Lesen ist Glück - wissenschaft.de
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Lesen ist Glück

Bücher sind gedruckte Arzneimittel. Lesen macht glücklich, weil es Mühe bereitet, lautet eine These von Verhaltensforschern. Das Ergebnis der Anstrengung ist meditative Konzentration, ein verändertes Zeitgefühl und die Überwindung beengender Ich-Grenzen – der „Flow“.

Gerade weil es schwer ist, sich aus wenigen abstrakten Symbolen ganze Welten zusammenzusetzen, macht Lesen Spaß, glauben die Experten. „Nur auf Umwegen erreicht man das Glück“, predigte schon Anfang der neunziger Jahre der prominente Glücksforscher Mihaly Csikszentmihalyi, Psychologe an der Universität Chicago. Er suchte nach gemeinsamen Verhaltensmustern zufriedener Menschen und entwickelte die Flow-Theorie: Wenn Menschen konzentriert auf ein Ziel hinarbeiten, ständig Rückmeldungen über ihr Fortkommen erhalten und sich selbst vergessen, empfinden sie irgendwann den sogenannten Flow, ein glücksbringendes Gefühl.

Elisabeth Noelle-Neumann, Leiterin des Allensbacher Instituts für Demoskopie, sieht im Flow den Schlüssel für das Leseglück: „Das Lesen von Büchern ist anstrengender als andere Formen der Unterhaltung, insbesondere das Fernsehen“, referierte sie bei der Tagung. „Aber mit der Anstrengung entwickeln sich die Kräfte, und darauf scheint es nun für ein in der Grundstimmung glückliches Leben vor allem anzukommen.“ Seit Jahrzehnten will die Meinungsforscherin herausfinden, was Menschen glücklich macht. Eine ihrer Umfragen legte 1995 die Vermutung nahe, das Lesen dazugehört. „Regelmäßige Bücherleser erleben häufiger Flow“, faßte sie ihr Resultat zusammen. Das so erzeugte Gefühl sei zudem von anderen Faktoren wie Bildung und Einkommen weitgehend unabhängig.

Aber natürlich lassen sich die Allensbacher Daten auch andersherum interpretieren: Vielleicht haben gerade Menschen, die häufig Flow empfinden, öfter die Ruhe, ein Buch zur Hand zu nehmen. Trotz solcher Kritik passen Noelle-Neumanns Thesen und Csikszentmihalyis Theorie gut zusammen. Buchmarktforscher Ludwig Muth zeigte die Parallelen zwischen Flow-Theorie und Leseerfahrung – und definierte gleichzeitig die Grundvoraussetzungen für Leseglück: So wie Flow eine schwierige Aufgabe voraussetze, „der man gewachsen ist – und an der man wächst“, erfordere Lesen eine „dynamische Balance zwischen Lese-Anstrengung und Lese-Fähigkeit“.

Aber Vorsicht, warnt die Literaturwissenschaftlerin Assmann, Lesen als selbstvergessene Erfahrung könne auch zu „Aussteigen und Eskapismus“ führen, weshalb „Leseglück leicht umschlagen kann in Lebensunglück“. Assmann definiert ein zweites, ganz praktisches Leseglück: Nur dank Bücher könnten viele Menschen die Welt kennenlernen, Erfahrungen machen, die ihnen sonst verwehrt blieben. Somit sei Leseglück oft geradezu „ein Einsteigen in soziokulturelle Zusammenhänge“.

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Doch Einsteigen hin, Aussteigen her: Wenn das Lesen wirklich eine so schöne Erfahrung ist, warum tun es so wenige, und – wenn man den Umfragen glauben will – immer weniger? Auch darauf wissen die Experten eine Antwort: Konzentriertes Schmökern erfordert ständiges Training. Nur wer im Flow-Kanal schwimmt, also eine fordernde, aber nicht überfordernde Lektüre liest, macht die glücksbringende Erfahrung.

Als Kinder stiegen früher viele völlig unbefangen mit „Hanni und Nanni“, den „Fünf Freunden“ oder den „Drei Fragezeichen“ in den Kanal ein. Der schwemmte sie früher oder später zu Grass und Eco. Die neue Erwachsenengeneration aber hat den Kanal irgendwo auf dem Weg zur Erwachsenenlektüre verlassen, macht jetzt lieber den Fernseher an und schaut „Kommissar Rex“, „Boulevard Bio“ oder „Wetten, daß…“.

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Cä|si|um  〈n.; –s; unz.; chem. Zeichen: Cs; fachsprachl.〉 chem. Element, silberweißes, sehr weiches Alkalimetall; oV Zäsium ... mehr

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