IQ-Zuwachs in den letzten hundert Jahren? - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Geschichte+Archäologie Gesellschaft+Psychologie

IQ-Zuwachs in den letzten hundert Jahren?

15-06-01 iq.jpg
Credit: Thinkstock
Intelligenzforscher nennen ihn den „Flynn-Effekt“: In Untersuchungen der letzten hundert Jahre scheint sich ein Zuwachs des durchschnittlichen Intelligenzquotienten (IQ) in der Allgemeinbevölkerung abzuzeichnen. Doch diese Feststellung und mögliche Gründe gelten bislang als umstritten. Nun kommt eine neue umfangreiche Auswertung zu dem Ergebnis: Offenbar hat das durchschnittliche IQ-Testergebnis tatsächlich seit dem frühen 20. Jahrhundert um drei Punkte pro Jahrzehnt zugelegt. Gründe könnten die bessere gesundheitliche und intellektuelle Förderung von Kindern gewesen sein, sagen die Forscher. Kritisch zu hinterfragen bleibt allerdings stets, was Intelligenz überhaupt ist.

Bei der Studie von Jakob Pietschnig und Martin Voracek von der Universität Wien handelt es sich um eine sogenannte Meta-Analyse: Die beiden Psychologen werteten gesammelte Daten von insgesamt 271 Untersuchungen zum IQ aus dem Zeitrahmen von 1909 bis 2013 aus. Die Datensätze umfassen letztlich rund vier Millionen Personen aus 31 Ländern.

Drei Punkte Steigerung pro Dekade

Unterm Strich kamen die Forscher zu dem Fazit: In den vergangenen hundert Jahren kam es im Mittel zu einem IQ-Zuwachs von drei Punkten pro Dekade. Die Informationen aus den Datensätzen ermöglichten zudem Rückschlüsse auf mögliche Ursachen des Effekts, sagen die Forscher. Demnach scheinen Faktoren, die vor allem der frühkindlichen Entwicklung förderlich sind, für die IQ-Steigerungen verantwortlich gewesen zu sein: Bessere Ernährung, Hygiene, medizinische Versorgung sowie verbesserte schulische Ausbildung.

Dieser Zusammenhang spiegelt sich offenbar auch im gegenteiligen Effekt wider: In Zeiten höherer Belastungen und rückläufiger frühkindlicher Förderung, wie zum Beispiel in Europa zur Zeit des 2. Weltkriegs, verzeichneten die Forscher schwächere Zuwächse bei der Intelligenzleistung. Obwohl die Steigerung den Auswertungen zufolge auch momentan noch anhält, zeigen die Studienergebnisse eine massive Abnahme der IQ-Zunahme in den letzten Jahrzehnten. Möglicherweise liegt dies daran, dass die IQ-fördernden Faktoren in vielen Bereichen ihren maximalen Effekt erreicht haben. Dies könnte ein Vorzeichen für ein bevorstehendes Stagnieren der IQ-Zuwächse sein, sagen die Forscher. „Zukünftige Forschung wird zeigen, ob wir ein Ende und vielleicht sogar eine Umkehr des Flynn-Effekts beobachten werden“, so Pietschnig und Voracek.

Sind wir heute schlauer?

Den Forschern zufolge ist die Ursache für den Zuwachs bei den IQ-Testleistung nicht zwangsläufig auf eine Steigerung der allgemeinen kognitiven Fähigkeiten zurückzuführen, sondern auf Verbesserungen in spezifischen Fähigkeiten. „Eine Person mit einer durchschnittlichen IQ-Testleistung von 100 Punkten im frühen 20. Jahrhundert hatte mit großer Wahrscheinlichkeit andere kognitive Fähigkeiten als eine Person mit einer scheinbar ‚äquivalenten‘ Leistung von 70 Punkten heutzutage“, meinen Pietschnig und Voracek. Die beobachteten IQ-Zuwächse könnten demnach möglicherweise auf höhere Fähigkeitsspezialisierung und bessere Testbearbeitungsstrategien von Testteilnehmern zurückzuführen sein, sagen die Forscher.

Anzeige

Quelle:

© wissenschaft.de – Martin Vieweg
Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Lern|ver|mö|gen  〈n. 14; unz.〉 = Lernfähigkeit (2)

Log|a|rith|mus  auch:  Lo|ga|rith|mus  〈m.; –, –rith|men; Abk.: log; Math.〉 diejenige Zahl b, mit der man in der Gleichung a b ... mehr

Achro|mat|op|sie  auch:  Achro|ma|top|sie  〈[–kro–] f. 19; Med.〉 Farbenblindheit ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige