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Geschichte+Archäologie

Ludwig IX. litt an Skorbut

Ludwig IX.
König Ludwig IX. als Kreuzritter im Glasfenster einer Kirche. (Bild: anssecreta/ iStock)

Der französische König Ludwig IX. galt schon zu Lebzeiten als Heiliger und Friedensbringer – obwohl er die treibende Kraft bei zwei Kreuzzügen war. Jetzt haben Forscher eine mögliche Ursache für den Tod des Königs im Jahr 1270 identifiziert: Ludwig IX. litt an schwerem Skorbut, wie Analysen seines Kieferknochens belegen. Diese Mangelkrankheit könnte sein Immunsystem geschwächt und ihn so anfälliger für eine tödliche Infektion gemacht haben.

Ludwig IX. war einer der prägenden und bedeutendsten Herrscher des Mittelalters. Denn seine Regentschaft bescherte nicht nur Frankreich eine politisch stabile und wirtschaftlich erfolgreiche Zeit. Auch über sein Land hinaus galt der französische König als moralischer Kompass, Vermittler bei royalen Streitigkeiten und vorbildlicher Christ – als primus inter pares. Sein starker Glaube war es auch, der den König zweimal zu einem Kreuzzug aufbrechen ließ: Das erste Mal zogen Ludwig IX. und sein Heer gegen die Ägypter zu Felde, unterlagen jedoch.

Tod vor Tunis

Seinen zweiten Kreuzzug initiierte Ludwig IX. im Jahr 1267, doch dessen Ende sollte der König nicht mehr erleben. Das Heer der Kreuzfahrer nahm zunächst erfolgreich die Stadt Karthago in Nordafrika ein. Doch ihr Gegner, der Mamelukensultan Baibar I. flüchtete nach Tunis und verbarrikadierte sich dort. Noch während die Kreuzfahrer die Stadt belagerten, erkrankte Ludwig IX. schwer und starb schließlich am 25. August 1270. Welche Infektionskrankheit dem König damals den Tod brachte, ist strittig. Einige Forscher gehen von einer Bakterienruhr aus, andere von der Pest.

Jetzt jedoch haben Philippe Charlier vom Dante-Laboratorium der Universität Versailles und seine Kollegen einen Faktor entdeckt, der zum Tod des Königs zumindest beigetragen haben könnte. Für ihre Studie hatten die Forscher einen Unterkieferknochen untersucht, der seit dem Mittelalter in der Pariser Kathedrale Notre Dame als Reliquie aufbewahrt wird. Er gehört zu den wenigen Überresten des 1297 heiliggesprochenen Königs, die heute noch existieren. In einem ersten Schritt untersuchten die Wissenschaftler die Anatomie des Kieferknochens und prüften, ob es sich tatsächlich um einen Knochen von Ludwig IX. handeln kann.

Skorbut-Symptome am royalen Kieferknochen

Dafür verglichen die Wissenschaftler die Form des Knochens mit der Kinn- und Gesichtsform von zeitgenössischen Skulpturen und Darstellungen des Königs. Zudem verifizierten sie, dass dieser Knochen von einem beim Tod 56-jährigen Mann stammen könnte und datierten das Relikt mittels Radiokarbonmethode. Diese legte zwar zunächst ein 50 Jahre höheres Alter nahe. Charlier und sein Team führen diese Abweichung jedoch auf den zeitlebens sehr hohen Fischkonsum des Königs zurück – dies kann die Radiokarbonwerte entsprechend verfälschen. Letztlich kommen die Forscher zu dem Schluss: „Unsere Ergebnisse stützen die Identifizierung der Relikte.“ Es handelt sich demnach höchstwahrscheinlich tatsächlich um den Kieferknochen von Ludwig IX.

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Das Interessante jedoch sind Auffälligkeiten im Zustand und der Beschaffenheit des Knochens und der Zähne: „Wir fanden einen postmortalen Zahnverlust, der mit Anzeichen für eine infektiöse und entzündliche Erkrankung einhergeht“, berichten Charlier und sein Team. Aus der Art dieser krankhaften Veränderungen schließen sie, dass Ludwig IX. bei seinem Tod unter einem schweren Skorbut litt – einer Vitamin-C-Mangelkrankheit. Sie verursacht Zahnfleisch und Kieferentzündungen, aber auch Schwäche, Fieber und Durchfälle. „Unsere Hauptdiagnose ist Skorbut, potenziell assoziiert mit einer bakteriellen Infektion“, schreiben die Forscher.

Erst Skorbut, dann tödliche Infektion

Demnach starb der König zwar nicht an seinem Skorbut, die Krankheit schwächte aber sein Immunsystem und begünstigte die Infektion mit krankmachenden Bakterien. Diese Kombination könnte letztlich zum Tod von Ludwig IX. geführt haben, sagen Charlier und seine Kollegen. Gestützt wird ihre Hypothese unter anderem von Aufzeichnungen des mittelalterlichen Chronisten Jean de Joinville. Dieser schrieb über den Kreuzzug in Nordafrika: „Unsere Armee litt an Kiefernekrosen und die Barbiere mussten das tote Gewebe herausschneiden, damit die Männer ihr Fleisch kauen und schlucken konnten.“ Nach Ansicht der Wissenschaftler trägt ihre Diagnose damit dazu bei, die Todesumstände von Ludwig IX. aufzuklären.

Quelle: Livescience, Journal of Stomatology, Oral and Maxillofacial Surgery, doi: 10.1016/j.jormas.2019.05.007

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