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Geschichte+Archäologie

Mittelalterlicher „Schummel-Würfel“ entdeckt

Verdächtig: Zweimal eine Fünf und zweimal eine Vier. (Foto: Angela Weigand, Universität von Bergen)

Ein Würfelwurf soll bekanntlich Zufallszahlen von eins bis sechs liefern – doch ein mittelalterlicher Würfel, den norwegische Archäologen in der Altstadt von Bergen entdeckt haben, taugte dazu in verdächtiger Weise nicht: Ihm fehlen die Eins und die Zwei – dafür besitzt er zwei Vieren und zwei Fünfen. Die Experten vermuten, dass vor rund 600 Jahren ein Betrüger den seltsamen Würfel eingesetzt hat, um seinem Erfolg beim Glücksspiel nachzuhelfen.

Wie die Archäologen um Per Christian Underhaug vom Norwegischen Institut für Kulturerbeforschung (NIKU) berichten, stammt der Fund von einer Stelle in der Altstadt Bergens, wo sich im 15. Jahrhundert eine belebte Straße befunden hat. In dem damals dicht bebauten Stadtteil gab es viele Gasthäuser und Kneipen, in denen sicherlich auch gespielt wurde, sagen die Archäologen. Sie haben in den vergangenen Jahren auch bereits einige Spuren dieses Treibens entdeckt: über 30 mittelalterliche Würfel. Somit war ein weiterer Fund eigentlich nichts Ungewöhnliches – doch das aktuelle Exemplar ist etwas Besonderes: Die bisherigen Würfel besaßen alle die übliche Verteilung der Zahlen eins bis sechs auf ihren Seiten – der Neuzugang nicht.

Der kuriose Holzwürfel wiegt 16,7 Gramm und ist ungleichmäßig geschnitten: In einer Dimension weist er 2,2 Zentimeter, in den beiden anderen hingegen nur 2,1 Zentimeter auf. Das seltsamste Merkmal ist aber die Zahlenkonfiguration. Der Würfel zeigt auf gleich zwei Seiten die Zahl Fünf und besitzt außerdem eine doppelte Vier. Verzichtet wurde hingegen auf die Zahlen Eins und Zwei.

Ein Würfel für ein unbekanntes Spiel? – Eher ein Gaunerstück

Als Erklärung kommen eigentlich nur zwei Möglichkeiten in Frage, sagen die Experten: Der seltsame Würfel könnte für ein bisher unbekanntes Spiel eingesetzt worden sein, bei dem diese Zahlenverteilung üblich war. Die wahrscheinlichere Erklärung ist ihnen zufolge aber, dass der Würfel betrügerischen Motiven diente: Bei Glücksspielen um Geld hat möglicherweise ein Betrüger das manipulierte Spielutensil eingesetzt oder heimlich unter die anderen Würfel gemogelt. Es erscheint plausibel, dass die höhere Wahrscheinlichkeit eine Vier oder Fünf zu würfeln – im Gegensatz zu einer Eins oder Zwei – den Gewinnerfolg deutlich erhöht hat.

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Wie die beteiligte Expertin Ingrid Rekkavik vor dem Hintergrund des Fundes berichtet, gibt es interessanterweise Überlieferungen, dass Glücksspiel in Bergen im Mittelalter als problematisch betrachtet wurde. Die Behörden stellten es schließlich auch unter Strafe. Rekkavik zufolge ist es nun ein interessantes Gedankenspiel, sich vorzustellen, wie der letzte Einsatz des betrügerischen Würfels abgelaufen sein könnte und wie er schließlich auf der Straße landete. Vielleicht wurde der Betrug aufgedeckt – es gab eine Schlägerei und der Stein des Anstoßes flog in hohem Bogen in den Straßengraben. Vielleicht hat ihn der Betrüger aber auch geschickt absichtlich fallen lassen, um seine Mogelei zu vertuschen. Was sich in Bergen vor rund 600 Jahren tatsächlich abgespielt hat, kann der Schummel-Würfel leider nicht berichten.

Quelle: Norwegian Institute for Cultural Heritage Research (NIKU)

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