"Kennewick Man" war doch ein Indianer - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

„Kennewick Man“ war doch ein Indianer

Analyse der DNA des Kennewick Man im Spezial-Labor (Mikal Schlosser)

Das 8.500 Jahre alte Skelett des „Kennewick Man“ sorgt seit Jahren für Rätselraten und einen handfesten Rechtsstreit. Denn die amerikanischen Ureinwohner halten den im US-Bundesstaat Washington entdeckten Toten für einen ihrer Vorfahren und wollen die Gebeine bestatten. Weil die Gesichtszüge des Mannes aber fast europäisch sind, zweifelten Wissenschaftler bisher seine Zugehörigkeit zu den Indianern an. Jetzt hat eine DNA-Analyse die wahre Herkunft des Kennewick Man entschlüsselt.

Streit um ein Skelett

Entdeckt wurde der Kennewick Man im Jahr 1996 , als das Wasser des Columbia River nahe der Ortschaft Kennewick einige Knochen freispülte, die sich als Teil eines menschlichen Skeletts entpuppten. Weil das Gesicht eher europäische Züge trug, hielt man den Mann zunächst für einen US-Amerikaner europäischer Herkunft. Doch eine Radiokarbon-Datierung ergab, dass das Skelett bereits 8.500 Jahre alt war – und damit aus der präkolumbianischen Ära stammte.

Für Vertreter von fünf Stämmen amerikanischer Ureinwohner, die heute im pazifischen Nordwesten der USA leben, war der Fall damit klar: Der Kennewick Man musste einer ihrer Vorfahren sein. Sie tauften ihn „The Ancient One“ – „Den Uralten“ und forderten die Herausgabe der Knochen, damit sie diese entsprechend ihren Riten bestatten konnten.

Einige Wissenschaftler klagten jedoch 2004 gegen diesen Anspruch, denn ihrer Ansicht nach sprach das Aussehen des Toten eher gegen seine Zugehörigkeit zu den Ureinwohnern. Anatomische Vergleiche hatten ergeben, dass der Kennewick Man mehr Ähnlichkeit mit Polynesiern, den japanischen Ainu und Europäern aufwies als mit den heutigen Indianern. Doch für eine eindeutige Entscheidung reichte auch dies nicht aus. Seither tobt daher zwischen Anthropologen und Indianern ein erbitterter Streit um die Knochen.

DNA enthüllt Zugehörigkeit

Neue Informationen – und vielleicht eine Entscheidung – bringt nun die erste DNA-Analyse des Kennewick Man. Einem internationalen Forscherteam gelang es, aus einem Fingerknochen des Skeletts Reste des Erbguts zu isolieren. „Die DNA war schon stark degradiert, aber wir haben die neuesten Methoden der Genanalyse eingesetzt, um jedes Bisschen an Information aus dem Knochen herauszupressen“, sagt Erstautor Morten Rasmussen von der Universität Kopenhagen.

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Das Ergebnis war eindeutig: „Der Vergleich des Erbguts mit dem heutiger Populationen zeigt, dass der Kennewick Man enger mit den amerikanischen Ureinwohner verwandt ist als mit jedem anderen Volk“, berichtet Rasmussen. Die Hypothese, dass der Tote einst über den Pazifk kam oder gar aus Europa, sei damit widerlegt.

Und nicht nur das: Es gibt sogar erste Hinweise darauf, dass der Kennewick Man besonders eng mit mindestens einem der Stämme verwandt ist, die mit den Forschern im Rechtsstreit liegen. „Unter den Gruppen, für die wir ausreichend genetische Vergleichsdaten besitzen, sind die Vereinten Stämme des Colville Reservats dem Kennewick Man am ähnlichsten“, sagt Studienleiter Eske Willerslev von der Universität Kopenhagen. Sie könnten daher tatsächlich Nachkommen des Kennewick man sein oder zumindest von einer nahe verwandten Population abstammen. Ob damit der Rechtsstreit tatsächlich endlich beigelegt werden kann, muss sich nun zeigen, es spricht aber einiges dafür.

Quelle: Nature, 2015; doi: 10.1038/nature14625
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