IRRTUM 1 - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie Gesellschaft+Psychologie

IRRTUM 1

HOMERS KRIEG IST BEWIESEN

Die Fremdenführer in Troja erzählen den Besuchern gern vom „ ersten Weltkrieg“, der hier vor etwa 3200 Jahren stattgefunden habe. Angesichts der wenig anschaulichen Mauerreste ist es für die Besucher schwer, sich hier einen zehnjährigen Krieg vorzustellen mit Heerscharen von Helden, erbarmungslosen Zweikämpfen, verletzter Ehre, Ritterlichkeit, List und einem Ende in Feuer und Blutströmen. Der Mythos lockt jährlich 500 000 Touristen an die Nordwestküste der Türkei – so, als wäre der Trojanische Krieg zweifelsfrei bewiesen.

Aber der erste Weltkrieg war dieser Kampf sicher nicht, und auch das Homer’sche Personal in der Ilias wird keinen realen Hintergrund haben. Ohne Homers Epos wüssten wir überhaupt nichts von diesem legendären Ereignis. Der Kampf um Troja würde sich einordnen in die unendliche Reihe von Feindseligkeiten, die im 2. Jahrtausend v.Chr. in der östlichen Mittelmeerregion tobten. Es war eine globalisierte Welt von Griechenland bis an den Indus, ein Handels- und Kulturraum mit strahlenden Zentren in Ägypten, Mesopotamien und Anatolien. Die Machtbalance zwischen den Ägyptern, Babyloniern/Assyrern und Hethitern musste ständig neu austariert werden – oft mit Diplomatie, noch öfter mit Waffen. Es ging um Märkte, Handelsrouten und Rohstoffe. Von dieser Welt im Umbruch profitierte über Jahrhunderte auch ein Ort an der Peripherie: Troja. Von den bescheidenen Anfängen um 2900 v.Chr. hatte sich der Fürstensitz bis ins 18. vorchristliche Jahrhundert ausgedehnt, war mehrfach zerstört worden und hatte sich immer dickere und höhere Mauern zugelegt.

„Der Ort war immer bedeutend genug, um bedroht zu werden“, meinte der 2005 verstorbene Troja-Ausgräber Manfred Korfmann. In die Zeit von 1850 bis 1200 v.Chr. datieren die Archäologen die Hoch-Zeit Trojas, die sie als Troja VI und Troja VII bezeichnen. Troja VI ging um 1300 v.Chr. in einer Brandkatastrophe unter – ausgelöst durch ein Erdbeben, sagen die einen, als Folge eines Krieges, meinen die anderen. Troja VII wurde um 1200 v.Chr. niedergebrannt und aufgegeben. Eine dicke Zerstörungsschicht, in der vereinzelt Waffen gefunden wurden, markiert das Finale: mörderischer Krieg oder natürliche Katastrophe?

Hethitische Archive helfen weiter. Ab etwa 1600 v.Chr. mischte sich ein Neuling in den Machtpoker des östlichen Mittelmeers ein: Ahhijawa – das Land der Mykener. Sie drängten aggressiv in die Küstengebiete Westkleinasiens. Troja-Ausgräber Ernst Pernicka nennt die mykenischen Meuten die „Wikinger der Ägäis“. Überraschende Überfälle von der See her, Plünderungen und Mord nahmen im 14. Jahrhundert v.Chr. zu. Doch immer wenn die Hethiter die Marodeure packen wollten, flüchteten sie sich in ihren Stützpunkt Millawanda (Milet). In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts v.Chr. eroberten die Hethiter dann Millawanda. Wolf-Dietrich Niemeier, Chef der Abteilung Athen des Deutschen Archäologischen Instituts, vermutet, dass der hethitische Großkönig damit den Unruheherd endgültig ausschaltete.

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LOCKENDE TROJANISCHE SCHÄTZE

„Diese Schlappe einfach hinzunehmen“, meint Joachim Latacz, „ dürfte dem König von Ahhijawa schwergefallen sein.“ Deshalb, denkt der Baseler Homer-Forscher, konnte es den Mykenern reizvoll erscheinen, einen Ort anzugreifen, „der wegen seines wachsenden Reichtums schon lange im Visier war: Troja“. Niemeier sekundiert: „Troja erlitt mehrere Angriffe, die von Ahhijawa zumindest unterstützt wurden. Der Trojanische Krieg ist nicht direkt in den hethitischen Texten zu finden. Die entwerfen aber ein Szenario, in das sich ein Angriff mykenischer Griechen gut einfügt.“ Pernicka sieht in den „Versatzstücken, die uns die Ilias bietet, tatsächlich ein Gemeinschaftsunternehmen der Archäer, die sich zu einem großen Beutezug zusammengeschlossen hatten – und siegreich waren“.

Dieter Hertel von der Universität Köln findet nichts von diesen Überlegungen archäologisch bestätigt: „Es fehlt jedes Indiz, den Untergang von Troja VI oder VII auf Eroberungen zurückzuführen. Das Ende kann ohne Weiteres als Folge von Naturkatastrophen oder Bränden erklärt werden.“ Fazit: Der Trojanische Krieg, wie ihn Homer dichtete, hat sicher nicht stattgefunden. Und ein Krieg jenseits der Dichtung? Ein deutliches Jein, mit derzeit leichtem Vorteil für die Befürworter. ■

IRRTUM 2

Warum immer Troja? Selbst Bonn wurde von versprengten Trojanern gegründet. Der Urvater Roms, Äneas, kam ebenso aus trojanischem Heldengeschlecht. Auch des deutschen Ahnkaisers Barbarossa Wurzeln lagen in der Nordwestecke Kleinasiens. Die Briten stammen von Trojanern ab, ebenso wie die Franken, Türken, Germanen, Belgier, Ungarn und Skandinavier. Nahezu der gesamte mittelalterliche Ritteradel Europas berief sich auf Vorfahren aus der besiegten Stadt – immer und überall: Troja. Diesem Ruf erlagen Generationen von Wissenschaftlern, die hier Besonderes orteten: eine Handelsmetropole, die den Zugang zum Schwarzen Meer kontrollierte, eine Königsresidenz, ein kulturelles und politisches Zentrum oder gar das mythische Atlantis (siehe „ Irrtum 3 – Troja war Atlantis“).

„Troja hatte Homer, Limantepe hat nicht einmal einen Namen“, erklärt Hayat Erkanal, Archäologe an der Universität Ankara, den Mythos. Und Troja hatte Heinrich Schliemann und Manfred Korfmann, die den Mythos in der Neuzeit neu entfachten. Troja heißt eigentlich Hisarlik, so der Name des Ruinenhügels. Limantepe ist benannt nach dem Dorf neben der archäologischen Stätte, die Troja Konkurrenz macht. Seit Jahren arbeitet Erkanal in Limantepe, 40 Kilometer westlich von Izmir, an einer Sensation, von der fast niemand spricht: Als die Fürsten von Troja sich gegen 2500 v.Chr. den ersten richtigen Festungsring um ihre Burg gönnten, besaßen die Herrscher von Limantepe schon eine Stadt mit Seehafen und gemauerter Hafenmole – die erste der Welt: 100 Meter lang, 40 Meter breit. Dazu schütteten die neu zugewanderten Herren von Limantepe vor 4500 Jahren die alte, damals schon 500-jährige Siedlung zu und errichteten darauf „eine richtige Stadt“, so Erkanal, mit Herrenhäusern, großen Speichern, Stadttoren und Wehrmauern. Eine sechs Meter hohe Bastion davon ist noch heute zu besichtigen.

ENDSTATION STATT ZENTRUM

Ähnliche Ergebnisse liefert Turan Efe von seiner Grabung Küllüoba (siehe Karte links) bei Eskisehir im nordwestlichen Binnenland. Der Archäologe von der Istanbuler Universität, der lange Zeit in Troja mit Manfred Korfmann forschte, hat eine Handelsverbindung quer durch das Land zwischen Nordwestanatolien und Zentralanatolien nachgewiesen. Seine bronzezeitliche Stätte Küllüoba war bereits vor 2500 v.Chr. – wie Limantepe – eine befestigte Ortschaft mit Ober- und Unterstadt, mit Mauer um die Akropolis und Gebäuden von stattlichen 31 mal 25 Metern. Die Siedlung war nördlicher Verteiler der binnenländischen Karawanenroute, die sich von Tarsus beim heutigen Adana 800 Kilometer nach Nordwesten Richtung Balkan zog. In Küllüoba hatte die Handelsstraße Abzweigungen nach Troja und in die Region der heutigen Hauptstadt Ankara. Auch die westliche Küstenregion um Milet und Ephesus war über Nebentrassen angebunden. An der Route gab es Stationen, die den Handel absicherten. „Küllüoba war das Zentrum mit Elite und Verwaltung. Es war auf dem Weg zur Urbanisierung“, bewertet Efe die Karawanenstation im anatolischen Binnenland. Um 2500 bis 2000 v.Chr. war Troja demnach allenfalls Endstation einer langen Reise, aber kein Zentrum. Es gab mehrere Orte für Kultur, Handel und Austausch im westlichen Teil Kleinasiens. Und es werden noch mehr werden, wie Hayat Erkanal voraussagt: „In den Schwemmgebieten der Flüsse und im Meer gibt es mit Sicherheit noch mehr ‚Trojas‘ und ‚Limantepes‘.“ ■

IRRTUM 3

Mit dieser Behauptung sorgte Eberhard Zangger, mit dem die Geoarchäologie nach Deutschland kam, 1992 für Furore in der Szene. Der Widerspruch war heftig und flächendeckend. Der damalige Troja-Ausgräber Manfred Korfmann etwa meinte: Troja sei für ein Gebilde wie Atlantis viel zu klein gewesen, die Landschaft habe eine so große Bevölkerung gar nicht ernähren können – eine Meinung, die er schon zwei Jahre später nach der Entdeckung der Unterstadtgräben beiseite legen musste. Die von Zangger virtuell rekonstruierten Hafenanlagen in der Ebene um den Hirsalik-Siedlungshügel wurden als absurd abgetan – bis heute. Zangger liest Platons Atlantis als Bericht von einer finalen Schlacht zwischen zwei Kulturkreisen: den vereinten „Griechen“ und dem anatolischen Kleinkönigtum Troja. Um 1200 v.Chr. gab es – das ist unbestritten – verheerende Auseinandersetzungen, die die globalisierte Welt von damals zusammenbrechen ließen. Der gesamte östliche Mittelmeerraum war betroffen, und alle Völker erinnern sich daran – in Geschichten mit unterschiedlichen Stichworten: „ Trojanischer Krieg“ zum Beispiel oder „Seevölkereinfall“. Unter der Chiffre „Atlantis“ hatten die Ägypter ihre Erinnerungsgeschichte an diesen Kampf der Welten, berichtet Zangger. Die erzählte – so der Philosoph Platon – ein ägyptischer Priester dem griechischen Staatsmann Solon.

Platon NICHT WÖRTLICH NEHMEN

Platon referiert aus den Akten seines Onkels – und bricht mitten in der Erzählung ab. Er ist die einzige Quelle für die Atlantis-Sage. Im Gegensatz zu Schliemann, dem Homers Ilias die Bibel war, nimmt Zangger den Platon-Bericht nicht wörtlich, sondern als vielfach gebrochenes Erinnerungsstück. Das vergleicht er mit den Gegebenheiten und Mythen Trojas. Dabei wolle er keinesfalls alte durch neue Dogmen ersetzen, wie er betont: „ Meine Überlegungen sind theoretischer Natur, und einige der von mir angeführten Argumente sind – zumindest jetzt noch – anfechtbar.“ Es wurde nicht gefochten, es wurde beiseite gelegt. Dabei blieben einige Fragen auf der Strecke. Das Spannende an Troja steckt nicht im Palast, sondern in der Ebene, meinte vor 17 Jahren Eberhard Zangger, dem der heutige Grabungsleiter Ernst Pernicka „beachtenswerte Leistungen in der Geoarchäologie“ attestiert. Dort blieben die Fragen liegen: Lag das bronzezeitliche Troja überhaupt am Meer? Die 300 Sedimentbohrungen liefern eine Unmenge Daten, aber kein Bild. Bis heute sind die Handelshäfen von Troja nicht gefunden. Erst jetzt untersucht man einen künstlichen Einschnitt aus der Troas-Ebene durchs Vorgebirge in die Ägäis. Jetzt erst beginnt, mit Pernickas neuem Forschungsansatz, die forcierte Untersuchung der beiden seit Jahren in Teilstücken bekannten Gräben, die die Ausgräber als Verteidigungswerk deklarieren. Erst in den kommenden Kampagnen soll die Landschaft mit modernen geophysikalischen Methoden wie dem Laserscanning erkundet und damit die tatsächliche Bedeutung der Stadt dokumentiert werden. ■

IRRTUM 4

Die silberne Vase hatte es in sich: zwei goldene Diademe, ein Stirnband, vier kunstvolle Ohrgehänge, 56 goldene Ohrringe, sechs goldene Armbänder und 8750 millimeterkleine Blättchen, Sterne, Ringe, Prismen, Knöpfe aus Gold. Und doch war das nur ein Teil vom „Schatz des Priamos“, den Heinrich Schliemann im Mai 1873 „ unter allergrößter Kraftanstrengung und furchtbarster Lebensgefahr“, wie er in seinem Tagebuch übertreibend vermerkte, aus den Mauern von Troja barg.

Damit war ein Untermythos der großen Troja-Saga geboren, die auf nahezu allen Ebenen mit Denk- und Merkwürdigkeiten gespickt war. Das begann schon mit der Entdeckungsgeschichte: Schliemann war nicht der Finder des antiken Troja auf dem Siedlungshügel Hisarlik an der Nordwestküste der Türkei. Den Ort hatten schon Jahrzehnte zuvor zwei britische Forscher, ein deutscher Ingenieur und ein schottischer Journalist als das antike, von Homer Ilion genannte Troja gedeutet. Der britische Auswanderer und Hobbyarchäologe Frank Calvert machte Schliemann 1868 auf die Stätte aufmerksam. Dann wurde der deutsche Kaufmann zum ersten Ausgräber der mythenumwobenen Ruinen. Im dritten Jahr seiner Grabungen, als Schliemann wegen ausbleibender Erfolge aufgeben wollte, blinkte ihm plötzlich Kupferfarbenes aus dem Schutt entgegen.

Dubiose GrabungsHIlfe

Er schickte seine Arbeiter in die Frühstückspause und legte den Schatz mit einem Messer frei – insgesamt 8833 Stücke aus Gold, Silber und Kupfer. Den Abtransport besorgte seine Frau, „ die bereit stand, die von mir herausgeschnittenen Gegenstände in ihren Schal zu packen und fortzutragen“, bastelt der Schatzgräber weiter am Mythos. Aber: Seine Frau war an jenem Tag gar nicht auf der Grabung. Den Edelmetall-Hort schrieb Schliemann sogleich Priamos zu. Wer denn sonst, wenn nicht der mythische Troja-König der Ilias, hätte solche Reichtümer anhäufen können? Jahre später musste Deutschlands erster Archäologe erkennen, dass sein Priamos-Schatz nicht aus der Blütezeit Trojas zwischen 1500 und 1200 v.Chr. stammte, sondern gut 1000 Jahre älter war: Die Preziosen waren verborgen und verschüttet worden, als Troja II in Flammen aufging. Schon um 2300 v.Chr. war in dem Fürstensitz also sehr viel Reichtum angesammelt worden – woher und von wem? Und wer trachtete danach? Bislang gibt es keine Antworten. ■

IRRTUM 5

Homer ist nicht zu fassen. Man wüsste zu gern, wer denn dieser Mensch war, dessen Name untrennbar mit den beiden Großgedichten Ilias und Odyssee verbunden ist. Wo hat er gelebt? Wie hat er ausgesehen? War er blind? Und: Gab es ihn überhaupt? „Einen Geburtsschein können wir nicht vorweisen“, ulkt Joachim Latacz, Gräzist und Homer-Forscher aus Basel.

Brutaler sagt es Raoul Schrott, Dichter und Vergleichender Literaturwissenschaftler aus Österreich: „Von Homer weiß man nur eins: nämlich nichts.“ Schrott hat im letzten Jahr die Ilias in moderne Sprache übersetzt. Dabei konnte er, wie er sagt, Homers Geheimnis lüften. Schrott stellte die wissenschaftliche Meinung über gleich beide Urmythen – Homer und Ilias, inklusive Trojanischem Krieg – radikal ins Abseits: Das kriegerische Geschehen um Troja verlegte er vom Ruinenhügel Hisarlik im Nordwesten der Türkei 800 Kilometer südöstlich nach Karatepe, einer späthethitischen Burg beim heutigen Adana. Den Dichter von Ilias und Odyssee entlarvte er als griechischen Kanzleischreiber in assyrischen Diensten. Der sei nicht blind, aber Eunuch gewesen – eine erstaunlich intime Charakteristik eines Menschen, über den man nichts weiß. Mit 4000 Fußnoten will der Dichter Schrott seine Thesen beweisen: Allein schon die schiere Zahl von Hinweisen, Ungereimtheiten und Übereinstimmungen, die er in seiner Fleißarbeit zusammengetragen hat, liefere das neue, das wahre Bild von Homer, von Troja, überhaupt von der Welt vor rund 3000 Jahren. Diese Art von Beweisführung – nach dem Motto „Die Masse macht’s!“ – ist wissenschaftlich anrüchig und rief heftige Reaktionen in der Gelehrtengilde hervor (bild der wissenschaft 5/2008, Buchbesprechung „Troja – Der Krieg geht weiter“).

Zum Beweis für die Verortung Homers als Schreiber in assyrischen Diensten zieht Raoul Schrott immer wieder materielles und geistiges Erbgut aus dem Vorderen Orient heran, das sich in Homers Ilias nachweisen lasse. Homer habe aus dem Gilgamesch-Epos, aus dem Alten Testament und aus assyrischen Annalen abgekupfert. Das ist alles nicht neu, sagen die Fachgelehrten, und durchaus erklärbar, wenn man sich die damalige Situation einmal anschaut. Spätestens seit 2500 v.Chr. war die Welt von Griechenland bis ins Industal eng vernetzt. „Seit jener Zeit“, bestätigt Joachim Latacz, „ist ein kultureller Amalgam entstanden, eine Kulturgemeinschaft der ganzen östlichen Mittelmeerregion.“ Da wanderten nicht nur Waren, sondern auch Ideen, Geschichten und Erinnerungen über Zeiten und Räume.

DIE ERSTEN BUCHSTABEN

Ab 800 v.Chr. wurde die Welt von einer neuen Aufbruchstimmung vorangetrieben: Die Buchstabenschrift entstand, Philosophie, Mathematik und Physik entwickelten sich. Kunst blühte auf, Literatur, speziell Lyrik, wurde geboren. Die „Vorsokratiker“ im Milet des 7./6. Jahrhunderts v.Chr. initiierten mit Philosophie und wissenschaftlichen Erklärungen den Urknall des Geistes. In dieser Übergangsphase zwischen traditioneller Welt und neuen Ufern schrieb Homer Ilias und Odyssee nieder – die erste Großdichtung.

Das ist das Umfeld – aber was weiß die Wissenschaft nun über die Person Homer? Tatsächlich nichts. Es gibt nur Indizien und Interpretationen aus „biografischen Blitzlichtern“ (Latacz), die oft Jahrhunderte später entstanden. Der Geburtsort wird übereinstimmend, aber aus philologischen Rückschlüssen in die Gegend des heutigen Izmir gelegt. Über die Lebenszeit streiten die Gelehrten: 8. oder 7. Jahrhundert v.Chr. War Homer blind? Wohl eher nein. Hat er beide Epen geschrieben: Ilias und Odyssee? Wohl eher ja. Zumindest hätte Troja-Ausgräber Ernst Pernicka es schwer, „sich gleich zwei solche Genies in einer Zeit vorzustellen“. Und wer war Homer dann? Joachim Latacz meint: „Ein Unsterblicher.“ ■

MICHAEL ZICK, ehemaliger bdw-Redakteur, verfolgt die Troja-Forschung seit Jahrzehnten und hat den Grabungsort mehrfach besucht.

MEHR ZUM THEMA

LESEN

Manfred Korfmann (Hrsg.) TROIA Archäologie eines Siedlungshügels und seiner Landschaft von Zabern, Darmstadt 2006, € 49,90

Dieter Hertel TROIA Archäologie, Geschichte, Mythos C.H. Beck Wissen, München 2008, € 7,90

Eberhard Zangger ATLANTIS Eine Legende wird entziffert Droemer/Knaur, München 1992 antiquarisch ab € 1,–

Eberhard Zangger EIN NEUER KAMPF UM TROIA Droemer/Knaur, München 1994 antiquarisch ab € 1,–

Arn Strohmeyer ATLANTIS IST NICHT TROJA Donat-Verlag, Bremen 1996 antiquarisch ab € 5,–

Joachim Latacz TROJA UND HOMER Der Weg zur Lösung eines alten Rätsels Koehler & Amelang, Leipzig 2005 5. Auflage, € 9,95

Barry Strauss DER TROJANISCHE KRIEG Mythos und Wahrheit Theiss, Stuttgart 2008, € 24,90

Klaus Goldmann, Wolfgang Schneider DAS GOLD DES PRIAMOS Geschichte einer Odyssee Kiepenheuer, Leipzig 1995 antiquarisch ab € 2,–

J. Latacz, T. Greub, P. Blome, A. Wieczorek (Hrsg.) HOMER Der Mythos von Troia in Dichtung und Kunst Hirmer, München 2008, € 45,–

Raoul Schrott HOMERS HEIMAT Der Kampf um Troia und seine realen Hintergründe Hanser, München 2008, € 24,90

Homer, Raoul Schrott ILIAS Hanser, München 2008, € 34,90

GUT ZU WISSEN: ATLANTIS

Atlantis lag bei Helgoland. Oder war Ceylon die sagenumwobene Insel? Vielleicht ging das mythische Reich auch im Sahara-Sand unter. Der Kaukasus, Spitzbergen, Palästina, Schweden, Südafrika, Preußen, die Arktis oder Nigeria und natürlich das Bermuda-Dreieck kommen ebenfalls in Frage. Beweise? Keine. Die Atlanter waren Goten oder Gallier, Druiden oder Skythen, Ägypter oder Götterabkömmlinge. Von Atlantis aus wurde die Welt besiedelt – sowohl Mexiko als auch Afrika, die Pazifikküste Südamerikas genauso wie das Mississippi-Delta, auch die Maya haben natürlich mit Atlantis zu tun. Oder ist Atlantis die verfremdete Erinnerung an uralte Sintflutsagen? Die Wissenschaftler sind sich ausnahmsweise einig: Atlantis gibt es nur als Idee. Der griechische Philosoph Platon ist die einzige Quelle für den Atlantis-Mythos. Die späteren gedruckten Versuche, Atlantis zu beweisen und zu lokalisieren, liegen bei weit über 30 000 Titeln.

DIE 5 GRÖSSTEN IRRTÜMER

von Michael Zick

DAS MACHTGEFÜGE DER BRONZEZEIT

Im 2. Jahrtausend v.Chr. standen sich im östlichen Mittelmeerraum mehrere Regionalmächte gegenüber. In ihren kriegerischen Auseinandersetzungen ging es um Beute und Prestige. Mit im Machtpoker war wohl Troja. Im Handelswegenetz Anatoliens war diese Stadt allerdings nur eine Station am Rande – weniger bedeutend als bisher gedacht (siehe „Irrtum 2″, rechte Seite).

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