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Geschichte|Archäologie Gesellschaft|Psychologie

Jeder kennt jeden über sechs Ecken

Was haben ein Professor in den USA, ein Archivar in Estland und ein Tierarzt der norwegischen Armee gemeinsam. Sie alle können über durchschnittlich nur sechs E-Mail-Adressaten von einer beliebigen Person ausgehend weltweit kontaktiert werden. Damit haben amerikanische Soziologen das „Kleine-Welt-Phänomen“, das erstmals 1967 von Stanley Milgram und J. Travers von der Harvard University beschrieben wurde, mit zeitgemäßer Internet-Kommunikation bestätigt. Demnach seien alle Menschen auf dem Erdball nur über sechs Ecken miteinander bekannt. Diese Neuauflage des schon historischen, soziologischen Experiments präsentieren sie im Fachblatt Science (Vol. 301, S. 827).

„In diesem globalen Experiment versuchten mehr als 60.000 E-Mail-Nutzer aus 166 Ländern insgesamt 18 ausgewählte Zielpersonen in 13 Staaten durch das Weiterleiten von elektronischen Nachrichten direkt zu erreichen“, beschreiben Duncan J. Watts und seine Kollegen von der Columbia University in New York die Bedingungen. Je nach Einbindung in soziale Netzwerke variierte die Zahl der Weiterleitungen zwischen fünf und sieben, mit einem gewichteten Mittelwert (Median) bei sechs. Insgesamt starteten über 24.000 E-Mail-Ketten. Wegen mangelnden Interesses der freiwilligen Teilnehmer erreichten jedoch nur 384 wirklich ihr Ziel, allerdings mit durschnittlich knapp über vier Kontakten.

Auf dieser Grundlage berechneten die Soziologen die durchschnittliche Anzahl der notwendigen Weiterleitungen und bestätigten das „Kleine-Welt-Phänomen“, das in den 1960er Jahren noch auf klassisch postalischem Wege untersucht wurde. „Six degrees of separation“ gilt seitdem als höchstwahrscheinlicher Maßstab für die gegenseitige Verknüpfung der Erdenbürger.

Neben rein statistisch, mathematischen Erkenntnissen gewannen die Forscher auch Einblick in das E-Mail-Kommunikationsverhalten der Teilnehmer. So wählten die E-Mail-Weiterleiter aus freien Stücken den jeweils nächsten Adressaten. Einziges Kriterium sollte bei ihnen die Vermutung sein, dass der Adressat der jeweiligen Zielperson näher sein könnte als sie selbst.

Zu über Zweidritteln wählten die Teilnehmer Adressaten aus dem Freundeskreis aus, Verwandte und Kollegen spielten mit jeweils rund 10 Prozent nur eine untergeordnete Rolle. Die Qualität der Beziehungen verteilte sich dabei relativ gleichmäßig auf „sehr eng“, „eng“, „mäßig eng“ und „locker“. Frauen schickten ihre Mails mit 61 Prozent bevorzugt an Frauen, und Männer ebenfalls mit 57 Prozent lieber an Gleichgeschlechtliche weiter.

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Einen Einwand an der Beweisführung der „Six degrees of separation“ kann jedoch auch dieses Experiment nicht entkräften. An dem Versuch konnten selbstverständlich nur Personen mit einer E-Mail-Adresse und Internetzugang teilnehmen. Doch trotz der globalen Verbreitung dieses Kommunikationssystems verfügt tatsächlich nur ein Bruchteil der insgesamt über sechs Milliarden Erdenbürger über einen elektronischen Briefkasten.

So beschränkt sich die Gültigkeit dieses Theorems für skeptische Wissenschaftler auf die Bevölkerung mit ansatzweise guter Infrastruktur. Über wieviele Ecken alle Menschen, einschließlich dem Reisbauern in der chinesischen Provinz oder dem Kind in einem südsudanesischen Dorf, miteinander bekannt sind, bleibt weiterhin eher offen.

Jan Oliver Löfken
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