Kurioses Wahrnehmungsphänomen - wissenschaft.de
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Kurioses Wahrnehmungsphänomen

Ein und dasselbe Gesicht kann männlich oder weiblich erscheinen – je nachdem, aus welchem Blickwinkel es betrachtet wird. Das haben amerikanische Wissenschaftler entdeckt, als sie mehreren Freiwilligen computergenerierte Gesichter zeigten, die weder eindeutig männlich noch weiblich waren. Je nachdem, an welcher Stelle das Bild auf dem Computerbildschirm eingeblendet wurde, beurteilte der gleiche Betrachter es entweder als männlich oder als weiblich. Die Forscher erklären, dass der Betrachtungswinkel bestimmt, welche und wie viele Nervenzellen im Sehzentrum des Gehirns aktiviert werden. Je kleiner das Bild ist, desto weniger Zellen kommen zum Einsatz und desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass das Bild nicht objektiv beurteilt wird. Das sei vergleichbar mit einer Umfrage, bei der nur fünf Menschen befragt werden, berichten die Wissenschaftler um Arash Afraz von der Harvard University in Cambridge – auch dabei könne es passieren, dass nicht ein Meinungsquerschnitt erfasst wird, sondern alle fünf zufällig der gleichen Ansicht sind.

Lange Zeit galt unter Neurowissenschaftlern ein Dogma: Wie ein Objekt im Gehirn wahrgenommen wird, ist unabhängig davon, aus welchem Blickwinkel es betrachtet wird. Diese Annahme stellte das Forscherteam um Afraz nun auf den Prüfstand: Die Wissenschaftler zeigten insgesamt elf Studienteilnehmern auf einem Bildschirm eine Reihe von computergenerierten Gesichtern, die etwa zwei Zentimeter groß waren und weder Haare noch Schmuck hatten. Die Aufgabe bestand darin, zu bestimmen, ob das jeweilige Gesicht einem Mann oder einer Frau gehörte. Während einige eindeutige männliche Züge hatten, gehörten andere offensichtlich zu Frauen. Unter den Bildern gab es aber auch androgyne Gesichter, bei denen das Geschlecht nicht auf Anhieb erkennbar war.

Die Probanden sollten nun ihren Blick auf die Mitte des Bildschirms richten. Währenddessen blendeten die Forscher für 50 Millisekunden – einen Bruchteil einer Sekunde – eines der androgynen Gesichter ein, und zwar jedes Mal an einer anderen Position des Bildschirms. Das Ergebnis: Je nachdem, wo das Gesicht erschien, hatten die Teilnehmer es entweder als männlich oder aber als weiblich wahrgenommen. Welchem Geschlecht es zugeordnet wurde, war dabei individuell unterschiedlich: Erschien das Gesicht rechts oben, war es für den einen eher männlich, für den anderen eher weiblich. Selbst als die Forscher das Experiment nach etwa vier Wochen wiederholten, kamen sie auf das gleiche Ergebnis: Wer beim ersten Mal rechts oben am Bildschirm ein weibliches Gesicht gesehen hatte, erkannte dort auch beim Wiederholungsversuch eine Frau.

Die Forscher erklären das verblüffende Ergebnis damit, dass die Nervenzellen im Sehzentrum jeweils nur bestimmte Teile eines gesehenen Objekts analysieren. Für die Bestimmung des Geschlechts ist dabei nur eine kleine Gruppe von Neuronen zuständig. Ist das zu analysierende Bild dann sehr klein, aktiviert es möglicherweise nicht die ganze Gruppe, sondern zufällig nur solche Zellen, die auf weibliche Züge spezialisiert sind. Die Folge: Das Gesicht erscheint weiblicher. Taucht das Bild hingegen in einer anderen Ecke des Gesichtsfeldes auf, aktiviert es andere Nervenzellen – diesmal vielleicht hauptsächlich solche, die auf männliche Attribute geeicht sind. Afraz vergleicht das Prinzip mit einer Umfrage: Je mehr Menschen zu einem bestimmten Thema befragt werden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, ein repräsentatives Ergebnis zu erhalten. Wenige Meinungen dagegen können das Gesamtbild verzerren – schließlich bestehe bei einer kleinen Gruppe immer die Möglichkeit, Menschen erwischt zu haben, die zufällig alle einer Ansicht sind.

Arash Afraz (Harvard University in Cambridge) et al.: Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2010.11.017 dapd/wissenschaft.de ? Peggy Freede
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