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Geschichte+Archäologie

Kaiser Justinian und die Frauen

Justinian I.
Mosaikporträt des Kaisers Justinian I. © seraficus/ iStock

Der spätantike Kaiser Justinian war nicht nur ein erfolgreicher Herrscher, sondern hatte auch einen bis heute wichtigen Einfluss auf die römische Gesetzgebung. Auffallend ist dabei, dass der oströmische Kaiser besonders viele Gesetze mit Bezug auf die Rolle und Rechte der Frauen erließ. Einige davon gaben ihnen mehr Freiheiten, andere beschnitten diese. Was hinter Justinians Fokus auf dem weiblichen Recht steht, untersucht zurzeit eine Würzburger Historikerin.

Justinian I. ist einer der bekanntesten Herrscher der Spätantike. Der ursprünglich aus einfachen Verhältnissen stammende Herrscher wurde 525 von seinem Onkel und Vorgänger Justin I. zum Thronfolger ernannt, im April 527 wurde er zum Mitkaiser und nach dem Tod von Justin I. bestieg er im August 527 den Thron des oströmischen Reichs. Justinian gilt als entscheidend für den Wandel der antiken römischen Ära hin zum christlich geprägten Byzantinischen Reich. Als erfolgreicher Feldherr sorgte Justinian I. zudem in mehreren Feldzügen gegen Germanen, Vandalen und Perser dafür, das oströmische Reich auszudehnen.

Wegweisende Kompilation des Rechts

Doch auch in einem anderen Gebiet war Justinian wegweisend: Er gab erstmals eine komplette Kompilation des Römischen Rechts in Auftrag, das sogenannte Corpus Iuris Civilis. Dieser juristische Grundstock prägte die Entwicklung der Rechtsprechung in Europa: Im 12. Jahrhundert war er fester Bestandteil der Rechtslehre in Bologna und wurde zur Basis der Rechtsprechung im mittelalterlichen Stauferreich. Viele Gesetze gehen bis heute auf das Corpus Iuris von Justinian I. zurück. Kaiser Justinian sammelte aber nicht nur alle relevanten Rechtsquellen, er erließ auch selbst zahlreiche neue Gesetze.

Das Erstaunliche daran: Mehr als 200 Gesetze des spätantiken Herrschers beschäftigten sich mit der Rolle der Frauen und ihren Rechten und Pflichten im Alltag. Angesichts der in der römischen Kultur eher untergeordneten Stellung der Frau war es äußerst ungewöhnlich, dass sich ein Kaiser so intensiv mit den Rechten des weiblichen Geschlechts befasste. Was dahinter steckt und was die Gesetzesnovellen Justinians über die Rolle der Frauen im oströmischen Reich verraten, untersucht zurzeit die Historikerin Katharina Wojciech von der Julius-Maximilians-Universität (JMU) Würzburg in einem Forschungsprojekt.

Warum befasst sich der Kaiser so stark mit den Frauen?

„Justinian hat sich anscheinend für viele Aspekte interessiert, die nicht unbedingt typisch für einen Herrscher der damaligen Zeit waren. Dazu gehören auch die Frauen“, sagt die Historikerin. Warum sich der oströmische Kaiser um die Rechte der Frauen kümmerte, ist unklar. Einige Wissenschaftler vermuten jedoch, dass dies möglicherweise auf seine Frau Theodora zurückging, die wie Justinian selbst aus einfachen Verhältnissen stammte und zeitweise sogar den damals anrüchigen Beruf der Schauspielerin ausgeübt haben soll, bevor sie Kaiserin wurde. Einigen historischen Quellen zufolge war Theodora eine willensstarke Frau, die Entscheidungen und Herrschaft ihres Mannes durchaus beeinflusst haben könnte.

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Es wäre demnach durchaus plausibel, wenn Kaiserin Theodora darauf gedrungen hätte, die Situation der Frauen zu verbessern. „Das ist aber keineswegs gesichert“, sagt Wojciech. Tatsächlich trugen einige von Justinians Gesetzesnovellen dazu bei, die Stellung der Frau zumindest in einigen Punkten zu verbessern: Durch sie wurde es für Frauen im oströmischen Reich einfacher, legitime Verbindungen einzugehen. Außerdem verbesserte sich durch die neuen Gesetze die vermögensrechtliche Stellung der Frauen und verhalf ihnen zu mehr Besitz. Allerdings erließ Justinian auch Regelungen, die die Rechte und Freiheiten der Frau erheblich einschränkten. Wurde eine Frau zum Beispiel von ihrem Mann geschlagen, konnte sie sich nicht scheiden lassen. Ihr stand lediglich eine finanzielle Entschädigung zu.

Spannende Spurensuche

„Das zeigt, dass seine Gesetzgebung nicht frei von Widersprüchen war und es auch unterschiedliche Entwicklungen gab. Die Frage nach seiner Motivation ist dabei ein spannender Faktor“, erklärt Wojciech. Im Rahmen ihres Projekts wird sie nun der Frage nachgeben, warum sich viele von Justinians Novellen so explizit mit Frauen befassten und was über deren Rolle in der damaligen Zeit aussagt. Dafür wertet Wojciech neben den Gesetzesnovellen von Justinian und seine Sammlung des Römischen Rechts, auch andere zeitgenössische Texte aus, darunter die Geschichtsschreibung von Prokopios von Caesarea oder religiöse Schriften.

„Mir geht es darum, zu hinterfragen, warum Frauen in diesen Gesetzen sichtbar werden. Welche Erwartungen wurden dabei an Frauen formuliert? Entsprachen Frauen diesen Erwartungen? Und wenn sie es nicht taten, inwiefern hatten diese Gesetze ihren Platz im Alltag?“, so die Historikerin. „Man muss immer beachten: Unsere historischen Quellen sind immer von Männern verfasst worden. Wir begegnen in der Antike also einer Fremdsicht auf Frauen. Deshalb ist es mir besonders wichtig, ihnen heute eine Stimme zu geben und die männlichen Diskurse, Erwartungen und Werturteile von damals zu hinterfragen.“

Quelle: Julius-Maximilians-Universität Würzburg; Forschungsprojekt „Justinian und die Frauen – Kaiserrecht in Genderperspektive“

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