Missgebildeter Fötus in einer "Falkenmumie" - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Missgebildeter Fötus in einer „Falkenmumie“

Eine computertomografische Untersuchung hat den wahren Inhalt dieser vermeintlichen Falkenmumie enthüllt. Foto: Western University, Canada

So groß wie ein Vogel und mit Falkensymbolen dekoriert: Zunächst hielten Ägyptologen ein rund 2100 Jahre altes Fundstück aus der Ptolemäerzeit für eine Falkenmumie. Doch computertomographische Aufnahmen haben nun Details über den tatsächlichen Inhalt entüllt: Die Überreste einer charakteristisch missgebildeten Totgeburt stecken unter den Bandagen.

Bei der kleinen Mumie handelt es sich um ein Stück aus der altägyptischen Sammlung des britischen Maidstone Museums. Man hielt es zunächst für ein vergleichsweise unspektakuläres Beispiel der zahlreichen Tiermumien aus dem alten Ägypten. Es war damals üblich, heilige Tiere wie etwa Katzen, Krokodile und auch Falken aus rituellen Gründen zu mumifizieren. Dass es sich bei dem Stück mit der Nummer EA 493 um eine Falkenmumie handelte, legten seine Größe und die Verzierungen nahe. Dass es sich um eine Fehlinterpretation gehandelt hat, erst jetzt ans Licht – weil das Museum neben einer menschlichen Mumien auch einige seiner Tiermumien einer computertomografischen Untersuchung unterziehen ließ.

Detailblick ins Innere

Dabei zeichnet sich ab, dass in EA 493 nicht die Überreste eines Falken stecken, sondern die eines menschlichen Fötus. Der erste Scan war aber nicht genau genug, um detailliertere Informationen zu liefern. So entschlossen sich das Museum mit Unterstützung des Mumien-Experten Andrew Nelson von der Western University in Kanada, das spannende Stück noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen: Sie führten eine hochauflösende computertomografische Untersuchung durch – einen Micro-CT Scan.

Wie die Forscher berichten, geht aus den Analysen der Aufnahmen hervor: Es handelt sich um die Überreste eines männlichen Fötus, der offenbar in der 23. bis 28. Schwangerschaftswoche tot geboren worden war. Der Grund zeichnet sich ebenfalls deutlich ab: Die Bilder zeigen wohlgeformte Zehen und Finger, aber einen Kopfbereich mit schweren Missbildungen. „Der ganze obere Teil des Schädels war nicht zugewachsen, es hatte sich wahrscheinlich kein richtiges Gehirn gebildet und der Bereich der Wirbelsäule hatte sich ebenfalls nicht geschlossen“, berichtet Nelson.

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Rätselhafte Geschichte

Ihm zufolge lassen diese Merkmale darauf schließen, dass es sich bei der Art der Fehlbildung um die sogenannte Anenzephalie gehandelt hat. Es ist bekannt, dass es zu diesem Effekt in der Folge von Folsäuremangel kommen kann. Dieser Nährstoff kommt vor allem in grünem Gemüse vor. Die Entdeckung gibt somit auch Hinweise auf die Ernährungsweise der Mutter, sagen die Forscher.

Es stellt sich nun die Frage, warum man sich damals entschied, den Fötus zu mumifizieren. Es ist zwar bekannt, dass man Föten im alten Ägypten mit magischen Aspekten verknüpft hat. Eine Behandlung wie in diesem Fall war aber nicht üblich. Auch die Falkensymbolik, mit der die Mumie dekoriert worden war, bleibt rätselhaft. Es handelt sich somit weiterhin um einen mysteriösen Fall.

Klar scheint allerdings: Vor rund 2100 Jahren hatte sich eine traurige Geschichte abgespielt. „Es war bestimmt für die Familie eine Tragödie, ein ungeborenes Kind zu verlieren“, sagt Nelson. Zudem kommt das bizarre Aussehen des Fötus hinzu. Wie die Menschen damals die Missbildungen interpretiert haben, bleibt allerdings ebenfalls fraglich.

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