Milch-Spuren in steinzeitlichem Zahnstein - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Milch-Spuren in steinzeitlichem Zahnstein

Im Zahnstein dieses Gebisses haben sich einst Milchproteine angsammelt. (Bild: Dr Sophy Charlton, University of York)

Bisher waren nur Spuren aus Gefäßen bekannt – nun hat eine Zahnsteinanalyse den frühesten direkten Nachweis von Milch-Konsum geliefert. Demnach standen schon vor rund 6000 Jahren Milchprodukte auf dem Speiseplan der steinzeitlichen Briten. Wahrscheinlich handelte es sich um Joghurt oder Käse, erklären die Forscher. Denn die Menschen waren damals noch laktoseintolerant – größere Mengen Frischmilch verursachten ihnen deshalb Bauchschmerzen.

Es war die Ära, in der die Grundlagen unserer heutigen Kultur entstanden: Im Laufe der Jungsteinzeit ersetzten bäuerliche Gemeinschaften in vielen Teilen Europas die Jäger-und-Sammler-Kulturen. In dieser Epoche entstanden auch immer komplexere kulturelle Strukturen – die neolithischen Gemeinschaften errichteten schließlich sogar die ersten Monumentalbauten. In Großbritannien lief dieser Prozess in der Zeit vor etwa 6000 bis 4400 Jahren ab: Es entstanden landwirtschaftliche Kulturen, deren Lebensgrundlage neben dem Weizen- und Gerstenanabau auch die Haltung von Schweinen, Rindern, Schafen und Ziegen bildete.

Aus Untersuchungen von Ablagerungen in Überresten von Töpferwaren aus der Jungsteinzeit geht bereits hervor: Einst befanden sich in den Gefäßen Milchprodukte. Es handelte sich somit um einen indirekten Nachweis, dass Milch bereits früh im Rahmen der Ausbreitung der Landwirtschaft in Europa zur Nahrungsmittelversorgung beigetragen hat. Eine Bestätigung dieser Befunde kommt nun buchstäblich aus dem Munde der damaligen Menschen: Die Forscher um Sophy Charlton von der University of York nutzen für den Nachweis die Tatsache, dass sich Nahrungsreste im Zahnbelag ansammeln und anschließend dauerhaft in den Zahnstein eingebaut werden.

Bestätigung aus dem Mund der Steinzeit-Briten

Im Rahmen ihrer Studie haben die Wissenschaftler Zähne untersucht, die an drei neolithischen Fundorten in Großbritannien entdeckt wurden: Hambledon Hill und Hazleton North im Süden Englands und Banbury Lane in den East Midlands. Den Datierungen zufolge stammen die Überreste von jungsteinzeitlichen Menschen, die im frühen bis mittleren 4. Jahrtausend v. Chr. gelebt haben. Durch moderne Analyseverfahren konnten die Wissenschaftler im Zahnstein der Zähne von allen drei Fundorten Proteine nachweisen, die eindeutig Milch zuzuordnen sind. Es handelt sich dabei um das Milchprotein Beta-Lactoglobulin.

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Durch den Nachweis spezifischer Formen dieses Eiweißes konnte das Team zudem belegen, dass damals neben Kuhmilch auch Schafs- beziehungsweise Ziegenmilch zur Ernährung der Menschen beigetragen hat. „Aus dem Fund dieser Proteine im Zahnstein von Individuen aus drei verschiedenen neolithischen Regionen geht hervor, dass der Verzehr von Milch oder Milchprodukten damals weit verbreitet war“, sagt Charlton. „Der Nachweis über den Zahnstein könnte es zukünftig auch ermöglichen, Muster beim Konsum aufzudecken: Vielleicht war die Menge der konsumierten Milchprodukte oder der Milchart mit dem Geschlecht, Alter oder sozialer Stellung verknüpft“, so die Wissenschaftlerin.

Laktoseintoleranz – eher keine Frischmilch

Der Nachweis des Konsums von Milchprodukten ist den Wissenschaftlern zufolge auch deshalb interessant, da aus genetischen Studien hervorgeht, dass die Menschen der damaligen Zeit noch nicht in der Lage waren, Milchzucker zu verdauen: In größeren Mengen führt er bei laktoseintoleranten Personen zu erheblichen Verdauungsproblemen.
„Da die Menschen dieser Zeit durch das Trinken von mehr als nur sehr geringen Mengen Milch krank geworden wären, ist anzunehmen, dass sie Milch zu Lebensmitteln wie Käse oder Joghurt verarbeiteten, um den Laktosegehalt zu verringern“, sagt Charlton.

Die heute in Europa weit verbreitete Fähigkeit, Milch bis ins Erwachsenenalter hinein zu vertragen, ist das Ergebnis einer genetischen Mutation in einer Erbanlage, welche die Aktivität des Lactase-Gens steuert, das für die Produktion des Verdauungsenzyms verantwortlich ist. Wann und wie diese Mutation entstand und sich in der Bevölkerung durchsetzt hat, ist jedoch bisher unklar. „Untersuchungen zur Geschichte des Milchkonsums können somit zum Verständnis beitragen, wie Genetik und Kultur bei der Entstehung der Laktose-Verträglichkeit zusammengewirkten“, so Charlton.

Quelle: University of York, Fachartikel: Archaeological and Anthropological Sciences, doi: 10.1007/s12520-019-00911-7

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