Kultur: Die Masse macht's - wissenschaft.de
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Kultur: Die Masse macht’s

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Die zu lernenden Aufgaben, links die einfache und rechts die komplexere (ISEM/CNRS)
Ob Werkzeuge, Kunst oder komplexe Bauwerke – die kulturellen Errungenschaften unserer Vorfahren sind es, die uns zum Menschen machten. Was aber war die treibende Kraft hinter diesen Innovationen? War es die zunehmende Intelligenz der Frühmenschen? Oder steckten auch andere Faktoren wie beispielsweise das Leben in immer größeren Gruppen dahinter? Ein Experiment französischer Forscher deutet jetzt auf letzteres hin. Denn sie weisen nach, dass gelernte Fähigkeiten umso besser erhalten bleiben und weiter entwickelt werden, je größer die Gruppe der Lernenden ist.

Die erste Pfeilspitze oder das erste Lehmhaus entstanden wahrscheinlich nicht aus dem Nichts. Stattdessen waren diese technischen Errungenschaften unserer Vorfahren das Resultat eines allmählichen Prozesses: Im Laufe der Zeit verbesserten sie frühere Technologien wie beispielsweise den Faustkeil oder sie kombinierten zwei bereits vorhandene kulturelle Errungenschaften miteinander, um daraus Neues zu entwickeln. „Erst die Akkumulation von sozial gelernter Information über viele Generationen hat es den Menschen ermöglicht, machtvolle Technologien zu entwickeln, die kein Einzelner alleine hätte erfinden können“, erklären Maxime Derex von der Universität von Montpellier und seine Kollegen. Diese sogenannte kumulative Kultur setzt aber zwei Dinge voraus: Die Fertigkeiten und Informationen müssen so genau und vollständig wie möglich an die Lernenden weitergegeben werden. Und diese müssen dann daraus Neues entwickeln können.

Populationsgröße als treibende Kraft?

Schon länger gibt es die Theorie, dass Fortschritte in der Menschheitsgeschichte immer dann auftraten, wenn besonders viele Menschen zusammen an einem Ort lebten. Denn in einer größeren Gruppe steigt die Wahrscheinlichkeit, dass zumindest einige Individuen gute Lerner sind und so eine Fertigkeit weitertragen können. Außerdem gibt es dann meist mehrere Meister ihres Fachs, die diese Fähigkeiten ihren Schülern oder Lehrlinge vermitteln – auch das erhöht die Chance für eine erfolgreiche Weitergabe. Bisher aber war es schwer festzustellen, ob die zunehmende Populationsgröße tatsächlich die treibende Kraft für kulturelle Fortschritte der Menschheit gewesen ist. Denn ähnlich wie beim Problem von Henne und Ei lässt sich meist nicht sagen, was zuerst kam, die Innovation oder die Bildung immer größerer Gruppen.

Um diesen Zusammenhängen auf den Grund zu gehen, behalfen sich Derex und seine Kollegen mit einem Computer-Experiment. Darin teilten sie ihre 366 Probanden in Gruppen von zwei bis 16 Spielern auf. Jede Gruppe erhielt zwei am Computer zu lösende Aufgaben. Die einfache bestand darin, eine Speerspitze zu zeichnen, die komplexe, ein Fischernetz auf möglichst effektive Weise zu konstruieren. Beide Aufgaben wurden zu Beginn in einem Video einmal vorgeführt, die Probanden erhielten dazu den Hinweis, dass die gezeigte Methode sich noch weiter optimieren lässt. Die Forscher beobachteten nun, wie sich die Fähigkeiten der Probanden im Laufe mehrerer Durchgänge entwickelten und welchen Einfluss dabei die Gruppengröße spielte.

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Größere Gruppe – mehr Innnovationen

Das Ergebnis: Die einfache Aufgabe bewältigten nahezu alle Gruppen. Allerdings: Je größer die Gruppen waren, desto wahrscheinlicher war es, dass die Teilnehmer die Methode, mit der die Speerspitze gezeichnet wurde, auch verbesserten. Bei der komplexeren Aufgabe zeigten sich in den kleinen Gruppen sogar erste Informationsverluste: Nach 15 Durchgängen sank die Zahl derjenigen, die das Netz korrekt konstruieren konnten. In den Gruppen mit 8 und 16 Teilnehmern war dies nicht der Fall. Zudem schafften es deren Mitglieder auch, die Netzkonstruktion noch zu optimieren.

„Das deutet darauf hin, dass die kulturelle Evolution in größeren Gruppen tatsächlich gefördert wird“, konstatieren die Forscher. Wirklich überraschend ist das ihrer Ansicht nach aber nicht. Denn in einer größeren Gruppe gebe es gleich mehrere Vorteile: Zum einen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass gute Lerner dabei sind. Je mehr Menschen sich einer Aufgabe widmen, desto wahrscheinlicher wird es daher, dass zumindest einige sie erfolgreich lösen können. Zum anderen aber hilft der Austausch dabei, eine gemeinsame Lösung zu finden. Eine größere Gruppe profitiert stärker von dieser Schwarmintelligenz, so Derex und seine Kollegen. Ihrer Ansicht nach haben wir unsere kulturellen Fortschritte daher letztlich auch diesem Gruppeneffekt zu verdanken.

Aber es gibt auch den umgekehrten Effekt: Ist die Gruppe zu klein, steigt die Gefahr, dass kulturelle Fertigkeiten nicht mehr korrekt gelernt werden und so im Laufe der Zeit verloren gehen. Ein Beispiel für einen solchen Fall sehen Forscher in den Aborigines auf Tasmanien: Ihre Kultur entwickelte sich im Laufe der Jahrtausende zurück – möglicherweise, weil die Population auf der vom Festland isolierten Insel zu klein war, um eine langfristige kulturelle Überlieferung sicherzustellen.

Quelle:

© wissenschaft.de – Nadja Podbregar
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