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Geschichte+Archäologie

Koloniales Deutsch im Blick

Historische Illustration zur deutschen Kolonialzeit in Afrika. (Bild: Nastasic/iStock)

Sie hatten das Sagen – doch wie sprachen die deutschen Kolonialherren zwischen 1884 und 1919 über ihren Machtbereich und seine indigenen Völker? Mit dieser Frage hat sich ein sprachwissenschaftliches Projekt der Universität Würzburg beschäftigt. In den Auswertungen von Texten aus der deutschen Kolonialzeit spiegeln sich vor allem Arroganz und Rassismus wider. Doch es gibt auch Beispiele für einen etwas respektvolleren Blickwinkel.

Wie die anderen Mächte wollte auch das junge Kaiserreich exotische Stücke der Welt besitzen – im späten 19. Jahrhundert ergatterte sich Deutschland deshalb Kolonien in Afrika, Ozeanien und Ostasien. Mit einem speziellen Aspekt dieser deutschen Kolonialzeit hat sich der Lehrstuhl für Germanistik der Universität Würzburg nun im Rahmen eines Masterseminars beschäftigt: Unter der Leitung des Sprachwissenschaftlers Matthias Schulz haben Studierende den Sprachgebrauch der Kolonialherren in der Zeit zwischen 1880 und 1920 analysiert. Dazu dienten ihnen rund 1000 Texte aus der „Digitalen Sammlung deutscher Kolonialismus“, die seit 2019 online zugänglich ist. Die Universität Würzburg berichtet nun über die Ergebnisse des Teams.

Arroganz und Ignoranz spricht aus den Texten

Die Doktorandin Miriam Reischle konnte dokumentieren, wie sich in der damaligen Sprache die grundlegende Sichtweise auf den kolonialen Raum widerspiegelte. Wie sie berichtet, zeugen viele Berichte von Vorurteilen und festen mentalen Konstrukten im Bezug auf den Charakter der Kolonien. Statt die Komplexität zu beachten und hervorzuheben, stellen die sprachlichen Konstruktionen die Kolonialgebiete oft intensiv als eine Gesamtheit dar. „Wie überall in dieser Gegend…“ ist beispielsweise eine typische sprachliche Generalisierung, berichtet Reischle. Koloniale Einstellungen und Gewissheiten können auch die Ursache dafür sein, dass manche Themen überhaupt nicht explizit versprachlicht wurden, sagt Projektleiter Schulz.

Der damals weitverbreitete koloniale Hochmut spiegelt sich auch in den Ergebnissen der Masterstudentin Jinyang Ma wider. Sie konnte am Umfang des Einsatzes von Begriffen aus der Wortfamilie „Kolonie“ – also Wörter wie Koloniebeamter, Kolonialregierung oder kolonisieren – belegen, wie stark der Blick der Kolonialherren auf die eigenen Interessen gerichtet war: „Diese Wörter beschreiben die Handlungen und die Perspektive der Kolonisten“, so Ma.

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Auch aus den Texten, die den Aspekt Religion thematisieren, spricht der mangelnde Respekt der Kolonialherren. Mit dem Begriff Religion wurde demnach in der Regel nur der christliche Glaube bezeichnet. Im Bezug zu den religiösen Vorstellungen und Praktiken der indigenen Bevölkerungen wurden hingegen meist die Begriffe „Aberglaube“ oder „heidnische Vorstellungen“ eingesetzt. Typische Adjektive waren in diesem Zusammenhang auch „naiv“, „kindlich“ oder gar „lächerlich“.

Viel Negatives – aber auch Lichtblicke

Rassismus wird den Textanalysen zufolge etwa beim Thema deutsche Frauen in den Kolonien deutlich. Die Kolonien zu regieren, war zwar fast ausschließlich der Job von Männern, doch für sie waren auch Frauen nötig. Offenbar sollten sie häufig mit nationalpatriotischen Argumenten dazu bewegt werden, in die Kolonien zu ziehen. Einige Aussagen waren offenbar deutlich rassistisch. Ein Beispiel: „Die Anwesenheit der Frau ist geboten in Rücksicht auf die Reinerhaltung der Rasse.“

Auch die Äußerungen von Sprachwissenschaftlern der damaligen Zeit nahmen die Teilnehmer des Forschungsprojekts unter die Lupe. Deren Sicht war offenbar häufig ebenfalls von Überlegenheits-Vorurteilen und Herrschaftsdenken geprägt: In den analysierten Texten ist von einem „sehr unvollkommenen“ Wortschatz der indigenen Bevölkerung die Rede. Zudem gleiche die Grammatik einer „Kindersprache“ und gewisse Wortbildungen wirkten „erheiternd“. „Unterschwellig ist aus den Texten herauszulesen, dass Deutsch als vollkommene Sprache betrachtet wurde, die Sprache der Indigenen wird im Vergleich als unvollkommen bewertet“, sagt Teammitglied Alicia Hückmann.

Doch wie Projektleiter Schulz abschließend betont, gab es neben den Negativbeispielen auch ein paar sprachliche Lichtblicke, die für einen etwas respektvolleren Blickwinkel einiger der damaligen Menschen sprechen: „Es trieft nicht alles vor einem spezifisch kolonialistischen Wortschatz“, sagt der Sprachwissenschaftler. Teilweise wurde etwa auch die Sprache der indigenen Völker mit positiven Wörtern beschrieben: Sie sei „sehr melodisch und klangvoll“ oder die Verbalformen seien „unglaublich mannigfaltig“, berichten Schulz und sein Team.

Quelle: Universität Würzburg

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