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Wilhelm II.

Kaiserreich war kein „Zeitalter der Sicherheit“

Wilhelm II.
Kaiser Wilhelm II. und Entourage. (Bild: clu/ iStock)

Sie galt als „Belle Époque“ und als Zeitalter der Sicherheit“: In der Rückschau wurde das wilhelminische Kaiserreich vor dem Ersten Weltkrieg lange als besonders sicher und stabil glorifiziert. Doch diese Zuschreibung ist falsch, wie nun ein Historiker der Universität Bonn aufdeckt, denn schon damals sorgten gesellschaftliche Konflikte für ein Unsicherheitsgefühl. Dieses schlug sich in den Medien nieder, führte aber zur Gründung erster privater Sicherheitsunternehmen.

Von der wilhelminischen Ära als einem „Zeitalter der Sicherheit“, sogar einem „goldenen“, sprach der Schriftsteller Stefan Zweig im Jahr 1941 rückblickend in seinem autobiographischen Werk „Die Welt von Gestern“. Verglichen mit der Zeit des Ersten und Zweiten Weltkriegs erschien ihm und seinen Zeitgenossen die 1888 begonnene Regierungszeit Kaiser Wilhelms II. demnach als besonders stabil und sicher. Gekennzeichnet war diese Ära durch ein sehr konservatives, eher rückwärtsgewandtes gesellschaftliches Klima und eine fast neobarocke Prunk-Architektur. Auf europäischer Eben wird diese Zeit unter anderem deshalb auch als „Belle Époque“ bezeichnet.

Widersprüchliche Deutungen

Aber wie „schön“ und sicher war die wilhelminische Ära wirklich? Und wie empfanden dies die damals lebenden Menschen? Das hat der Historiker Amerigo Caruso von der Universität Bonn in seiner Studie „‚Blut und Eisen auch im Innern‘ – Soziale Konflikte, Massenpolitik und Gewalt in Deutschland vor 1914“ erstmals im Detail untersucht. Dafür wertete der Forscher historische Dokumente, darunter vor allem auch Pressemeldungen der damaligen Zeit aus. Das Ergebnis: Anders als es der idealisierte Blick aus der Zeit der Weltkriege nahelegt, empfanden die Menschen des Kaiserreichs ihre Zeit keineswegs als besonders friedlich – im Gegenteil: Bedrohungskommunikation, Unsicherheitsgefühle und medialisierte Gewalt seien damals ständig präsent gewesen, sagt Caruso.

Als einen Grund dafür sieht der Historiker die zahlreichen Widersprüche, durch die das wilhelminische Kaiserreich gekennzeichnet war – und die diametral entgegengesetzte Deutungsmuster hervorbrachten: „Für die Verfechter der Demokratisierung war das Kaiserreich ein autoritäres Herrschaftssystem, in dem rechtliche Diskriminierung und Repression zum Alltag gehörten. Für Demokratiegegner hingegen war das wilhelminische System zu liberal“, erklärt Caruso. Als Gegenströmung zum konservativen, patriarchalischen Regierungsstil Wilhelms II. und der rigiden Gesellschaftsordnung mehrten sich vor allem Proteste der Arbeiterschaft. Die sozialdemokratischen Freien Gewerkschaften verdoppelten nach der Jahrhundertwende in nur vier Jahren ihre Mitgliederzahl auf rund eine Million.

„Diskursive Konstruktion von Bedrohungen“

Die extrem unterschiedlichen Sichtweisen auf diese Entwicklungen zeigen sich auf der einen Seite in Äußerungen von konservativer Seite aus. Wilhelm II. drohte mit „Blut und Eisen auch im Innern“, um „gesunde Zustände“ herbeizuführen. Unternehmer und konservative Presse sprachen von „Streikterrorismus“, um die Streikenden zu kriminalisieren und sie zu einem integralen Bestandteil eines generellen Bedrohungsszenarios für die etablierte Ordnung zu machen. Streiks und Protestbewegungen galten für diese gleich in mehrfacher Hinsicht als Gefahr für die innere Sicherheit: politisch-ideologisch, militärisch, volkswirtschaftlich und privatkapitalistisch, wie der Historiker in seiner Studie erklärt.

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Als Grund für diese „diskursive Konstruktion von Bedrohungen“ sieht Caruso die sich häufenden Streiks und die Expansion der Gewerkschaften. Sie ließen bei den wirtschaftlichen und politischen Eliten des späten Kaiserreichs das Gefühl einer Notwendigkeit neuer repressiver und disziplinierender Strategien aufkommen. In Wirklichkeit jedoch verliefen die Streiks und politischen Demonstrationen der damaligen Zeit weitgehend friedlich. Für den Bonner Historiker besteht das bedrohliche Erbe der wilhelminischen Zeit unter anderem in dem verzerrten Blick auf diese legitimen Formen der politischen Opposition. Das Problem sei, „dass in weiten Teilen der Gesellschaft Streiks und politische Proteste nicht als Grundlage der demokratischen Kultur akzeptiert wurden.“

Von Zechenwehren bis zu „deutschen Pinkertons“

Das verstärkte Bedrohungs-Empfinden gerade der konservativen Schichten führte auch dazu, dass ein ganz neuer Markt für die private Sicherheit entstand: Wachgesellschaften und Detektivagenturen erlebten einen Boom. Das facettenreiche Spektrum reichte dabei von Zechenwehren über Wach- und Schließgesellschaften bis zu Privatdetektiven und bewaffneten Sicherheitsleuten, die unter anderem zum Schutz von Streikbrechern eingesetzt wurden. Nach der berühmt-berüchtigten amerikanischen Detektivagentur Pinkerton wurden sie von der Arbeiterpresse auch „deutsche Pinkertons“ genannt.

Die Hintergründe für den neuen Sicherheitsmarkt waren neben gesellschaftlichen Auseinandersetzungen auch eine gestiegene Angst vor Alltagskriminalität. Viele Unternehmer sahen zudem ihre Interessen von staatlichen Stellen nicht konsequent durchgesetzt. Sie nutzten daher die privaten Sicherheitsfirmen, um einerseits eigentlich staatliche Ordnungsfunktionen wahrzunehmen und anderseits um ihre Interessen gegenüber der erstarkenden Arbeiterbewegung durchzusetzen. Noch allerdings führte selbst diese privatisierte Gewalt weder zu extremen Übergriffen gegen politische Gegner noch zu einer Gegengewalt gegen den Staat.

Das änderte sich erst nach dem Ersten Weltkrieg: „Jetzt überstiegen politische Instabilität und Gewalteskalation bei weitem die Krisenerwartungen und Unsicherheitsgefühle der Belle Époque“, erklärt Caruso. Verstärkt durch den Krieg und die Brutalisierung, seien nun die Grundlagen gelegt worden für die weitaus schärferen politisch-gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in der Weimarer Republik.

Quelle: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn; Veröffentlichung: „Blut und Eisen auch im Innern – Soziale Konflikte, Massenpolitik und Gewalt in Deutschland vor 1914″

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