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Kulturbrüche bei den Pueblo-Indianern

Krisenanfällig durch soziale Spannungen

Die Pueblo-Indianer sind für ihre eindrucksvollen Siedlungsstrukturen berühmt. (Bild: Mesa Verde National Park, MEVE 11084)

Dürren gelten bisher als Auslöser für die verschiedenen Brüche in der Kulturgeschichte der Pueblo-Indianer. Doch erst, wenn die klimatischen Herausforderungen auf wachsende Spannungen in der Gesellschaft stießen, kam es zu den gesellschaftlichen Umwälzungen, geht aus einer Studie hervor. Die Pueblo-Kulturen überstanden demnach oft Klimakapriolen, in instabilen Zeiten führten hingegen schon bescheidene Dürren zum Ende einer Ära. Darin sehen die Forscher eine Art Warnung im Rahmen der gesellschaftlichen Herausforderungen des heutigen Klimawandels.

Warum gingen Kulturen in der Menschheitsgeschichte unter oder veränderten sich plötzlich sehr stark? Oft schienen die Transformationen mit Klimaextremen verbunden gewesen zu sein – doch diese Herausforderungen waren wohl selten die einzige Ursache, sagen Historiker: Oft liegt nahe, dass auch bestimmte kulturelle Entwicklungen die Widerstandskraft der Gesellschaften gegenüber einem Kollaps geschwächt hatten. Wie die Wissenschaftler um Tim Kohler von der Washington State University in Pullman erklären, eignet sich die Kulturgeschichte der Pueblo-Indianer besonders, um diesem Zusammenhang systematisch nachzugehen. Denn in ihrer langen gesellschaftlichen Entwicklung zeichnen sich mehrere charakteristische Brüche ab.

Lange Geschichte mit Brüchen

Die präkolumbischen Pueblo-Indianer bewohnten von etwa 500 bis 1300 unserer Zeitrechnung das Gebiet, in dem heute die US-Bundesstaaten Colorado, Utah, Arizona und New Mexico aneinander grenzen. Die bäuerlichen Kulturen sind vor allem für ihre beeindruckenden Siedlungsbauten bekannt, die sich an die Felswände schmiegten. Archäologische Untersuchungen haben bereits gezeigt: Die Gemeinschaften blieben oft viele Jahrzehnte lang stabil, doch es zeichnen sich auch mehrere kulturelle Einschnitte ab, die unter anderem von deutlichen Veränderungen bei den Siedlungsorten, der Architektur und der Keramikherstellung gekennzeichnet waren. In den späten 1200er Jahren kam es dann zum letzten Bruch, in dessen Folge die Pueblo-Indianer das Gebiet ganz verließen. Frühere Untersuchungen haben bereits nahegelegt, dass Dürren mit den verschiedenen Kulturbrüchen zusammengefallen waren – sie galten deshalb als deren Hauptursache.

In der aktuellen Studie konnten Kohler und seine Kollegen nun allerdings verdeutlichen, dass die Gesellschaftssysteme der Pueblo-Indianer an ihren Kippunkten charakteristische Anzeichen von Instabilität aufwiesen. Sie verbanden bei ihren Analysen archäologische und klimageschichtliche Informationen mit Ergebnissen von Baumring-Analysen von Holzbalken, die von den Pueblo-Indianern beim Bau ihrer Gebäude verwendet wurden. Sie dokumentieren die Baumfällaktivitäten und damit die Produktivität der Gemeinschaften über die Jahrhunderte hinweg, erklären die Forscher. „Diese Produktivität ist wiederum wie eine Art soziales Thermometer“, sagt Kohler. „Denn Baumfällungen und Bauarbeiten waren wichtige Bestandteile dieser Gesellschaften. In jeder Abweichung vom normalen Ausmaß spiegelt sich demnach wider, dass etwas im Gange war.“

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Spuren der Instabilität

Wie sie erklären, zeichnete sich in den Analysen der Produktivität ein Muster ab, das als typisch für eine wachsende Instabilität einer Gesellschaft ist: Nach Störungen – wie etwa klimatischen Schwankungen – stellte sich der Ausgangszustand zunehmend mit Verzögerung ein. „Eine Verlangsamung der Erholung von kleinen Störungen signalisiert den Verlust von Widerstandsfähigkeit“, sagt Erstautor Marten Scheffer von der Universität Wageningen. „Dieses Warnsignal zeichnet sich in vielen Systemen ab“, so der Experte auf dem Gebiet der Komplexitätsforschung. Konkret fanden die Forscher heraus, dass sich eine geschwächte Erholungsfähigkeit – und somit Instabilität – im Vorfeld von drei größeren Kulturbrüchen in der Pueblo-Gesellschaften zeigte. Die schwindende gesellschaftliche Stabilität geht auch mit archäologischen Hinweisen auf eine zunehmende Gewalt und in einigen Fällen für ein verstärktes Wohlstandsgefälle einher, berichten die Forscher.

Wie sie betonen, bildete aber das Ende der präkolumbianischen Pueblo-Kultur eine Ausnahme von diesem Muster: In den späten 1200er Jahren veranlasste demnach wohl eine Kombination aus Dürre und externen Konflikten alle Pueblo-Völker dazu, ohne eine vorangegangene Phase der Instabilität die Region dauerhaft zu verlassen. Für die früheren Brüche mit den anschließenden Neustarts galt allerdings: Ungünstige gesellschaftliche Entwicklungen hatten die Widerstandskraft der Gemeinschaften gegenüber Störungen entscheidend geschwächt. So zerbrachen sie an klimatischen Herausforderungen, die sie in andere Zeiten meistern konnten, resümieren die Forscher.

Blick auf die Gegenwart

„Gesellschaften, die zusammenhalten, können offenbar oft Wege finden, klimatische Herausforderungen zu überwinden“, sagt Kohler. „Aber Gesellschaften, die durch interne soziale Dynamiken jeglicher Art zerrissen sind – das können Wohlstandsunterschiede, Diskriminierungen oder andere Spaltungen sein – sind aufgrund dieser Faktoren fragil. Dann können klimatische Herausforderungen leicht sehr ernst werden“, sagt der Wissenschaftler und richtet damit den Blick auf die Gegenwart: „Wenn wir uns den Herausforderungen des Klimawandels nicht als eine zusammenhängende Gesellschaft stellen können, sieht es düster aus“, so Kohler.

Quelle: Washington State University, Fachartikel: PNAS, doi: 10.1073/pnas.2024397118

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