Die römischen Bauern Memoria Serenissima - wissenschaft.de
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Die römischen Bauern

Memoria Serenissima

Einige der Gräber venezianischer Dogen gehören zu den prunkvollsten, teuersten und größten Grabdenkmälern überhaupt, nicht nur in Italien, sondern in ganz Europa. Bereits 1484 stellte Felix Faber, ein deutscher Pilger aus Ulm, staunend fest: „Niemals habe ich pompösere und extravagantere Grabmäler gesehen. Nicht einmal die Gräber der Päpste in Rom können ihnen gleichkommen.“ Dieser Tatbestand scheint paradox: Eine solch spektakuläre Herrschermemoria entstand ausgerechnet in einer Republik, die geradezu obsessiv über die Gleichrangigkeit der Angehörigen ihrer Führungsschicht wachte und jede autokratische Tendenz streng beschränkte.

Dieses Paradox charakterisiert jedoch nicht nur die Begräbniskultur, sondern auch das Amt und die Stellung des Dogen selbst innerhalb der „Serenissima Repubblica“. Auf symbolischer Ebene war der Status des Dogen derjenige eines principe, eines regierenden Fürsten. Gleichzeitig schrieb das politisch-theologische Selbstverständnis Venedigs dem Dogen eine halbreligiöse Rolle zu, galt der principe doch als Vertreter von Markus auf Erden und als Vermittler zwischen himmlischer und irdischer Herrschaft. Die öffentlichen Zeremonien unterstrichen diesen Charakter des Amtes.

Dem herausgehobenen Rang entsprach die tatsächliche Macht des Dogen jedoch keineswegs. Auf politischer Ebene war der Doge nämlich in der sorgfältig ausbalancierten Machtteilung der Republik – zumindest in der Theorie – nichts weiter als der Primus inter Pares, der Erste unter Gleichen, ohne die Möglichkeit, unabhängige politische Entscheidungen zu treffen. Eine öffentliche Selbstdarstellung der Dogen war in Venedig nicht nur verpönt, sondern durch mehrere Gesetze verboten. Diese untersagten sogar das Anbringen der Wappen außerhalb des Palazzo Ducale und jegliche öffentliche Inschrift oder figürliche Darstellung des Dogen.

Ausgehend von diesem Widerspruch zwischen der offiziellen Abneigung gegen jede Form des Personenkultes und den dennoch entstandenen prunkvollen Monumenten, befasst sich das Forschungsprojekt „Memoria Serenissima: Erinnerungskultur der venezianischen Dogen“ unter anderem mit der Frage nach den Motiven für den veneziani‧schen Grabmalspomp. Es soll untersucht werden, wie die Venezianer die Kluft zwischen prächtiger individueller Repräsentation und republikani‧schem Gleichheitsideal überbrücken konnten.

In Zusammenhang mit den Ergebnissen einer internationalen Tagung zu den Dogengrabmälern 2010 wurde ein „Katalog der venezianischen Dogenmonumente“ erstellt und damit ein wichtiger Schritt zu einer Gesamtschau der „Memoria Serenissima“ getan. Im Zug der Erfassung der Dogenmonumente wurde eine Materialsammlung zusammengetragen, die eine wertvolle Grundlage für weitere quantitative und statistische Untersuchungen zur venezianischen Erinnerungskultur bieten kann.

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Die im Katalog erfassten Kategorien wie etwa Begräbnis-ort, Datierung, Auftraggeber, Künstler, Materialien, Benennung der figürlichen Darstellungen und der Porträtform, aber auch Informationen über Zerstörungen oder Verlegungen, sowie die spezielle venezianische Grabmalstypologie (verschiedene Arten von Grabmälern), die Transkription der vorhandenen Inschriften und die Sichtung der Dogen-Testamente sind in Bezug auf eine Vielzahl von Fragestellungen auszuwerten. Wann wurden welche Kirchen bevorzugt und warum? Was könnte eine statistische Erhebung der Begräbnisorte über das Amtsverständnis aussagen? In welchen Zeiten (oder politischen Krisen) wurden besonders aufwendige Grabmäler gebaut? Welche Allegorien, Figuren oder szenischen Darstellungen gehörten zum Kanon der Dogengrabmäler? Tauchen Motive der venezianischen Staatsikonographie auf ? Welche typologischen Eigenheiten können beobachtet werden? Wie veränderte sich die Darstellung des Dogen?

Erste Auswertungen der Daten haben bereits gezeigt, dass gerade der Vergleich mit anderen „Grabmalslandschaften“ wie eben der in Rom Tendenzen und Besonderheiten der venezianischen Sepulkralkultur erst erkennen lässt. So tauchen bestimmte ikonographische Motive (Bildthemen) in Venedig und Rom mit bemerkenswert unterschiedlicher Häufigkeit auf: Mariologische Elemente wie die thronende Mutter Gottes und besonders das Motiv der Verkündigung kommen ganz im Gegensatz zu Rom sehr oft an den Grabmälern der Dogen vor.

Offensichtlich besteht ein direkter Zusammenhang mit der Legende von der Gründung Venedigs am Tag Mariä Verkündigung im Jahr 421. Durch diese Legende wurde der Marienkult in Venedig entscheidend befördert und die Jungfrau zur bedeutendsten Patronin der Stadt. Die mariologischen Darstellungen sind also ein fundamentaler Teil venezianischer Staatsikonographie. Lünetten (halbkreisförmige Wandfelder, Bogenfelder), in deren Reliefs der Verstorbene der Gottesmutter oder Christus selbst empfohlen wird, kommen dementsprechend weitaus häufiger vor als in Rom, ebenso wie das damit einhergehende Doppelporträt des Verstorbenen als Gisant (als ruhender Toter) und als Adorant (Anbetender). Dieses Merkmal verweist auf eine privilegierte Verbindung zwischen venezianischer und göttlicher Herrschaft.

So wäre zu fragen: Handelt es sich also um die Inszenierung individueller Interessen einzelner Patrizierfamilien, oder haben wir es doch mit Staatsmonumenten zu tun? Besonders vielversprechende Quellen stellen in diesem Zusammenhang die Dogen-Testamente dar. In ihnen finden sich Hinweise, dass es sich bei der scheinbar so paradoxen sepulkralen Prunkentfaltung um eine Selbstdarstellung der Serenissima in ihren Monumenten handeln könnte. Als Erster bestimmte Francesco Dandolo 1339 sein für die spätere Geschichte der Dogengrabmäler so maßgebendes Monument in der Frari-Kirche ausdrücklich „pro honore ducatus“ (wobei „ducatus“ gleichzeitig das Dogenamt, die Republik und seine Regierungszeit bezeichnet).

Vom 16. Jahrhundert an taucht wiederholt der Hinweis auf die Würde des Amtes und das öffentliche decorum (die würdevolle Ausgestaltung) auf, denen sich die Dogen in den Verfügungen zu ihren Begräbnisfeierlichkeiten und ihren Grabmälern verpflichtet fühlen mussten. So möchte etwa Francesco Venier vor seiner Wahl zum Dogen noch ganz schlicht, nach seiner Wahl hingegen in der „seinem Verdienst entsprechenden Form“ beigesetzt werden. In seinem Testament von 1555 unterscheidet er auch zwischen seiner indivi‧duellen Person, deren Körper in einem Bodengrab bestattet werden solle, und dem prächtigen Wandgrabmal, das sein Amt ehrt.

Leonardo Donà verfügte 1612 „diesen funeralen Pomp, der der öffentlichen Würde zu Ehren und nicht seiner privaten Person wegen veranstaltet“ werde. Auch Giovanni Pesaro, der eines der pompösesten Grabmäler der gesamten frühen Neuzeit erhalten hat, möchte zunächst noch ohne Pomp und im Kapuzinerhabit bestattet werden, verlangt 1659 nach seinem Aufstieg zum Dogen jedoch, dass sein öffentliches Grabmal mit größtmöglicher Pracht ausgeführt werden solle „zum Schmuck und zur Würde der Patria“.

Zur Klärung weiterer wichtiger Fragen, so etwa zu der nach den Veränderungen im politischen Selbstverständnis der Republik, kann der Gesamtkatalog der Dogengrabmäler ebenso beitragen wie zu einer epochenübergreifenden Geschichte der venezianischen Erinnerungskultur. Und das Thema ist nicht nur für Kunsthistoriker von Bedeutung, sondern für die Venedig-Forschung insgesamt.

Literatur: Debra Pincus, The Tombs of the Doges of Venice. Cambridge 2000. Arne Karsten / Philipp Zitzlsperger, Tod und Verklärung. Grabmalskultur in der Frühen Neuzeit. Köln / Weimar / Wien 2004.

Quelle: Judith Ostermann
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