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Geschichte|Archäologie

Kopflose Tote in jungsteinzeitlichem Massengrab

Massengrab
Jungsteinzeitliches Massengrab in Vráble. © Prof. Dr. Martin Furholt, Ur- und Frühgeschichte/Uni Kiel

Schon unter unseren Vorfahren kam es zu Massakern und gewaltsamen Konflikten, das ist nicht neu. Doch in der Slowakei haben Archäologen nun ein jungsteinzeitliches Massengrab entdeckt, das ihnen Rätsel aufgibt. Denn den 38 vor rund 7000 Jahren ungeordnet in einen Siedlungsgraben geworfenen Skeletten fehlt der Kopf. Dies ist für die Jungsteinzeit bisher einzigartig, wie das Team erklärt. Warum die Toten enthauptet wurden, bleibt vorerst rätselhaft.

Die Fundstelle Vráble-Ve`lke Lehemby in der Slowakei war in der frühen Jungsteinzeit einer der größten Siedlungsplätze in Mitteleuropa. In der Zeit von 5250 bis 4950 vor Christus lebten hier Menschen der Linearbandkeramischen Kultur in drei größeren Siedlungen mit insgesamt mindestens 313 Häusern. Bis zu 80 Häuser waren gleichzeitig bewohnt – für die damalige Zeit war dies eine außergewöhnlich hohe Einwohnerdichte. Die südwestliche der drei Siedlungen war zudem von einem doppelt angelegten Graben umgeben und grenzte sich so von den anderen ab. Einige Bereiche dieses Grabens waren zudem mit Palisaden verstärkt, wie Archäologen der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und des Archäologischen Instituts der Slowakischen Akademie der Wissenschaften herausgefunden haben.

Siedlungen
Die Fundstelle Vráble-Ve`lke Lehemby umfasste in der Jungsteinzeit drei nah beieinander liegende Dörfer. © Karin Winter, Ur- und Frühgeschichte/Uni Kiel

Kopflose Skelette im Siedlungsgraben

Bereits in den Grabungskampagnen der vergangenen Jahre stellte sich ein weiteres Alleinstellungsmerkmal von Vráble-Ve`lke Lehemby heraus: In dem jungsteinzeitlichen Siedlungsgebiet gab es nicht nur reguläre Gräber mit Beigaben im Randbereich der Siedlung und neben den Häusern, die Archäologen entdeckten auch einige Skelette und Teilskelette im Siedlungsgraben. Als die Forscherteams im Sommer 2022 ihre Ausgrabungen in diesem Gebiet fortsetzten, machten sie eine noch ungewöhnlichere Entdeckung: “Wir haben mit weiteren menschlichen Skeletten gerechnet, doch dies übertraf alle unsere Vorstellungen”, berichtet Projektleiter Martin Furholt von der Universität Kiel.

Die Archäologen stießen im Graben der südwestlichen Siedlung auf 38 Tote, deren Gebeine auf einer Fläche von rund 15 Quadratmetern verteilt waren. Die Skelette lagen ungeordnet übereinander, nebeneinander, gestreckt auf dem Bauch, gehockt auf der Seite, auf dem Rücken mit abgespreizten Gliedmaßen. Offenbar wurden diese Toten nicht sorgfältig bestattet, sondern einfach in den Graben geworfen oder gerollt. Das Merkwürdigste jedoch: Bis auf ein Kleinkind waren alle Toten kopflos – ihre Schädel waren nirgendwo in diesem Massengrab zu finden. Für die Jungsteinzeit sind solche schädellosen Toten etwas völlig Neues. “Dieser Fund ist für das europäische Neolithikum bisher absolut einzigartig”, sagt Furholts Kollegin Maria Wunderlich.

Menschenopfer, Krieg oder Kopfgeldjäger?

Was hinter diesem Massengrab steckt und in welchem Zusammenhang diese Menschen starben, ist bislang offen. „Bei einigen Skeletten ist der erste Halswirbel erhalten, was eher auf eine sorgfältige Abtrennung des Kopfes als auf Köpfung im gewalttätigen, rücksichtslosen Sinne hinweist – aber all dies sind sehr vorläufige Beobachtungen, die es anhand weiterer Untersuchungen noch zu bestätigen gilt“, berichtet Furholt. Auch ob alle Opfer zur gleichen Zeit starben oder nacheinander, ist unklar. „Mehrere Einzelknochen ohne Skelettverbund lassen vermuten, dass der zeitliche Ablauf komplexer gewesen sein könnte”, erläutert die Anthropologin Katharina Fuchs von der Universität Kiel.

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Welche Beweggründe die Menschen damals für die Entfernung der Schädel hatten, ist offen: „Es mag naheliegen, ein Massaker mit Menschenopfern, vielleicht sogar in Verbindung mit magischen oder religiösen Vorstellungen, zu vermuten. Auch kriegerische Auseinandersetzung können eine Rolle spielen, zum Beispiel Konflikte zwischen den Dorfgemeinschaften oder auch innerhalb dieser großen Ansiedlung”, sagt Wunderlich. “Sind diese Personen Kopfjägern zum Opfer gefallen oder übten ihre Mitmenschen einen besonderen Totenkult aus, der nichts mit zwischenmenschlicher Gewalt zu tun hatte? Es gibt viele Möglichkeiten.”

Das Forschungsteam hofft, mithilfe detaillierter archäologischer und osteologischer Untersuchungen, Analysen der DNA, Radiokarbondatierungen und Isotopenanalysen mehr Antworten zu finden. „Die Schädel selbst zu finden wäre natürlich großartig, hier haben wir jedoch wenig Hoffnung”, sagt Furholt. “Dennoch hat Vráble uns so oft überrascht, wer weiß, was die Fundstelle noch für uns parat hält“.

Quelle: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel; Fachartikel: Scales of Transformation in Prehistoric and Archaic Societies 09, Sidestone Press

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