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Geschichte+Archäologie

Monumente aus dem Meer

Über 1000 Jahre hütete das Mittelmeer ein Geheimnis: eine versunkene ägyptische Stadt. Geborgene Fundobjekte signalisieren, wo einst Herakleion lag.

Sechs Kilometer vor der Küstenlinie des Nildeltas hat der französische Unterwasserarchäologe Franck Goddio in einer Tiefe von nur zehn Metern mehr als 4000 Zeugnisse antiker Kultur entdeckt – darunter große Häuserruinen, Statuen, Schmuck, Geldstücke, Keramiken und Waffen.

Zwei Stelen, eine davon zertrümmert, gelten wegen ihrer aufschlussreichen Inschriften als besondere Glücksfunde. Um ihren Originalzustand zu sichern, haben Experten noch unter Wasser Silikonabdrücke der Schriften angefertigt. Danach wurden die großen und schweren Brocken, mit Gurten und Netzen gesichert, per Kran an Deck des Forschungsschiffs gehievt. Inzwischen haben Archäo- logen die zerbrochene Stele wieder zusammengesetzt – zu einem sechs Meter hohen und rund zehn Tonnen schweren Koloss. Aus den eingemeißelten Hieroglyphen geht hervor, dass Ptolemäus VIII. sie für den Griechenfreund Pharao Amasis anfertigen ließ.

Die andere Stele ist zwei Meter hoch und aus schwarzem Granit. Sie ist vollständig erhalten. Als Aufstellungsort ist auf ihr der Name Herakleion-Thonis zu lesen – ein Beleg für die Vermutung, dass es sich bei dem ein Quadratkilometer großen Fundareal tatsächlich um die verschollene Metropole handelt. Und nicht nur das: Sie war offenbar identisch mit der ägyptischen Stadt Thonis. Eine Stadt also mit zwei Namen, die bis zu ihrer Entdeckung im Jahr 2000 nur in antiken Schilderungen existierte.

So will der Historiker Herodot im 5. Jahrhundert vor Christus in der Stadt vor dem Tempel des Herakles gestanden haben. In Homers Ilias diente Herakleion als Unterschlupf für Helena und Paris, die auf der Flucht vor Helenas Gatten Menelaos waren. Solche Geschichten kann die auf Geheiß von Pharao Nektanebo I. gefertigte Stele zwar nicht erzählen, doch man weiß, dass sie die Stadtkassen klingen ließ: Mit dem Aufstellen der Stele wurden zehn Prozent Zoll auf eingeführte Waren fällig.

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Im 8. Jahrhundert nach Christus fiel die Stadt den Gewalten der Natur zum Opfer: Der schlammige Sedimentboden zusammen mit Überschwemmungen und Unterspülungen und schließlich heftige Erdstöße wurden ihr zum Verhängnis.

Bei unzähligen Tauchgängen befreiten die Archäologen die Ruinen vom meterdicken Schlamm, wobei ihnen Sauggeräte halfen. Ein engmaschiges Sieb an der Eintrittsöffnung des Saugrohrs verhinderte, dass wertvolle Kleinstteile darin verschwanden. Die Funde zeichneten die Forscher mit Wachsstift auf speziellen Zeichenbrettern aus wasserfestem Millimeterpapier noch in der Tiefe auf.

Um museumsreif zu werden, mussten die Fundobjekte eine langwierige Prozedur im Labor über sich ergehen lassen. Zunächst kamen sie zur Entsalzung in eine Reihe von Wasserbädern, denn das Salz hätte sie sonst beim Trocknen zerbröseln lassen. Dann wurden die einzigartigen Relikte zusätzlich mit Harz stabilisiert.

Das jahrelange Suchen, Bergen und Katalogisieren hat sich gelohnt: Ein buchstäblich herausragendes Fundstück ist eine Gottheit aus Granit von über fünf Meter Höhe. Es handelt sich um die größte Darstellung des Nilgottes Hapi, die jemals gefunden wurde – noch dazu in bestem Zustand. Die rosafarbene Statue zeigt alle typischen Attribute der zeitgenössischen Gottesdarstellung: eine Opferplatte, schwer herabhängende Brüste und eine „Krone“ aus Wasserpflanzen. Als Personifikation des Hochwassers, das den fruchtbaren Schlamm ins Nildelta brachte, stand der Koloss vermutlich vor Herakles‘ Tempel im alten Herakleion.

Ab Mitte Mai wird Hapi zusammen mit einer Figur der Allgöttin Isis, eines Pharaos derselben Farbe und Größe sowie rund 500 weiteren Artefakten im Berliner Martin-Gropius-Bau zu bewundern sein. ■

Cornelia Varwig

Ohne Titel

Ausstellung vom 13. Mai bis 4. September 2006

Martin-Gropius-Bau Berlin Niederkirchnerstr. 7, 10963 Berlin

Eintritt: 10 Euro (ermäßigt 6 Euro) www.gropiusbau.de

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