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Geschichte+Archäologie

Mütter an der Macht

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In den Ruinen des Pueblo Bonito im Chaco Canyon (Foto: George Perry/ Penn State University)
In der präkolumbischen Pueblo-Kultur des amerikanischen Südwestens bestimmten nicht Jagdglück, Kraft oder Verhandlungsgeschick, wer zur Elite gehörte. Stattdessen entschied die Geburt über die gesellschaftliche Position: Gehörte die Mutter der Elite an, galt dies auch für ihre Nachkommen. Das belegen DNA-Analysen von neun Toten, die vor rund tausend Jahren mit reichen Grabbeigaben im Pueblo Bonito bestattet worden waren. Ihre enge Verwandtschaft über die mütterliche Linie ist der erste eindeutige Beleg für eine matrilineare Gesellschaft dieser Pueblo-Kultur.

Die präkolumbische Pueblo-Kultur gibt bis heute Rätsel auf. Vor rund 2100 Jahren tauchte dieses Volk plötzlich wie aus dem Nichts auf und begann, im heutigen Südwesten der USA erstaunlich komplexe Siedlungen zu errichten. Auf dem Höhepunkt ihrer Kultur, etwa zwischen 850 und 1140, bauten die früher auch als Anasazi bekannten Menschen ganze Städte in und an den steilen Kliffs der Canyons und Mesas. Besonders eindrucksvoll sind die bis zu fünfstöckigen Großhäuser im Chaco Canyon in New Mexico. Das größte von ihnen, Pueblo Bonito, umfasst 650 Räume, bis zum elften Jahrhundert entstanden zehn weitere Großhäuser in unmittelbarer Nachbarschaft. Die Chaco-Kultur gilt als Zentrum der frühesten komplexen Gesellschaften Nordamerikas und als hierarchisch gegliedert. „Doch was genau damals die Basis der politischen Machthierarchie bildete, ist umstritten“, erklären Douglas Kennett von der Pennsylvania State University und seine Kollegen. Einige Archäologen vermuten, dass eine hohe Position in der Chaco-Kultur ähnlich wie bei den Hopi über die mütterliche Linie vererbt wurde. Andere halten es für wahrscheinlicher, dass die Chaco-Kultur von nach ihren Fähigkeiten gewählten Häuptlingen angeführt wurde – ähnlich wie in einigen anderen frühen Pueblo-Kulturen.

Entscheidende Hinweise zur Machtstruktur der Chaco-Kultur haben Kennett und seine Kollegen nun im Pueblo Bonito selbst gefunden – im sogenannten Raum 33 des Großhauses. Dieser Raum wurde von den Pueblo-Bewohnern als Grabraum genutzt und sie bestatteten dort vor mehr als 1000 Jahren offenbar Angehörige ihrer damaligen Elite. „Allein schon die Bestattung im Inneren des Pueblo ist ungewöhnlich, weil die meisten Toten damals außerhalb unter Geröllhügeln beerdigt wurden“, erklären die Forscher. Noch auffallender aber sind die reichen Grabbeigaben, die die 14 Toten mitbekamen: Zwei der Toten waren mit tausenden von Türkisstücken und Muschelperlen geschmückt. Die anderen zwölf lagen oberhalb dieser beiden auf einem hölzernen Zwischenboden, begleitet von Keramikgefäßen, geschnitzten und mit Türkis verzierten Stäben und Flöten. „Bemerkenswert sind auch die zahlreichen rituell bedeutsamen Objekte in angrenzenden Räumen: hunderte hölzerner Zeremonialstäbe, Dutzende zylindrischer Keramikgefäße, Schmuck und die Überreste von roten Papageien“, berichten Kennett und seine Kollegen. Angesichts dieser im Chaco Canyon einzigartigen Fülle liege der Schluss nahe, dass es sich hier um Angehörige der Elite dieses Pueblos handelte. Dies bot den Forschern die perfekte Chance, zu klären, ob diese Anführerclique untereinander verwandt war oder nicht.

Großmütter, Mütter und Enkel

Für ihre Studie nahmen die Wissenschaftler Proben der Toten aus Raum 33 und es gelang ihnen, bei neun davon die mitochondriale DNA zu isolieren. Dieses außerhalb des Zellkerns in den „Kraftwerken der Zelle“ enthaltene Erbgut wird von Müttern über die Eizelle an ihre Nachkommen weitergegeben. Sie erlaubt es daher, die Verwandtschaften über die mütterliche Linie zu rekonstruieren. Die Analyse ergab: „Alle neun aus Raum 33 stammenden Mitochondrien-Sequenzen waren identisch“, berichten die Forscher. Die Toten waren demnach alle über die mütterliche Linie direkt miteinander verwandt. Sie wurde über einen Zeitraum von 330 Jahren nacheinander in diesem Grabraum bestattet. „Das spricht dafür, dass die in diesem Raum bestatteten Individuen Angehörige einer einzigen matrilinearen Elite waren, die in der Gesellschaft der Chaco-Kultur über 330 Jahre hinweg eine zentrale Rolle spielte“, schlussfolgern Kennett und seine Kollegen. Nähere Untersuchungen enthüllten, dass es sich bei zwei der Toten um Großmutter und Enkelsohn handelte, zwei andere waren Mutter und Tochter.

Die Ergebnisse der DNA-Studien bestätigen damit, dass es in der Chaco-Kultur schon ab dem zehnten Jahrhundert eine klare hierarchische Gliederung mit einer Elite gab. Zudem klären sie die Frage, ob diese Elite erblich oder gewählt war. Die direkte Verwandtschaft der Toten spricht dafür, dass die Zugehörigkeit zur Anführerklasse erblich war und über die mütterliche Linie weitergegeben wurde. „Unseres Wissens nach ist dies die erste Studie weltweit, die erbliche Beziehungen zwischen Individuen einer Elite in Abwesenheit schriftlicher Zeugnisse allein durch Archäogenomik dokumentiert“, konstatieren Kennett und seine Kollegen.

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Quelle:

© wissenschaft.de – Nadja Podbregar
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