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Bronzezeit

Machte Milch mobil?

Zahnstein diente als Informationsquelle zur Untersuchung der bronzezeitlichen Ernährung. (Bild: Egor Kitov, Samara Valley Project)

Spuren im Zahnstein haben Hinweise darauf geliefert, wie Menschen aus der westlichen Eurasischen Steppe in der frühen Bronzezeit so enorme Distanzen zurücklegen konnten: Möglicherweise hat sie Milch entscheidend gestärkt. Den Analyseergebnissen zufolge wurde auch Stutenmilch in der pontisch-kaspischen Region konsumiert, was die Wissenschaftler als einen Hinweis darauf interpretieren, dass sich dort ein Hotspot der Pferdedomestikation befand.

In der frühen Bronzezeit kam es zu vielen Entwicklungen, die die Menschheitsgeschichte in Eurasien nachhaltig prägen sollten. Dazu gehörten auch die großen Migrationsbewegungen. Im Fokus der Studie der Forscher um Shevan Wilkin vom Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena (MPI-SHH) stand dabei die Expansion von Bevölkerungsgruppen aus der westlichen Eurasischen Steppe vor etwa 5000 Jahren. Ihre erstaunlich weiträumige Ausbreitung im Norden Eurasiens spiegelt sich in archäologischen und genetischen Befunden wider: Der Einfluss dieser sogenannten Yamnaya-Hirten verband demnach schließlich Populationen von Skandinavien bis in die Mongolei.

Ernährungswandel zeichnet sich ab

Man vermutete bereits, dass die Nutzung von Wagen und Pferden sowie eine verbesserte Ernährung durch Optimierungen in der mobilen Hirtenwirtschaft eine Rolle beim Ausbreitungserfolg dieser Menschen gespielt haben. Neben der gesteigerten Versorgung mit Fleisch könnte dabei auch Milch zunehmend den Speiseplan bereichert haben. Doch bisher gab es für diese Vermutung keine direkten Hinweise. Um sie zu liefern, haben Wilkin und ihre Kollegen nun eine besondere Informationsquelle genutzt: Sie analysierten Zahnstein von menschlichen Überresten, die in der pontisch-kaspischen Region gefunden wurden und aus der relevanten Zeit stammen. Darin haben sich Spuren der einstigen Nahrungsmittel erhalten, die sich durch moderne Untersuchungsverfahren bestimmten Produkten zuordnen lassen.

„In unseren Ergebnissen bildete sich ein deutliches Muster ab“, berichtet Wilkin: 90 Prozent der untersuchten Individuen vor der Bronzezeit, zeigten keine Anhaltspunkte für einen Milchkonsum. Doch mit Beginn des neuen Zeitalters änderte sich dies deutlich: Bei 94 Prozent der Individuen aus der frühen Bronzezeit fanden die Forscher Spuren von Milch im Zahnstein. Offenbar hatten Milch oder fermentierte Milchprodukte verstärkt Einzug in den Speiseplan dieser Menschen gehalten. Inwieweit diese Nahrungsmittel zur erhöhten Mobilität der Hirten beigetragen haben, bleibt zwar unklar, doch offenbar korrelierten die Migrationsströme mit dem Wandel in der Ernährungsweise: „Wir beobachten einen Übergang zur Molkerei genau an dem Zeitpunkt, als die Pastoralisten begannen, sich nach Osten auszubreiten“, sagt Seniorautorin Nicole Boivin vom MPI-SHH.

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Gestärkt durch Milch – sogar von Pferden

Die Vorteile von Milchkonsum liegen dabei auf der Hand: Wahrscheinlich haben die zusätzlichen Nährstoffe sowie der hohe Protein- und Flüssigkeitsgehalt von Milch in einer besonders trockenen Umgebung die Überlebenschancen im rauen Klima der Steppe verbessert, vermuten die Forscher. „Wir sehen hier eine Art kultureller Revolution. Nachdem die frühen Hirten der Bronzezeit die Vorteile der Milch erkannt hatten, war die Steppe nie mehr wie zuvor“, meint Wilkin.

Die Forscher gingen auch der Frage nach, von welchen Tieren die konsumierte Milch stammte: „Die Unterschiede zwischen den Milchpeptiden unterschiedlicher Arten sind zwar gering, eine Zuordnung ist aber dennoch möglich“, erklärt Wilkin. So zeigte sich: Die meisten Spuren stammten wie zu erwarten von Kuh-, Schafs- und Ziegenmilch. In einigen Fällen konnten die Wissenschaftler aber interessanterweise auch den Konsum von Stutenmilch nachweisen.

Demnach nutzten die Menschen der pontisch-kaspischen Steppe Pferde offenbar nicht nur zur Fortbewegung, sondern auch als Milchlieferanten. Diese intensive Nutzung interpretieren die Forscher als einen Hinweis auf die noch immer unklare Domestikationsgeschichte des Pferdes in Eurasien. „Unsere Ergebnisse deuten auf ein mögliches Zentrum der Pferdedomestikation in der pontisch-kaspischen Steppe im dritten Jahrtausend v. Chr. hin“, schreiben die Wissenschaftler.

Quelle: Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte, Fachartikel: Nature, doi: 10.1038/s41586-021-03798-4

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