Leprakranke im Mittelalter Jan Gossaert und die Renaissance - wissenschaft.de
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Leprakranke im Mittelalter

Jan Gossaert und die Renaissance

Jan Gossaert (tätig ab 1503; gest. 1532) war einer der ungewöhnlichsten und vielfältigsten Künstler der nordischen Renaissance und eine Schlüsselfigur unter den Alten Meistern. Er änderte den Lauf der flämischen Kunst, indem er die Tradition des Jan van Eyck hinter sich ließ und neue Wege beschritt, die schließlich zum grandiosen Zeitalter Rubens’ führen sollten – und doch ist dies die erste große Werkschau zu seinen Ehren in über 45 Jahren. Die Ausstellung (engl. Titel Jan Gossaert’s Renaissance) mit mehr als 80 Werken rückt Gossaert in den Kontext der Kunst und Künstler, die seine Entwicklung beeinflusst haben. Versammelt werden zahlreiche der wichtigsten Gemälde des Künstlers (Maria mit dem Kinde, um 1527, Museo Nacional del Prado, Madrid; Herkules und Deianira, 1517, Barber Institute of Fine Arts, Birmingham; Der hl. Lukas malt die Madonna, 1520-22, Kunsthistorisches Museum, Wien) sowie Zeichnungen, Drucke und zeitgenössische Skulpturen. Gossaert machte sich zunächst mit seiner Arbeit für ebenso wohlhabende wie extravagante Mitglieder des burgundischen Hofs in den Niederen Landen einen Namen. 1508-9 reiste er im Rahmen einer Vatikangesandtschaft nach Rom. Er war der erste Künstler aus dem Norden, der dort antike Skulpturen kopierte und der erste Künstler, der den Stil der italienischen Renaissance – historische und mythologische Sujets mit sinnlichen Aktfiguren – in die Kunst der Niederen Lande einführte. Die National Gallery besitzt eine der größten und erlesensten Sammlungen von Gossaerts Gemälden weltweit, darunter ein besonderes Glanzstück: Die Anbetung der Könige (1510-15). In dieser wegweisenden Ausstellung werden sie im Kontext seines gesamten künstlerischen Schaffens gezeigt, von den Früchten seines frühen Rombesuchs zur ungewöhnlich erotischen Darstellung des nackten Körpers in seiner Adam-und-Eva-Serie. Jan Gossaert’s Renaissance wird in sechs Sälen zu sehen sein und die Schlüsselthemen in der Arbeit des Künstlers nachvollziehen. Skulpturen, Drucke und Zeichnungen der Renaissance von zeitgenössischen Künstlern wie Albrecht Dürer, Jacopo de’Barbari und Lucas van Leyden rufen das künstlerische Milieu vor Augen, in dem sich Gossaert bewegte. Die Geschichte von Adam und Eva faszinierte Gossaert, und er sollte im Laufe seiner 30 Jahre währenden Karriere oft zu diesem Thema zurückkehren. Im zweiten Ausstellungsraum lässt sich anhand einiger außergewöhnlicher und so gut wie beispielloser Gemälde ablesen, wie er den erotischen Charakter der Beziehung zwischen dem ersten Paar der Welt erforschte. Das früheste Beispiel in Gossaerts Oeuvre, Adam und Eva (um 1510, Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid), und das unvergleichliche Gemälde des gleichen Titels aus der Königlichen Sammlung (Adam und Eva, um 1520) werden neben einigen seiner vorbereitenden Zeichnungen sowie Dürers berühmtem Stich desselben Sujets von 1504 (Adam und Eva, British Museum, London) zu bewundern sein. Gossaerts frühe Arbeit gründete ursprünglich auf diesem wohl bekannten, phantasievollen Vorbild. Seine erotische und psychologische Interpretation wich jedoch stark von Dürers Interesse an der perfekten menschlichen Form ab, was in der intensiven Sinnlichkeit seiner beiden Figuren gut zum Ausdruck kommt. In diesem Raum lässt sich auch Gossaerts Vorliebe für die gotische Tradition sowie die neuen Motive der Renaissance und Architektur erkunden. Die Anbetung der Könige wird neben Drucken ausgestellt, die als Quelle für Teile der Komposition dienten. Mit ihrer Hilfe kann dieses üppige Altarwerk eingehender studiert werden. Ein weiteres Highlight der Ausstellung wird die erstmalige Wiedervereinigung eines Tryptichons seit seiner Entstehung im frühen 16. Jahrhundert sein: die Mitteltafel Christus am Ölberg (1509-10, Gemäldegalerie, Berlin) und die beiden Außenseiten der Altarflügel mit dem Heiligen Hieronymus (beide Tafeln zusammen gerahmt, National Gallery of Art, Washington). Gossaerts Meisterwerk Christus am Ölberg ist eine der präzisesten und naturalistischsten Nachtszenen ihrer Zeit. Dieses beeindruckende Gemälde mit seinem von hinten beleuchteten Engel unter einer silbrigen Mondsichel und einem ungewöhnlich jugendlichen knienden Christus im Gebet vereint einen außergewöhnlich realistisch wirkenden Mond und ungewöhnliche Lichteffekte mit einer machtvollen atmosphärischen Darstellung der biblischen Szene. Einige der fesselndsten Gemälde von Jan Gossaert zeigen sinnliche, mythologische Akte, die als Hommage an körperliche Freuden aufgefasst werden können. Ihre idealisierten Formen erinnern an die klassische Erotik: üppig, verführerisch und doch skulptural, gemalt um den Schimmer des Marmors hervorzurufen. Gossaerts langjähriger Patron Philip von Burgund, der ein Mann der Kirche wie auch Admiral der Niederlande war, gab mythologische Gemälde wie Salmakis & Hermaphroditos (um 1517, Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam) und Venus (um 1521, Pinacoteca dell’Accademia dei Concordi, Rovigo) in Auftrag – nicht nur für seine eigene Sammlung, sondern auch als Geschenke. Gemälde, Drucke und Zeichnungen, die Gossaerts Behandlung des nackten menschlichen Körpers und seine Adaption von erotischen Sujets der Vergangenheit verdeutlichen, sind in Raum 3 ausgestellt. In einer Reihe von Gemälden zum Thema Maria und Jesus erforscht Gossaert die natürliche, lebensechte Beziehung zwischen Mutter und Kind – ein Motiv, das in den frühen 1520er Jahren in die Malerei der Niederen Lande eingeführt worden war. Gossaert ließ sich von den Vorbildern der italienischen Renaissance inspirieren und schuf neue Kompositionen und Posen, konzentrierte sich jedoch auch auf das Motiv des spielenden Kindes. Zu den gezeigten Werken gehören die Madrider Maria mit dem Kinde (um 1527, Museo Nacional del Prado, Madrid), eine sinnliche Studie der intimen Umarmung beider Figuren, und das herrliche Gemälde gleichen Namens aus Chicago (Maria mit dem Kinde, um 1525, The Art Institute of Chicago, Illinois). Hier scheinen die skulpturalen Formen von Jungfrau und Kind, umgeben vom Glanz der Sonnenstrahlen, geradezu aus dem Rahmen zu bersten. Der abschließende und größte Saal von Jan Gossaert’s Renaissance widmet sich seinen Porträts und seiner bemerkenswerten Fähigkeit, einen Menschen lebensecht abzubilden. In diesem Genre sind es die genaue Beobachtung der Physiognomie und außergewöhnliche Farbbehandlung und Pinselführung, die ihn von seinen Zeitgenossen abheben. Ein besonderer Höhepunkt ist eines der Meisterwerke der frühen niederländischen Porträtmalerei: Älteres Paar (um 1520, The National Gallery, London). In diesem Saal sind außerdem zahlreiche faszinierende illusionistische Porträts ausgestellt, in denen Gossaert verblüffende räumliche Spiele spielt und Figuren kreiert, die ihre Rahmen zu sprengen scheinen: vom akribischen Bildnis eines Kaufmanns (um 1530, National Gallery of Art, Washington), einer detaillierten Tour de Force der Gerätschaften und Papiere, bis hin zum Porträt der Anna van Bergen (um 1526-30, Sterling and Francine Clark Art Institute, Massachusetts), einem der wenigen verbliebenen weiblichen Einzelporträts von Gossaert. Sein Bildnis Heinrichs III. von Nassau (um 1520-25, Kimbell Art Museum, Fort Worth, Texas) steigert den Trompe-l’œil-Effekt noch weiter, da die Figur aus dem Rahmen herauszutreten scheint, um den Betrachter zu begrüßen – ein illusionistischer Trick, dessen Gossaert sich gerne bediente.

Quelle: Natalia Yañez-Stiel
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