Mittelalter: Eine Tropenkrankheit in Nordeuropa - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Mittelalter: Eine Tropenkrankheit in Nordeuropa

Pesttote
Eine der Toten in diesem Grab war mit Pest und Frambösie infiziert. (Bild: Giffin et al., Robertas Zukovskis, Scientific Reports, 2020)

Im späten Mittelalter grassierte nicht nur die Pest in Europa – offenbar erkrankten Menschen auch an der Frambösie, einer Infektionskrankheit, die heute nur noch in den Tropen vorkommt. Belege dafür liefert das Skelett einer im 15. Jahrhundert im litauischen Vilnius begrabenen Frau. DNA-Analysen enthüllen, dass sie sowohl an der Pest wie auch an der Frambösie litt. Die Forscher vermuten, dass sie kein Einzelfall war.

Im späten Mittelalter forderte die Pest Millionen von Todesopfern in Europa. Von dem massenhaften Sterben an dieser bakteriellen Infektion zeugen noch heute viele Massengräber aus jener Zeit. Eine dieser Pest-Grabstätten haben Archäologen schon vor einigen Jahren im litauischen Vilnius aufgespürt. Der außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern liegende Friedhof enthält viele Gräber, in denen bis zu 15 Tote zusammen bestattet worden waren. Auffallend viele dieser Toten sind zudem Jugendliche oder junge Erwachsene. Das spricht dafür, dass sie im 15. Jahrhundert im Rahmen einer Seuche gestorben sind.

Erregerfahndung bei mittelalterlichen Pestopfern

Um herauszufinden, ob es sich bei diesen Toten um Pestopfer handelt, haben Karen Giffin vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena und ihre Kollegen DNA-Proben aus den Zähnen von 26 Individuen entnommen und auf genetische Spuren des Pesterregers Yersinia pestis hin untersucht. Tatsächlich erwiesen sich sechs der Proben als positiv – es handelte sich demnach höchstwahrscheinlich um Opfer der Pest. Doch die Forscher wollten auch wissen, ob diese Menschen zu Lebzeiten möglicherweise auch noch an anderen Infektionskrankheiten litten.

Das Problem jedoch: „Die gängige Methode für die Erkennung von Krankheitserregern in archäologischen Funden setzt voraus, dass man ungefähr weiß, wonach man sucht“, erklärt Giffins Kollege Alexander Herbig. „In diesem Fall nutzten wir jedoch einen noch relativ neuen Ansatz für die DNA-Analyse, um so ohne Vorannahme nach weiteren Erregern zu suchen, die wir auf molekularer Ebene möglicherweise feststellen könnten“. Bei dieser sogenannte HOPS-Methode wird die DNA der Probe durch ein automatisiertes Verfahren mit den Erbgutabfolgen bekannter Erreger abgeglichen. Das ermöglicht es, das Genom von Erregern in alten DNA-Proben zu identifizieren, auch ohne dass man vorher weiß, wonach man sucht.

Erreger der Tropenkrankheit Frambösie nachgewiesen

Tatsächlich wurden Griffin und ihr Team fündig: Eine der vier untersuchten Pesttoten, eine junge Frau, wies neben den Genspuren der Pest auch das Signal eines zweiten Erregers auf. Dabei handelte es sich zur Verblüffung der Forscher um das Bakterium Treponema pallidum pertenue, den Erreger der heute nur in den Tropen verbreiteten Krankheit Frambösie. Diese Infektionskrankheit verursacht zunächst rote Pusteln und Ausschläge, die an eine Himbeere erinnern, daher der vom französischen Wort für Himbeere abgeleitet Name Frambösie. In späteren Stadium befällt der Erreger aber auch Knochen und Gelenke und hinterlässt Verformungen und Veränderungen der Knochenstruktur. „Die am Skelett der litauischen Frau gefundenen Manifestationen stimmen mit solchen Trepanema-Läsionen überein“, berichten die Forscher.

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Damit scheint klar, dass diese Frau aus dem Baltikum an einer Frambösie litt – obwohl sie weit außerhalb der Tropen lebte. „Das in Nordeuropa zu finden, in einem Massengrab aus dem 15. Jahrhundert, war unerwartet“, sagt Giffin. Der Fund deutet darauf hin, dass die Tropenkrankheit Frambösie im Mittelalter auch außerhalb der Tropen verbreitet war – bis nach Nordosteuropa hinein. „Das hat wichtige Folgen für die Geschichte von treponemalen Krankheiten in Europa“, sagt Giffins Kollegin Kristen Bos. „Wir können jetzt bestätigen, dass sich die Frambösie bereits im mittelalterlichen Europa im Umlauf befand.“ Die Wissenschaftler vermuten, dass der Erreger dieser Krankheit damals von Westafrika aus nach Europa eingeschleppt wurde – durch die Kolonialisierung dieser Region und möglicherweise auch durch den aufkommenden Sklavenhandel.

Frambösie statt Syphilis?

Darüber hinaus ist der Fund in Litauen aber noch aus einem anderen Grund interessant. Denn er könnte auch ein neues Licht auf die Geschichte einer weiteren Infektionskrankheit werfen – der Syphilis. Diese Geschlechtskrankheit wird vom eng verwandten Bakterium Trepanema pallidum pallidum verursacht. Gängiger Annahme nach gelangte dieser Erreger zu Kolumbus Zeiten aus der Neuen Welt nach Europa. Als Indiz dafür gilt ein großer Ausbruch dieser Krankheit im Jahr 1495 nach einer Belagerung der Stadt Neapel durch Karl VIII. – kurz nach der Rückkehr des Kolumbus aus Amerika.

Doch der Nachweis der eng verwandten und von ähnlichen Hautausschlägen gekennzeichneten Frambösie im Litauen des 15. Jahrhunderts legt nun nahe, dass es sich hier um eine Verwechslung handelt: „Aufgrund ihrer Ähnlichkeit zu Syphilis und des zeitähnlichen Auftretens, ist es möglich, dass die Frambösie zu dem bekannten Ausbruch im 15. und 16. Jahrhundert beitrug, den wir normalerweise auf Syphilis zurückführen“, sagt Bos. Das könnte bedeuten, dass zumindest einige der vermeintlichen Syphilisausbrüche in Wirklichkeit Fälle von Frambösie waren.

Wann die Syphilis demnach tatsächlich nach Europa kam und woher sie stammt, ist demnach weniger klar als bislang angenommen. „Das Rätsel um den Ursprung von Syphilis bleibt weiterhin offen“, sagt Bos. „Doch die Ökologie der Krankheiten im mittelalterlichen Europa ist deutlich komplexer als wir denken.“

Quelle: Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte; Fachartikel: Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-020-66012-x

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