Lodge Moor – Einblick in Großbritanniens größtes Kriegsgefangenenlager - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Lodge Moor – Einblick in Großbritanniens größtes Kriegsgefangenenlager

RElikte von Lodge Moor
Überreste einer der Baracken des Kriegsgefangenenlagers Lodge Moor bei Sheffield. (Bild: University of Sheffield)

Jahrzehnte lang lagen die Relikte von Großbritanniens größtem Kriegsgefangenenlager unter Wald und Moos in der Nähe der Stadt Sheffield verborgen – jetzt haben Archäologen damit begonnen, sie auszugraben. Die Funde, kombiniert mit Dokumenten und Zeitzeugenbefragungen, enthüllen, dass im Jahr 1944 bis zu 11.000 Deutsche, Italiener und Ukrainer im Lager von Lodge Moor interniert waren – teils unter schlimmen Bedingungen.

Das Lager von Lodge Moor war eines von rund 1500 Kriegsgefangenenlagern, die es in Großbritannien während des Zweiten Weltkriegs gab. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Orten dieser Art geriet Lodge Moor schnell in Vergessenheit und ist seit Ende des Krieges noch nie eingehender untersucht worden. Inzwischen sind von den Baracken des Lagers nur noch einige Fundamente und vereinzelte Mauerteile in einem Waldstück nahe der Stadt Sheffield zu sehen.

Sogar Karl Dönitz war dort interniert

Erst jetzt haben Archäologen der Universität von Sheffield begonnen, die Überreste des Kriegsgefangenenlagers auszugraben. Begleitend dazu werteten sie historische Lagerberichte und andere Dokumente sowie Zeitzeugenberichte aus. „Ich wusste nicht einmal, dass Lodge Moor überhaupt existierte“, berichtet Georgina Goodison von der University of Sheffield. „Der Wald versteckt es gut – er verbirgt das Geheimnis der tausenden von Männern, die hier vor wenigen Jahrzehnten noch untergebracht waren.“

Die Untersuchungen enthüllen unter anderem, dass das Lager von Lodge Moor bis auf den Ersten Weltkrieg zurückgeht. Damals bereits diente es der Unterbringung von Kriegsgefangenen – darunter einem so berühmten Häftling wie Karl Dönitz. Dieser war 1918 von der britischen Marine gefangengenommen worden, als sein U-Boot im Mittelmeer beschädigt wurde und die Besatzung das Boot verlassen musste. Dönitz war sechs Wochen lang in Lodge Moor interniert, bevor er eine Geisteskrankheit vortäuschte und in ein Krankenhaus in Manchester verlegt wurde.

Erst kamen die Italiener, dann Deutsche und Ukrainer

Während des Zweiten Weltkriegs waren anfangs zunächst vor allem italienische Kriegsgefangene in Lodge Moor interniert, wie die Forscher berichten. „Sie wurden von den nahegelegenen Farmen beschäftigt, um den Mangel an Arbeitskräften während des Krieges auszugleichen“, berichtet Charlie Winterburn vom Grabungsteam. Zunächst seien diese Gefangenen von der Bevölkerung durchaus freundlich behandelt worden – man habe sogar Tee und Essen mit ihnen geteilt. „Das endete jedoch, als der Krieg anhielt und immer mehr Soldaten gefangengenommen wurden“, so Winterburn. „Das Lager wurde einem Gefängnis ähnlicher und die Lebensqualität sank.“

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So enthüllen Dokumente, dass offiziell zwar nur 30 Häftlinge pro Baracke untergebracht waren. In Wirklichkeit jedoch waren es mehr als 70 Gefangene, wie ein ehemaliger Insasse des Lagers berichtete. Den Aufzeichnungen zufolge waren Ende 1944 mehr als 11.000 gefangene Soldaten im Lager von Lodge Moor interniert, die meisten stammten aus Italien, Deutschland und der Ukraine. „Weil das Lager so überfüllt war und auch als Übergangslager diente, wurden die Gefangenen in den Barracken oder in Zelten zusammengepfercht“, berichtet Rob Johnson von der University of Sheffield. „Die Gefangenen bekamen Essen aus Blechmülleimern und mussten mehrere Stunden am Tag in Schlamm, Regen und Kälte zum Appell stehen.“

Ausbruchsversuche und „unhaltbare Zustände“

Den Aufzeichnungen zufolge bemängelte damals auch das Internationale Rote Kreuz die Zustände in Lodge Moor. In einem Bericht von 1944 werden die Bedingungen als unzureichend und das Lager als nahezu unbewohnbar eingestuft, wie die Archäologen berichten. Auch die Tätigkeit des Lagerleiters wurde kritisiert. 1948 wurde er in einem der Berichte sogar als „egoistischer Amateur“ bezeichnet. Gegen Ende des Krieges kam es in Lodge Moor auch mehrfach zu Ausbruchsversuchen der Häftlinge. Am 20. Dezember gelang es einer Gruppe deutscher Kriegsgefangener zu entkommen. Sie wurden jedoch schon 24 Stunden später in der nahen Stadt Rotherham wieder aufgegriffen. Ein anderer Gefangener, Gerhardt Rettig, wurde von seinen Mithäftlingen zu Tode geprügelt, nachdem diese ihn verdächtigten, den Wächtern einen Ausbruchsplan verraten zu haben.

Die Forscher hoffen, dass ihre Ausgrabungen und die neuen Erkenntnisse zum Lager von Lodge Moor künftig dazu beitragen werden, die Reste des Lagers zu erhalten und zu restaurieren. Denn noch haben die Ausgrabungen erst begonnen. „Es ist aufregend darüber nachzudenken, was noch alles im Camp entdeckt werden könnte. Denn vor unserem Projekt hat es dort nie eine archäologische Untersuchung gegeben“, sagt Johnson.

Quelle: University of Sheffield

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