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Geschichte|Archäologie

Litt Ernest Shackleton unter einem Herzfehler?

Ernest Shackleton während seiner zweiten Antarktis-Expedition. (historische Aufnahme/ AWI Archiv)

Der berühmte Polarforscher Ernest Shackleton könnte unter einem angeborenen Herzfehler gelitten haben. Das schließen britische Mediziner aus der Auswertung zeitgenössischer Dokumente, darunter den Aufzeichnungen zweier Expeditionsärzte. Ein Loch in der Herzscheidewand könnte ihrer Ansicht nach erklären, warum der Forscher trotz seiner allgemein guten Konstitution immer wieder Schwächeanfälle erlitt. Shackleton selbst kannte sein Leiden vermutlich, vertuschte es aber.

Ernest Shackleton ist einer der großen Pioniere der Polarforschung. Bereits im Jahr 1903 kam er während der „Discovery“-Expedition zusammen mit Robert Scott und Edward Wilson dem Südpol näher als jemals zuvor ein Mensch. Schon damals allerdings zeichneten sich gesundheitliche Problem ab: Nach Angaben des Expeditionsleiters Scott musste Shackleton auf dem Rückweg streckenweise auf dem Schlitten transportiert werden, weil er vor Schwäche nicht mehr laufen konnte. Nach Rückkehr an die Küste der Antarktis schrieb Scott: „In seinem gegenwärtigen Gesundheitszustand sollte er kein weiteres Risiko der Mühsal eingehen.“

Berichte der Expeditionsärzte ausgewertet

Doch ob Scott damals den beliebten Shackleton nur loswerden wollte, oder ob der Polarforscher tatsächlich krank war, blieb bislang stark umstritten. Shackleton selbst stritt vehement ab, unter grundsätzlichen Gesundheitsdefiziten zu leiden. Immerhin leitete er noch drei weitere Antarktis-Expeditionen, darunter die Fahrt mit der „Endurance“, dem Schiff, das 1916 vor der Küste der Antarktis versank. Shackleton und seine Mannschaft konnten sich nur unter harten Entbehrungen retten – nach monatelangem Kampieren auf dem Eis, einer gefährlichen Fahrt im offenen Beiboot und schließlich einem beschwerlichen Marsch zu einer Walfangstation auf der Insel Südgeorgien.

Nun jedoch, knapp 100 Jahren nach dieser berühmten Antarktis-Expedition, sind zwei britische Mediziner der Krankheitsgeschichte des Polarforschers auf den Grund gegangen. Für ihre Studie werteten Ian Calder und Jan Till zeitgenössische Dokumente aus, darunter vor allem das Tagebuch des Arzte Eric Marshall. Dieser war medizinischer Offizier bei Shackletons zweiter Expedition und notierte in seinem Tagebuch gewissenhaft mehrere Vorfälle, bei denen es Shackleton nicht gut ging.

Schwächeanfälle und murmelnde Herzgeräusche

So schrieb der Arzt am 20. Januar 1908: „S. ging es sehr schlecht nach dem Ziehen an einem Tau. Da scheint etwas nicht zu stimmen.“ Wenigen Wochen später notierte er während der beschwerlichen Schlittenwanderung in Richtung Südpol: „Shackleton ist nach dem Dinner heute Abend kollabiert.“ Am nächsten Tag sei es dem Forscher noch immer sehr schlecht gegangen. „Der Mittags-Puls war dünn und unregelmäßig“, berichtet Marshall. Bei zwei verschiedenen Untersuchungen notierte der Arzt zudem, dass bei Shackleton ungewöhnliche Herzgeräusche gehört habe.

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Wie Calder und Till berichten, war Marshall aber nicht der einzige, der Symptome einer chronischen Erkrankung bei Shackleton bemerkt hatte. Auch James McIlroy, der medizinische Offizier auf der dritten und vierten Expedition des Polarforschers berichtete von mehrfachen Problemen. So erlitt Shackleton 1919 während der Expedition auf Spitzbergen offenbar einen Schwächeanfall und wurde extrem bleich, wollte aber nicht, dass sein Arzt die Herzgeräusche abhörte. Ähnliches wiederholte sich drei Jahre später.

Loch in der Herzscheidewand

Nach Ansicht der Mediziner sprechen diese Berichte dafür, dass der berühmte Polarforscher sehr wohl unter einer chronischen Krankheit litt. „Shackletons Geschichte von akuten Attacken der Atemlosigkeit, von Schwächeanfällen und Blässe und die Befunde von Dr. Marshall über die Herzgeräusche und den unregelmäßigen Puls deuten auf episodische Herzrhythmusstörungen hin und einen diesen zugrundeliegenden Herzfehler“, sagen Calder und Till.

Besonders das von Marshall beobachtete „Murmeln“ während der Systole, dem Zusammenziehen des Herzens, spreche für ein Loch in der Herzscheidewand. Während der Embryonalentwicklung ist dieses Loch bei allen Kindern vorhanden, es schließt sich aber normalerweise vor der Geburt. „Geschieht dies nicht, kann dies vor allem ab dem jungen Erwachsenenalter zu Episoden der Luftnot und Schwäche durch Herzrhythmusstörungen führen“, so die Mediziner.

Bewusst verschwiegen

Nach Ansicht der Forscher wusste Shackleton vermutlich sehr wohl, dass er unter einem Herzfehler litt. Denn er weigerte sich immer wieder, sich untersuchen zu lassen und wehrte sich besonders gegen das Abhören des Herzens. Höchstwahrscheinlich fürchtete der Polarforscher, man würde ihm die Teilnahme an den Expeditionen verweigern und wollte auch seine Finanziers nicht abschrecken.

„Einigen mögen finden, dass Sir Ernest unverantwortlich handelte, als er trotz dieses Problems die Leitung der Antarktis-Expeditionen übernahm“, sagt Calder. „Aber um Dr. Johnson zu paraphrasieren, gibt es selten einen Mangel an vorsichtigen Menschen, während die großen Taten von denen vollbracht werden, die bereit sind, ein Risiko einzugehen.“ Nach Meinung der beiden Forscher könnte der Herzfehler auch zum frühen Tod des Polarforschers beigetragen haben. Dieser starb mit 47 Jahren während seiner vierten Expedition an einem Herzinfarkt.

Quelle: Journal of the Royal Society of Medicine, doi: 10.1177/0141076815624423
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