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Geschichte+Archäologie

Köpfchen bewiesen

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Auf dieser Abbildung sieht man die Formunterschiede des Gehirns bei erwachsenen Neandertalern (rot) und erwachsenen modernen Menschen (blau). Bild: Philipp Gunz, MPI-EVA.
Cambridge. Die Gehirnentwicklung von modernem Mensch und Neandertaler weist in den ersten Lebensmonaten deutliche Unterschiede auf. Zu diesem Schluss ist ein deutsch-französisches Forscherteam gekommen, nachdem es per Computer erzeugte Gehirnabdrücke der beiden Spezies miteinander verglichen hatte. Demnach ähneln sich die Hirnstrukturen von Homo neanderthalensis und Homo sapiens direkt nach der Geburt sehr stark. Auch die Gehirnentwicklung ab dem zweiten Lebensjahr verläuft annähernd gleich. In der dazwischen liegenden Phase jedoch macht lediglich der Denkapparat des Menschen eine deutliche Veränderung durch: Er nimmt eine stärker kugelförmige Gestalt an als der des Neandertalers, welcher seine längliche Form beibehält. Das erste Lebensjahr gilt beim Menschen als wichtige Phase für die Entwicklung vieler sozialer, emotionaler und kommunikativer Fähigkeiten. Daher habe der Neandertaler vermutlich ein deutlich anderes Verhalten gezeigt als der moderne Mensch, berichten die Wissenschaftler um Philipp Gunz vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

Anhand von Knochenfunden ist bereits seit langem bekannt, dass Homo neanderthalensis und Homo sapiens ein Gehirn von vergleichbarer Größe besaßen beziehungsweise besitzen. Doch ob der Neandertaler allein deswegen auch schon ähnliche kognitive Fähigkeiten besaß wie der moderne Mensch, ist in Forscherkreisen bis heute umstritten – schließlich bestimmt nicht allein die Hirngröße, sondern auch dessen Struktur maßgeblich das Verhalten und die Intelligenz. Das zeigen Studien am heutigen Menschen. Demnach führen schon geringfügige Abweichungen in den ersten Lebensjahren zu deutlichen Änderungen in Kognition und Verhalten.

Vor diesem Hintergrund nahmen Gunz und seine Kollegen nun einen Vergleich der Hirnstrukturen von Neandertalern und Homo sapiens vor. Zu diesem Zweck fertigten sie mit Hilfe von Computertomographen virtuelle Abdrücke des Schädelinneren von 58 modernen Menschen an sowie von elf fossilen Schädeln. Das ist möglich, weil die Hirnstrukturen sich in den Hirnschädel einprägen und somit eine Rekonstruktion der Hirnoberfläche ermöglichen. Sowohl die Schädelrekonstruktionen der Neandertaler als auch die Schädel der Jetztmenschen stammten aus verschiedenen Altersklassen. Besondere Bedeutung kam dabei den Überresten eines Neandertalerbabys zu, das bereits im Jahr 1914 in der Dordogne gefunden worden, anschließend jedoch für viele Jahrzehnte in Vergessenheit geraten war.

Beim Vergleich der Schädelinnenabdrücke registrierten die Wissenschaftler folgende Merkmale: Die Hirne beider Spezies waren kurz nach der Geburt von ähnlicher Größe und länglicher Form. Anschließend geht das Gehirn des Homo sapiens in eine rundlichere Form über. „Wir konnten zeigen, dass diese frühe Phase der Gehirnentwicklung beim Neandertaler fehlt“, erklärt Gunz. Dieses Ergebnis passt zu einer früheren Studie, bei der die Forscher um Gunz die Gehirnentwicklung von Schimpansen und modernen Menschen verglichen hatten. Hierbei hatten sie herausgefunden, dass die Entwicklung der Hirnstrukturen nach dem Durchbrechen der Milchzähne sehr ähnlich verläuft – aber völlig unterschiedlich in den ersten Monaten nach der Geburt. „Entwicklungsmuster, die bei Schimpansen, modernen Menschen und Neandertalern gleich sind, gehen vermutlich auf den gemeinsamen Vorfahren vor vielen Millionen Jahren zurück“, sagt Simon Neubauer vom Max-Planck-Institut in Leipzig, der an beiden Studien mitwirkte.

Philipp Gunz (Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie, Leipzig) et al.: Current Biology, Bd. 20, Nr. 21, R921, doi:10.1016/j.cub.2010.10.018 dapd/wissenschaft.de ? Mascha Schacht
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