Karpfen-Kaviar auf dem Steinzeit-Speiseplan - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Geschichte+Archäologie

Karpfen-Kaviar auf dem Steinzeit-Speiseplan

Links: Rekonstruktion des 6000 Jahre alten Gefäßes. Rechts: Eine Nahaufnahme der Nahrungsmittelkruste. (Credit: Shevchenko et al. PLOS ONE. 28. Nov 2018 / MPI-CBG / BL)

Raffinierte Analysetechnik hat Forschern Einblick in die Küche vor 6000 Jahren gewährt: Im heutigen Brandenburg schmauste man damals offenbar ein Gericht aus Karpfen-Rogen, geht aus der Untersuchung von Speiseresten an den Scherben eines steinzeitlichen Kochtopfs hervor.

Fast 40 Jahre mussten die Funde auf die Analyse warten: Bereits 1979 hatten Archäologen die Fragmente des rund 6000 Jahre alten Tongefäßes an einem archäologischen Fundort in der Nähe von Berlin entdeckt. Doch zu dieser Zeit gab es noch keine Analyseverfahren für Nahrungsmittelspuren – deshalb blieben die feinen Krusten an den Scherben zunächst unbeachtet. „Wir können froh sein, dass die Archäologen die Funde damals nicht gewaschen haben“, sagt Günter Wetzel vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseum. Um den möglichen Speiseresten an den Scherben nun mögliche Geheimnisse zu entlocken, haben er und seine Kollegen die Massenspektrometrie-Experten am Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden (MPI-CBG) um eine Analyse gebeten.

Eine gewinnbringende Herausforderung

Die dortigen Wissenschaftler haben der Aufgabe viel Aufmerksamkeit gewidmet. „Wir mussten uns mit der Frage beschäftigen, wie Lebensmittelproteine in verkohlten Ablagerungen auf archäologischen Scherben überleben können und wie wir die ursprünglichen Proteine von modernen Verunreinigungen wie menschlicher Haut, Speichel oder Pflanzen, die einst auf dem Ausgrabungsfeld angebaut wurden, unterscheiden können“, erklärt Anna Shevchenko vom MPI-CBG. Wie sie und ihre Kollegen berichten, führte die Aufgabe schließlich zur Entwicklung eines neuen Proteomik-Analyse-Verfahrens für Nahrungsmittelkrusten. Damit lassen sich zahlreiche Eiweiße identifizieren und auch eine Unterscheidung von alten und jüngeren Proteinen ist möglich, sagen die Wissenschaftler. Mit ihrem neuen Verfahren identifizierten die Forscher schließlich etwa 300 verschiedene Eiweiß-Reste in den Fragmenten der 6000 Jahre alten Keramikschale.

Wie sie berichten, stießen sie dabei auf Substanzen, die vom Karpfen stammen. Sie konnten sie sogar einem speziellen Gewebe dieses Fisches zuordnen: Die Proteine waren typisch für Kaviar oder Rogen. Sie fanden zudem Hinweise darauf, wie dieses besondere Nahrungsmittel zubereitet worden war: offenbar durch mittlere Hitze. Pflanzenreste im Bereich des Gefäßrands lassen zudem vermuten, dass der Topf wahrscheinlich während des Kochvorgangs mit Blättern bedeckt war. So kommen die Wissenschaftler zu dem Schluss: In dem Gefäß wurde vor 6000 Jahren Karpfenrogen in einer kleinen Menge Wasser oder Fischbrühe gekocht.

Anzeige

Verfahren mit Potenzial

Wie Shevchenko betont, handelt es sich um ein interessantes Ergebnis, das auch das Potenzial des neuen Verfahrens verdeutlicht: „Wir bieten Archäologen und Anthropologen nun neue analytische Instrumente zur Untersuchung von Ernährungsgewohnheiten in prähistorischen Gesellschaften“, sagt die Wissenschaftlerin. „Die Methode eröffnet dabei auch neue Perspektiven für proteomische Studien an unkonventionellen biologischen Proben in den Lebens- und Medizinwissenschaften, bei denen Proteine in mineralischen Materialien wie Zähnen oder Knochen oder Muscheln eingeschlossen sind“, sagt Shevchenko.

Auch die Archäologen des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege sind von dem Resultat begeistert: „Das Verfahren scheint nun ganz neue Möglichkeiten bei der Untersuchung der Lebensgewohnheiten unserer Jäger-und-Sammler-Vorfahren zu bieten“, sagt Wetzel. „Gleichzeitig werden Ausgräber nun allerdings auch ermahnt, noch sorgfältiger mit den Funden bei der Auffindung umzugehen, um derartige Untersuchungen sspäter überhaupt zu ermöglichen“, so der Archäologe. Mit anderen Worten: Vorsicht beim Putzen, heißt die Devise.

Quelle: Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik, PLOS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0206483

Anzeige

DAMALS | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Wissenschaftslexikon

kri|tisch  〈a. [kri–] Adj.〉 1 gewissenhaft prüfend, streng urteilend 2 bedrohlich, gefährlich ... mehr

voi|pen  〈[v–] V. i.; hat; Tel.; IT〉 per Internet telefonieren ● wir haben heute lange gevoipt [→ Voip ... mehr

L|fer  〈m. 3〉 1 jmd., der läuft 2 jmd., der das Laufen sportlich betreibt (Kurzstrecken~, Langstrecken~, Schlittschuh~, Ski~) ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige