Mittelalter-Dichter: „Gerundetes“ Jubiläum - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Mittelalter-Dichter: „Gerundetes“ Jubiläum

Walther von der Vogelweide (im Bild) und Wolfram von Eschenbach wurden beide um das Jahr 1170 geboren. (Bild: ZU_09/iStock)

Bühne frei für die berühmten deutschen Dichter des Hochmittelalters: Eine Philologin der Universität Bamberg rückt Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach in den Fokus und erklärt, warum 2020 als das 850. Geburtsjahr der beiden gilt, obwohl ihre Lebensdaten nicht genau bekannt sind.

Das Mittelalter ist eine geheimnisvolle Zeit und viele ihrer Persönlichkeiten bleiben schemenhaft, weil es nur wenige handfeste Zeugnisse gibt. Das gilt auch für die beiden bekanntesten deutschen Autoren dieser Ära: Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach. Beide verdanken ihre bis heute reichende Bekanntheit neben der Anmut ihrer Lyrik vor allem dem Werk Richard Wagners, betont Ingrid Bennewitz von der Universität Bamberg, die sich im Rahmen ihres Forschungsschwerpunktes „Kultur und Gesellschaft im Mittelalter“ intensiv mit den Mittelalter-Promis befasst hat.

„Wagners radikale Neufassung von Wolframs ‚Parzival‘, aber auch seine verwegene Interpretation des mittelalterlichen Minnesangs mit den Gegenspielern Walther, Wolfram und Tannhäuser im ‚Tannhäuser‘ ebneten den beiden fränkischen Autoren des Mittelalters den Weg zu weltweiter Geltung bis in die Gegenwart“, sagt die Philologin. So kommt es, dass Werke beider Autoren auch heute noch in Schulen besprochen werden.

850. Geburtstagsjahr – ungefähr

Wie sie erklärt, ist 2020 ein besonderes Jahr in Bezug zu den beiden Autoren, denn sie feiern ein „gerundetes“ Jubiläum: Ihr Geburtsjahr wird auf 1170 angesetzt. „Von Dichtern des Mittelalters sind nur in den allerseltensten Fällen ihre Geburtsdaten bekannt“, erklärt Bennewitz. „Es gehört immer eine Portion kriminalistische Neugierde zur Recherche nach ungefähren Lebensdaten mittelalterlicher Autoren.“ Warum es dennoch berechtigt ist, von einem Jubiläum zu sprechen, erklärt sie so: „Die Werke liefern deutliche Anhaltspunkte zu den Lebensdaten. In beiden Fällen kann man von einer literarischen Schaffensphase vom ausgehenden 12. Jahrhundert bis in die 1230-er Jahre ausgehen, was wiederum eine Geburt um 1170 als sehr wahrscheinlich erscheinen lässt“, sagt Bennewitz.

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Walther von der Vogelweide, wurde wahrscheinlich in Österreich oder Südtirol geboren und lebte Hinweisen zufolge später in Franken. „Walther von der Vogelweide hat zahlreiche seiner berühmtesten politischen Sprüche dem Staufer Philipp gewidmet“, sagt Bennewitz. Von diesem König ist bekannt, dass er 1198 seine Regentschaft begann und 1208 in der Alten Hofhaltung zu Bamberg wegen familiärer Streitigkeiten mit der Dynastie der Wittelsbacher ermordet wurde.

„Walther hat auch mit hoher Wahrscheinlichkeit vom letzten staufischen Kaiser Friedrich II. ein Lehen in der Nähe von Würzburg erhalten – was man als eine Wohnstätte mit Altersversorgung beschreiben kann“, berichtet die Wissenschaftlerin. Dort wurde er vermutlich auch nach seinem Tod begraben. Erste schriftliche Hinweise dazu finden sich im „Hausbuch des Michael de Leone“, einer Liederhandschrift um circa 1350, sagt Bennewitz.

Wolfram kam tatsächlich aus Eschenbach

Was Wolfram von Eschenbach betrifft, ist tatsächlich davon auszugehen, dass er im Ort Eschenbach, zwischen Ansbach und Gunzenhausen, geboren wurde. Der Ort darf sich seit 1917 deshalb auch Wolframs-Eschenbach nennen. „Plausibel erscheint, dass Wolfram aus einer Ministerialenfamilie der Grafen von Wertheim stammte. Ministeriale sind Beamte im Dienst des Adels“, sagt Bennewitz. Für diesen Bezug spricht, dass sich in seinen Romanen und epischen Dichtungen wie „Parzival“ und „Willehalm“ Kontakte zu den Herren von Durne, von Truhendingen, den Grafen von Dollnstein und von Abenburg widerspiegeln und insbesondere auch zum Landgrafen Hermann von Thüringen.

Zur Frage, ob die beiden Zeitgenossen Wolfram und Walther voneinander wussten, sagt Bennewitz: „Wolfram hatte zumindest Kenntnis vom Werk Walthers. Er zitiert eines seiner politischen Lieder in eindeutigem Kontext in seinem ‚Willehalm‘. Und – fast noch spannender: Er erwähnt ein weiteres seiner Lieder im Parzival, das bis zum heutigen Tag unbekannt ist, also in den uns erhaltenen Handschriften fehlt“, so Bennewitz.

Wie die Inhaberin des Lehrstuhls für Deutsche Philologie des Mittelalters an der Universität Bamberg abschließend berichtet, haben sie und ihr Team zum Parzival bereits mehrere erfolgreiche Schulprojekte an Grundschulen im Bamberger und Erlanger Raum durchgeführt. „Einige Schüler lieben es, sich in der Rolle von Sprach- und Literaturdetektiven auf die Suche nach den Ursprüngen unserer Sprache und Literatur zu begeben“, sagt Bennewitz. „Diese Attraktivität wird durch den Regionalbezug noch verstärkt: Denn Wolfram hat sich auch selbst als Franke bezeichnet“, so die Wissenschaftlerin.

Quelle: Otto-Friedrich-Universität Bamberg

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