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Geschichte+Archäologie

Maya: „Totale“ Kriege schon vor dem Niedergang

Maya-Ruinen
Ruinen der Maya-Stadt Tikal. Die neuen Erkenntnisse wurden in den ebenfalls in Guatemala liegenden Maya-Städten Naranjo und Bahlam Jol gewonnen. (Bild: diegograndi/ iStock)

Nach gängiger Annahme begannen die Maya erst gegen Ende der klassischen Periode damit, immer brutalere und umfassendere Kriege zu führen. Dies wird gemeinhin als Vorbote des Kollapses dieser Hochkultur angesehen. Jetzt haben Forscher in einer Maya-Stadt im Norden Guatemalas Indizien für destruktive und folgenreiche Kriegszüge schon im Jahr 697 entdeckt – deutlich früher als erwartet. Das könnte darauf hindeuten, dass zerstörerische Kriege nicht erst beim Niedergang dieser Zivilisation geführt wurden.

Die Maya waren kein sonderlich friedliches Volk – so viel scheint klar. Archäologische Funde und Maya-Inschriften zeugen von häufigen Kämpfen zwischen benachbarten Herrschaftsbereichen oder Städten. Bei solchen Feldzügen gemachte Gefangene sind oft in Reliefs dargestellt. Allerdings gingen Forscher bisher davon aus, dass solche Kriege während eines Großteils der klassischen Periode relativ strengen Regeln folgten. Nach diesen war es zwar das Ziel, möglichst viele Angehörige der Elite gefangenzunehmen, aber Zivilisten und Infrastruktur wurden weitgehend verschont.

Das jedoch änderte sich am Ende der klassischen Periode in der Zeit von 800 bis 950: Der totale Krieg, in der Maya-Forschung definiert als Angriffe sowohl auf militärische wie zivile Ziele und resultierend in der weitreichenden Zerstörung einer Stadt, galt als Aberration, die erst in dieser Spätperiode auftrat“, erklären David Wahl vom US Geological Survey in Menlo Park und seine Kollegen. „Diese Eskalation der Häufigkeit und Intensivität der Kriege während der terminalen klassischen Periode wird als wichtiger Mitgrund für den Kollaps der Maya-Staaten angesehen.“

Stele berichtet von Kriegszug

Doch nun wecken Funde im Norden Guatemalas Zweifel an dieser Interpretation der Maya-Kriegsgebaren. Denn die Maya-Stadt Bahlam Jol, heute auch nach dem Fundort der Ruinen als Witzna bekannt, wurde offenbar deutlich vor Beginn der Maya-Endzeit Opfer eines verheerenden „totalen“ Kriegszuges, wie nun Wahl und sein Team berichten. Den ersten Hinweis lieferte eine Inschrift in Naranjo, einer klassischen Maya-Stadt 32 Kilometer südlich von Witzna. Auf einer Stele ist dort zu lesen, dass am 31. Mai 697 unseres Kalenders ein Kriegszug gegen Bahlam Jol stattfand.

Dabei wird die Hieroglyphe „puluuy“ verwendet. „Puluuy war ein während der klassischen Periode häufig im Kriegszusammenhang verwendeter Begriff, seine Bedeutung blieb jedoch unklar“, berichten Wahl und sein Team. In einigen Formulierungen scheint es für Feuerrituale zu stehen, in anderen wird es dagegen für kriegerische Akte verwendet. Wie umfangreich diese kriegerischen Handlungen aber waren, ließ sich nicht rekonstruieren- bis jetzt. Denn im Falle von Bahlam Jol haben die Forscher nun auch die archäologischen Zeugnisse des auf der Stele erwähnten Kriegszugs auf diese Stadt gefunden.

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Maya-Stadt vom Feuer zerstört

Die Archäologen entdeckten deutliche Hinweise eines großen Brandes in der Maya-Stadt Bahlam Jol: „Ausgrabungen in Witzna zeigen, dass alle größeren Strukturen, darunter der königliche Palast und weitere Gebäude mit Inschriften durch ein Feuer in der klassischen Periode in der Zeit zwischen 500 und 800 zerstört wurden“, so Wahl und sein Team. Um eine genauere Einordnung dieses Ereignisses zu erhalten, entnahmen die Forscher Sedimentproben aus einem unweit der Maya-Stadt gelegenen See. Die Bohrkerne enthüllten, dass dieser große Brand in den 690er Jahren stattgefunden haben muss – und dass er das schlimmste Feuer der letzten 1700 Jahre in diesem Gebiet war.

„Die zeitliche Synchronizität dieser Kohleablagerungen mit dem ‚brennen‘-Begriff auf der Stele von Naranjo liefert starke Belege dafür, dass dieses Feuer am 21. Mai 697 stattfand“, sagen Wahl und seine Kollegen. „Der Angriff von Naranjo auf Bahlam Jol scheint demnach die Stadt zerstört und seine Bevölkerung hart getroffen zu haben. Als solches kann man dieses Ereignis als Akt des totalen Krieges bezeichnen.“ Das aber bedeutet: Entgegen bisherigen Annahmen gab es offenbar bei den Maya auch schon vor der Endphase ihrer Kultur verheerende, „totale“ Kriege.

„Unsere Ergebnisse widerlegen Theorien, nach denen ein solches Ausmaß der Gewalt nur auf die terminale klassische Periode beschränkt war“, sagen die Forscher. „Das Ziel von Kriegen war demnach auch davor nicht nur die Gefangennahme von hochrangigen Personen für Lösegeld oder die Opferung, sondern zielte schon darauf ab, den anderen Königreichen schwerwiegende Verluste an Menschen und Infrastruktur zuzufügen.“ Dies sei einmal mehr ein Beleg dafür, dass die Maya-Zivilisation deutlich komplexer war als lange angenommen.

Quelle: David Wahl (US Geological Survey, Menlo Park) et al.; Nature Human Behavour, doi: 10.1038/s41562-019-0671-x

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