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Geschichte|Archäologie

Keltische Kunst datieren

„Denn alles, was aus der ältesten, heidnischen Zeit stammt, schwebt für uns gleichsam in einem dichten Nebel, in einem unermesslichen Zeitraum. Wir wissen, dass es älter ist als das Christentum, doch ob es ein paar Jahre oder ein paar Jahrhunderte, ja vielleicht um mehr als ein Jahrtausend älter ist, darüber lässt sich mehr oder weniger nur raten“. Mit dieser Feststellung des dänischen Professors Rasmus Nyerup aus dem Jahr 1806 ist eines der zentralen Probleme der Vorgeschichtsforschung formuliert: die möglichst präzise Altersbestimmung prähistorischer Bodenfunde.

Zur Lösung dieser Frage entwickelte die Archäologie ausgehend von der groben Einteilung in eine Stein-, eine Bronze- und eine Eisenzeit eine eigene Methode. So geht man davon aus, dass Gegenstände gleichen Aussehens und gleicher Machart auch ein ähnliches Alter besitzen, ebenso wie Objekte, die in einem gemeinsamen Fundzusammenhang gefunden werden. Schließlich gelten Objekte, die in derselben Fundschicht liegen, als gleich alt, diejenigen darüber bzw. darunter dementsprechend als jünger oder älter.

Durch die Anwendung dieser Grundsätze gelang die Erarbeitung einer Vielzahl archäologischer Kulturgruppen und ihrer chronologischen Beziehungen zueinander. Die Frage nach dem tatsächlichen Alter eines Objekts lässt sich aber auf diese Weise allein im geschichtslosen, prähistorischen Mitteleuropa nicht beantworten. Hierzu bedarf es der archäologisch-historischen Einbeziehung von Funden aus Regionen, die bereits mit Geschichtsdaten aufwarten können.

Für die Eisenzeit Mitteleuropas geschieht dies meist durch Importfunde aus den mediterranen Hochkulturen Griechenlands und Italiens. Solche in ihrem Ursprungsland recht genau datierten Gegenstände bilden die Fixpunkte für die zeitliche Einordnung einheimischer Funde.

Eines der wichtigsten Beispiele hierfür stammt aus dem frühkeltischen „Fürstengrab“ von Hochdorf bei Ludwigsburg. Dort entdeckte man 1977 einen der reichsten Grabfunde der europäischen Vorgeschichte. Von den zahlreichen Bei‧gaben aus dem Grab ist der große, aus dem Mittelmeerraum stammende Kessel für die absolute Datierung von entscheidender Bedeutung. Er hatte offenbar bereits eine bewegte Geschichte hinter sich, bevor man ihn, gefüllt mit Honigmet, im Grab deponierte. Der Kessel ist kein homogenes Werkstück, sondern aus Alt‧teilen zusammengesetzt. Zwei der Löwenfiguren, die seinen Rand schmücken, wurden um 540 v. Chr. in einer griechischen Werkstatt in Unteritalien hergestellt. Die Rollenhenkel und der Kesselkörper sind dagegen älter.

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Wo der Kessel endgültig zusammengesetzt wurde, lässt sich kaum entscheiden. Werkstätten in Italien kommen ebenso in Frage wie ein Atelier aus der Gegend von Marseille, dem antiken Massalia. Als sicher gilt dagegen, dass ein einheimischer Handwerker einen verlorengegangenen griechi-schen Kessellöwen durch eine stilistisch reduzierte, technisch aber meisterhafte Nachschöpfung ersetzte. Die griechischen Löwen datieren nicht nur die Grabausstattung des „Fürsten“ von Hochdorf, sie liefern gleichzeitig einen Zeitansatz für den Beginn eines künstlerischen Umbruchs, der mit der Aufnahme südlicher Impulse die Grundlage für den kommenden „Frühen Stil“ in der keltischen Kunst bildet.

Etwa 100 Jahre später war diese Entwicklung abgeschlossen. Organisch anmutende Pflanzen- und Zirkelornamente, phantastische Fabelwesen und Dämonenfratzen hatten die strenge Geometrie und Bildfeindlichkeit der älteren Eisenzeit abgelöst. Einige der schönsten Vertreter des neuen „La-Tène-Stiles“, eine bronzene Schnabelkanne, eine goldplattierte Zierscheibe und goldene Trinkhornbeschläge, stammen aus dem 1879 aufgedeckten „Fürstengrab“ des Kleinasperg-le, nur zehn Kilometer von Hochdorf entfernt.

Ausschlaggebend für die Datierung dieser Bestattung sind wiederum Importfunde aus dem griechischen Kulturkreis. Zwei Trinkschalen, eine rotfigurig bemalte Fußschale des sogenannten AmphitriteMalers und ihr schwarz gefirnisstes Gegenstück, wurden um 450 v. Chr. in einer Werkstatt in Athen hergestellt. Beide Schalen waren bereits antik gebrochen und wurden von einem einheimischen Handwerker mit Goldapplikationen in typisch keltischer Zierweise repariert und gleichzeitig geschmückt.

Die Grabfunde von Hochdorf oder dem Kleinaspergle zeigen jedoch auch die Grenzen der Datierung durch Südimporte. Die Reparaturen sowohl des Hochdorfer Kessels als auch der beiden Trinkschalen belegen, dass die Stücke bereits eine gewisse Zeit in Gebrauch waren, bevor sie in die jeweiligen Gräber gelangten. Diese Zeitspanne, die Umlaufzeit der Objekte, kann wenige Jahre oder aber Jahrzehnte betragen haben und führt zu einer entsprechenden, mitunter beträchtlichen Datierungs‧unschärfe.

Ein vorgeschichtliches Kunstwerk präzise, im günstigsten Fall jahrgenau zu datieren vermag hingegen die Dendrochronologie. Basierend auf dem Auszählen unterschiedlich breiter Jahrringe in Hölzern, ermittelt sie durch Überlappung der Ringmuster vieler Bäume eine charakteristische Baumringabfolge, eine Standardkurve, die ihrerseits zur Datierung archäologischer Holzfunde dient. Diese nur auf Holz anwendbare Methode verlangte bis vor kurzem ein Zerschneiden oder Anbohren der zu untersuchenden Objekte und damit deren Beschädigung oder Zerstörung.

Einem interdisziplinären Forschungsprojekt gelang im Jahr 2003 die weltweit erste zerstörungsfrei gewonnene Jahrringdatierung mittels eines 3-D-Computertomographen. Die Untersuchungsobjekte waren ein Hirsch und zwei Ziegenböcke, drei einzigartige Skulpturen aus Eichenholz, die 1977 im Brunnen einer spätkeltischen Viereckschanze bei Fellbach-Schmiden entdeckt worden waren.

Die herausragende künstlerische Qualität der Tierfiguren liegt in der meisterlichen Verbindung traditioneller keltischer Stilelemente mit dem Naturalismus der hellenistischen Kunst. Diese Entwicklung lässt sich dank der neuen Methode nun genau datieren: Die Figurengruppe wurde im Jahr 127 v. Chr. in einer einheimischen Werkstatt geschnitzt.

Aufgrund der großen Ähnlichkeiten in Ausdruck und Darstellungsweise sind spätkeltische und provinzialrömi-sche Bildwerke durch reine Stilanalysen meist nicht zu unterscheiden. Besonders augenfällig wird dies, wenn man die nahtlose Entwicklung der Holzskulpturen betrachtet. Eine 1977 in Eschenz (Kanton Thurgau, Schweiz) in einem römischen Abwasserkanal entdeckte Statue aus Eichenholz zeigt einen Mann, der in einen langen Kapuzenmantel gehüllt ist. Aus konservatorischen Gründen weder angebohrt noch angesägt, war ihr ge-naues Alter lange umstritten. Die Untersuchung im 3-D- Computertomographen brachte 2008 endlich Klarheit – die Holzfigur wurde aus einer um 9 v. Chr. gefällten Eiche geschnitzt; sie entstand, wenn auch unter Verwendung keltischer Stilelemente, bereits in römischem Umfeld.

Die angeführten Beispiele verdeutlichen, dass die Vorgeschichtsforschung zur Datierung ihrer Fundstücke auf alle ihr zu Verfügung stehenden Werkzeuge zurückgreifen muss: Stilkunde und Stratigraphie, den archäologisch-historischen Vergleich und die sich immer weiter entwickelnden naturwissenschaftlichen Datierungsmethoden.

Quelle: Thomas Hoppe
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