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Geschichte|Archäologie

Literaten im Schützengraben

Feldpostpäckchen mit den letzten Dingen von Gustav Sack (26.12.1916). ( Foto: DLA Marbach)

Anlässlich des 100. Jahrestags des Ausbruch des Ersten Weltkriegs präsentiert das Literaturmuseum der Moderne in Marbach in trilateraler Zusammenarbeit mit dem Bodleian Libraries der Universität Oxford und der Bibliothèque nationale et universitaire de Strasbourg eine Ausstellung zum Thema Krieg und Literatur. Nachlässe von Autoren wie Franz Kafka, Hermann Hesse und Kurt Tucholsky werden bis zum 30. März 2014 in Marbach gezeigt. »Vorlesung am Vorabend abgesagt. Morgens Einkäufe: Revolver. Nachmittags gegen 3 Uhr verkünden Extrablätter den drohenden Kriegszustand«, so beginnt der Elsässer Dichter Ernst Stadler am 31. Juli 1914 sein Kriegstagebuch. Er hat sein Studium in Oxford absolviert und hält im Sommersemester 1914 eine Vorlesung über moderne Lyrik in Straßburg. Am 1. August 1914 tritt Deutschland in den Krieg ein, am 3. Frankreich, am 4. Großbritannien – am Monatsende werden es 15 Nationen von Europa bis Japan sein. Stadler hatte seinen Gedichtband »Der Aufbruch« genannt, drei Monate nach Kriegsausbruch wird er am 30. Oktober in der Nähe des belgischen Ypern durch eine Granate sterben. Der gleichaltrige Franz Kafka beginnt am 11. August 1914 mit der Ausarbeitung eines neuen Romans: Der Prozess. Er wäre im Sommer 1915 beinahe einberufen worden, hätte sein Arbeitgeber es nicht verhindert – er hatte sich schon Soldatenstiefel gekauft.

Der Erste Weltkrieg ist auch der Große Krieg der Medien, in dem das geschriebene und gedruckte Wort, das massenhaft verbreitete Bild, aber auch die Versuche, die Medien zu kontrollieren und sie zu steuern, zu einer historisch unerhörten Bedeutung gelangten. Das trilaterale Ausstellungsunternehmen »Krieg in den Archiven« widmet sich dem Krieg der Geister, den der individuelle Autor mit seinen Mitteln ebenso führte wie die Propagandabteilungen der kämpfenden Heere.

Von der »totalen Mobilmachung der Zeit«, die sich unendlich ausdehnt und gleichzeitig rasend schnell vergehen kann, erzählt die Ausstellung “August 1914. Literatur und Krieg”. Die Ausstellung zeigt mit über 200 Exponaten die Tagebücher und tagebuchähnlichen Briefwechsel der Soldaten wie Harry Graf Kessler, Ernst Jünger und Gustav Sack wie die der Zivilisten: Marie Luise Kaschnitz, Thea Sternheim, Hermann Hesse und Arthur Schnitzler sowie aus den Bodleian Libraries die Tagebücher Franz Kafkas. Tag für Tag wird der August 1914 aus dem Archiv geholt, von ihm aus wird stichprobenartig der Blick auf die Jahre bis zum Kriegsende am 11. November 1918 geöffnet.

Während im Krieg für das Briefeschreiben der Soldaten mit der Feldpost eine offene, leicht zensierbare Form geschaffen worden ist, ist das private Tagebuch im Feld das inoffizielle Gegenstück zu den Kriegstagebüchern, die seit einem preußischen Erlass von 1850 zu führen sind. Tagebuch und Brief sind chronistische Gattungen, sie versprechen die lange Dauer und bewahren dennoch den kurzen, manchmal sogar letzten Augenblick: Erfahrungsräume der Zeit, Dokumente der Geschichte.

»Das ganze Leben wird einem zerbrochen. Und solche Dinge liest man gewissermaßen zufällig, wenn man jetzt auf die Straße geht. Der Kopf ist mir so wirr und weh von diesem Weltenwirrwarr«, schreibt Werner Picht am 6. August nach dem Kriegseintritt von England und auf die Frage nach der Absicht hinter seinen Tagebüchern im Ersten Weltkrieg antwortet Ernst Jünger: »Jedenfalls nicht mit der Absicht auf Publikation. Fast jeder Soldat führte damals ein Tagebuch. Bei mir kam vielleicht ein Trieb zum Dokumentarischen hinzu, aber nur in bezug auf die Fixierung des eigenen Erlebnisses. Ich konnte ja auch fallen – das war sogar wahrscheinlicher. Da denkt man nicht an Literatur«.

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Ergänzt wird die Marbacher Ausstellung “August 1914. Literatur und Krieg” durch die Ausstellung des vollständigen Prozess-Manuskripts von Franz Kafka (Eröffnung: 7. November), deutschsprachige Schützengrabenzeitungen aus der Bibliothèque nationale et universitaire de Strasbourg und die Ergebnisse eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts, in dem die Bibliothek des DLA eine Truppenbücherei rekonstruiert hat, deren frühestes Objekt aus französischem Besitz stammt – erbeutet von einem deutschen Offizier am 27. August 1914 bei der Einnahme des Forts Manonviller.

Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach
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