Erbgut eines Mannes analysiert, der in Newgrange bestattet wurde. Wie sie berichten, wies sein Genom charakteristische Merkmale der Inzucht auf. „Wir alle haben genetisches Material von unserer Mutter und von unserem Vater geerbt. Im Fall dieses Individuums war sich das Erbe allerdings extrem ähnlich. Tatsächlich konnten wir durch unsere Analysen bestätigen, dass seine Eltern Verwandte ersten Grades waren“, berichtet Cassidy. Der Mann war demnach vermutlich der Nachkomme einer Verbindung von Bruder und Schwester oder von einem Elternteil mit dessen Kind.

Eine dynastische Elite zeichnet sich ab

Normalerweise sind solche Verbindungen in menschlichen Gesellschaften aus kulturellen und biologischen Gründen ein Tabu. Doch es gibt berühmte Ausnahmen: In einigen Kulturen kam es zu einem dynastischen Inzest – typischerweise bei Eliten oder Königsfamilien, denen ein vergöttlichter Status zugesprochen wurde. Beispiele finden sich im alten Ägypten, bei den Inka oder auf Hawaii. Durch den Bruch der Regeln grenzte sich die Elite von der allgemeinen Bevölkerung ab, wodurch die Hierarchie verstärkt und die Macht legitimiert wurde, erklären die Wissenschaftler. Der DNA-Befund des Mannes aus Newgrange legt nun nahe, dass auch die Megalithkultur in Irland eine entsprechende Elite und eine stark hierarchische Struktur besaß. „Offenbar war die Hierarchie so ausgeprägt, dass die einzigen Partner, die der Elite würdig waren, Familienmitglieder waren“, sagt Co-Autor Dan Bradley.

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Die Forscher fanden auch Hinweise darauf, dass die Elite-Schicht des prähistorischen Irlands ein weitläufiges Netzwerk mit gemeinsamer Identität gebildet hat: Vergleiche der DNA des Mannes mit dem Erbgut, das von Toten aus weit entfernten Megalith-Grabstätten in Irland stammt, zeigten klare familiäre Beziehungen auf. „Es scheint, dass wir es hier mit einer mächtigen, weitverbreiteten Verwandtschaftsgruppe zu tun haben, die in vielen Regionen der Insel mindestens ein halbes Jahrtausend lang Zugang zu elitären Begräbnisstätten hatte“, sagt Cassidy.

Wie sie und ihre Kollegen berichten, scheinen sich die prähistorischen Inzest-Praktiken sowie der Sonnenkult interessanterweise auch in einer Überlieferung widerzuspiegeln, die im 11. Jahrhundert n. Chr. niedergeschrieben wurde. Die Geschichte erzählt von einem König, der den Sonnenzyklus wieder in Gang brachte, indem er mit seiner Schwester schlief. „Jetzt einen potenziellen prähistorischen Bezug zu dem inzestuösen Aspekt der Geschichte zu entdecken, ist außergewöhnlich“, sagt Co-Autor Ros Ó Maoldúin.

Einblicke in die geheimnisvolle Prähistorie

Neben den Hinweisen auf die Gesellschaft der Megalithkultur lieferte die zwei Jahrtausende umfassende Genomstudie von 44 menschlichen Überresten weitere interessante Ergebnisse. So entdeckten die Forscher etwa auch den frühesten bisher diagnostizierten Fall von Down-Syndrom. Es handelte sich um einen männlichen Säugling, der vor etwa 5500 Jahren in der Grabanlage bei Poulnabrone bestattet wurde.

Darüber hinaus spiegelte sich in den genetischen Analyseergebnissen aus den verschiedenen Zeiten die Bevölkerungsentwicklung im prähistorischen Irland wider. Die Erbauer der Megalithanlagen waren demnach frühe Bauern, die nach Irland eingewandert waren und dort die Jäger und Sammler ersetzten, die ihnen vorausgegangen waren. Offenbar war es aber eher zu einer Vermischung als zu einer Ausrottung gekommen: Beim Genom einer Person aus Westirland stellten die Wissenschaftler fest, dass sie einen irischen Jäger und Sammler in ihrem Stammbaum besessen hat.

Die Genome der frühesten Bewohner Irlands wiesen Spuren einer langen Isolation auf, berichten die Wissenschaftler. Wie sie erklären, passt dies zu dem, was über den prähistorischen Meeresspiegel nach der Eiszeit bekannt ist: Großbritannien besaß noch lange nach dem Rückzug der Gletscher eine Landbrücke zum Kontinent, während Irland durch das Meer getrennt war. Die frühe Bevölkerung der Jäger und Sammler war demnach in Booten angekommen und blieb dann lange Zeit für sich, so die Wissenschaftler.

Quelle: Trinity College Dublin, Fachartikel: Nature, doi: 10.1038/s41586-020-2378-6

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