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Geschichte+Archäologie

Kenia: Prähistorische Monumental-Anlage entdeckt

Lothagam North Grabanlage
Blick auf die Anlage von Lothagam North, im Vordergrund das mit Kieseln bedeckte Gräberfeld. (Foto: PNAS)

Archäologen haben am Turkanasee eine 5000 Jahre alte monumentale Grabanlage entdeckt – die größte und älteste Ostafrikas. Der prähistorische Komplex besteht aus einem in den Fels gehauenen Gräberfeld umgeben von Megalithsäulen, sowie mehreren Steinkreisen und Hügeln. Das Besondere daran: Die Erbauer waren nomadische Hirten mit einer egalitären Gesellschaftsstruktur – bisher aber hielt man solche Monumentalbauten nur in hierarchischen, komplex gegliederten Gesellschaften für machbar.

Ob Stonehenge, das Steinzeitheiligtum von Göbekli-Tepe oder prähistorische Kreisgrabenanlagen in Deutschland – ihnen allen ist gemeinsam, dass sie unter enormem Aufwand an Menschen und Material erbaut wurden. „Es erfordert viele Menschen, um eine solche Struktur zu errichten, die die Identität, Werte und Erinnerungen einer Kultur repräsentierte und verstärkte“, erklären Elisabeth Hildebrand von der Stony Brook University in New York und ihre Kollegen. Für einige dieser Bauten mussten tonnenschwere Steinblöcke von weither herangeschafft werden und meist dauerte der Bau der Anlagen mehrere Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte.

Um eine so gewaltige Aufgabe zu bewältigen, waren daher eine gute Planung und komplexe Logistik nötig. Das aber trauten Wissenschaftler bisher nur komplexen, hierarchisch gegliederten Gesellschaften zu. „Typischerweise war dies dort der Fall, wo die Ressourcen eine hohe Bevölkerungsdichte und regelmäßige Überschüsse gewährleisteten, die eine Ansammlung von Reichtum und die Bildung sozialer Schichten förderten“, so die Forscher. „Als dann die Ungleichheit wuchs, nutzten die Eliten monumentale Bauprojekte, um ihre Macht über die Arbeitskraft und die Rituale zu demonstrieren.“

Gräber im Felsgrund

Doch wie sich nun zeigt, stimmt dieses Szenario nur bedingt. Denn Hildebrand und ihr Team haben nun in Kenia eine steinzeitliche Monumental-Anlage entdeckt, die nicht in dieses Schema passt. Es handelt sich um eine insgesamt 1400 Quadratmeter große Anlage, die vor rund 5000 Jahren am Ufer des Turkanasees in Kenia errichtet worden ist. Sie besteht aus einer 700 Quadratmeter großen Steinplattform, an die sich neun Steinkreise und sechs Steinhügel anschließen. Die Lothagam North getaufte Anlage ist damit der größte und älteste Monumentalbau in ganz Ostafrika, wie die Forscher berichten.

Das Zentrum der Anlage bildet die von gleichgroßen Basaltkieseln bedeckte rund 30 Meter große Steinplattform. Um sie zu errichten, trugen die Erbauer den Ufersand des Sees in einem 120 Quadratmeter großen Gebiet bis auf den Felsgrund ab – eine mühsame und langwierige Aufgabe. In den Felsgrund meißelten die steinzeitlichen Erbauer der Anlage anschließend hunderte eng beieinanderliegende Grabkuhlen, die später durch eine schützende Gerölldecke zugedeckt wurden. Die Ausgrabungen enthüllten, dass dort im Laufe von mehreren hundert Jahren mindestens 580 Männer, Frauen und Kinder bestattet wurden. Ihr Alter reichte von Neugeborenen bis zu Alten.

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Nomadische Hirten als Erbauer

Auffallend dabei: Fast alle Toten hatten individuellen Schmuck mit ins Grab bekommen. „Viele Individuen hatten Perlen aus Austernschalen oder Stein um Hals, Hüften oder Knöchel“, berichten die Archäologen. „Andere trugen Ringe oder Armreifen aus Nilpferdelfenbein.“ Auch Halsschmuck aus Nilpferdzähnen, geschnitzte Anhänger und andere Schmuckstücke lagen bei den Toten. „Dieser Schmuck war nicht auf eine Altersgruppe, ein Geschlecht oder einen Grabtyp beschränkt“, sagen Hildebrand und ihre Kollegen. Auch in der Anordnung der Gräber oder der Art der Bestattungen seien keine sozialen Hierarchien ablesbar. Wie die Archäologen erklären, spricht dies dafür, dass die Erbauer dieser Anlage nomadische Hirten und Viehzüchter waren, die in einer egalitären Gemeinschaft ohne Eliten oder Schichten lebten.

Das aber wiederspricht früheren Vorstellungen über die Erbauer solcher Monumental-Anlagen. „Dieser Fund zwingt uns darüber nachzudenken, wie wir soziale Komplexität definieren“, sagt Hildebrand. „Und auch darüber, welche Motive Menschengruppen dazu bringen, öffentliche Architektur zu erschaffen.“ Die Archäologen vermuten, dass eine schwierige Situation die Hirten zu einer solchen kollektiven Anstrengung trieb. Denn sie lebten ursprünglich im Saharagebiet, wanderten dann aber weiter nach Süden und Osten, als vor 6500 Jahre das Klima trockener wurde. Nach ihrer Ankunft am Turkanasee waren sie nicht nur mit neuen Umweltbedingungen konfrontiert, sondern standen auch in Konkurrenz zu den bereits dort ansässigen Fischer-Kulturen.

Die gemeinsame Arbeit an der Grabanlage und die dort abgehaltenen Rituale halfen den Nomaden möglicherweise dabei, ihre kulturelle Identität zu stärken. „Der Informationsaustausch während der gemeinsamen Rituale könnte den Hirten zudem geholfen haben, mit der sich schnell verändern Umwelt zurechtzukommen“, mutmaßt Anneke Janzen vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena.

Quelle: Elisabeth Hildebrand (Stony Brook University, New York) et al., Proceedings of the National Academy of Sciences, doi: 10.1073/pnas.1721975115

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