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Geschichte|Archäologie Gesellschaft|Psychologie

Musikalischer Mythos

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Musikalische Früherziehung (thinkstock)
Musik hat viele positive Effekte: Sie hilft gegen Stimmungstief, lindert Flugangst und soll sogar die Intelligenz verbessern helfen. Das zumindest meinten Forscher in den 1990er Jahren festgestellt zu haben. Doch dieser „Mozart-Effekt“ ist seither stark umstritten. US-Forscher haben nun erneut überprüft, ob eine frühe musikalische Ausbildung Kindern zu mehr kognitiven Fähigkeiten verhelfen kann. Ihr Fazit: Leider nein. Schlauer wird man durch musikalische Frühförderung wohl nicht. Dass aber Musik durchaus positiv wirkt und auch einen wichtigen Platz in der Erziehung hat, betonen auch sie.

Kinder, die früh ein Instrument lernen oder singen, profitieren davon auch Jahre später noch. Studien zeigen, dass das wiederholte Üben und sich Verbessern die Konzentration und Selbstdisziplin fördert, das Selbstbewusstsein stärkt und, wie erst kürzlich nachgewiesen, auch die spätere Sprachverarbeitung verbessern kann. Im Jahr 1993 sorgten Forscher der University of California in Irvine für Aufsehen, als sie noch einen Vorteil musikalischer Früherziehung belegten: die Steigerung des Intelligenzquotienten. Ihrem Experiment nach reichte es sogar schon aus, zehn Minuten lang der Musik von Mozart zu lauschen, um dann einen um acht bis neun Punkte höheren IQ zu bekommen.

Das Problem dabei: Obwohl dieser „Mozart-Effekt“ noch Jahre später in der Öffentlichkeit herumgeisterte, ist er in der wissenschaftlichen Welt hoch umstritten. Es gelang nicht, diesen Effekt in Folgestudien nachzuvollziehen, auch wenn einige Forscher zumindest in einigen Unterbereichen kognitiver Fähigkeiten wie dem räumlichen Vorstellungsvermögen, positive Effekte zu erkennen glaubten.

Hartnäckiger Irrglaube

Dennoch: „Mehr als 80 Prozent der erwachsenen US-Amerikaner glauben heute, dass Musik die Schulnoten und die Intelligenz ihrer Kinder verbessern kann“, konstatiert Erstautor Samuel Mehr von der Harvard University in Cambridge. Aber Belege dafür, dass Musikunterricht generell die kognitive Entwicklung der Kinder verbessere, gebe es nach wie vor kaum. Die Forscher fanden nur fünf Studien in der Literatur, die ihre Teilnehmer randomisiert – also zufällig – auf die Experimentgruppen verteilt hatten und die damit grundlegenden Kriterien der Forschung genügten. Von diesen zeigte nur eine einzige einen geringen positiven Effekt: Nach einem Jahr Musikschule war der IQ der Kinder um 2,7 Punkte gestiegen – kaum genug um statistisch signifikant zu sein, so die Wissenschaftler.

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Mehr und seine Kollegen haben daher nun noch einmal selbst zwei Studien zu diesem Thema durchgeführt. Für die erste rekrutierten sie 29 Eltern mit vier Jahre alten Kindern aus der Gegend um Cambridge in Neuengland. Die Vierjährigen absolvierten als erstes einen Test auf Wortschatz, mathematische Fähigkeiten und Lernverhalten. „Wenn es einen Effekt der Musik auf die Intelligenz der Kinder gibt, sollte er sich damit sensibler nachweisen lassen als mit einem allgemeinen IQ-Test“, erklärt Mehr. Eine Hälfte der Kinder nahm gemeinsam mit ihren Eltern an einem Programm zur musikalischen Frühförderung teil, die anderen erhielten stattdessen eine Förderung in bildender Kunst. Um einen Einfluss unterschiedlicher Lehrer auszuschließen, unterrichtete die gleiche Person beide Gruppen. An der zweiten Studie nahmen 45 Eltern mit ihren Kindern teil. In ihr erhielt eine Gruppe die musikalische Frühförderung, die andere dagegen keinen besonderen Unterricht.

Kein Effekt zu finden

Das Ergebnis: Ein Effekt auf die geistige Entwicklung der Kinder war nicht festzustellen, wie die Forscher berichten. In beiden Studien schnitten die Kinder aus der Musikgruppe nicht besser ab als die aus der jeweiligen Kontrollgruppe. „Es gab kleinere Unterschiede in der Leistung zwischen den Gruppen, aber keiner davon war groß genug, um statistisch signifikant zu sein“, so Mehr. „Selbst wenn wir die feinsten Analysen anwendeten – der Effekt war einfach nicht da.“ Für die Forscher ist damit klar: Eine musikalische Förderung von Kindern ist keine Abkürzung zu Intelligenz und schulischem Erfolg – und schon gar nicht Mittel zum Zweck.

Das aber bedeutet nicht, dass musikalische Früherziehung keinerlei Nutzen und positive Effekte hat, wie die Forscher betonen. Ganz im Gegenteil. Es gebe gute Gründe, Kinder so früh wie möglich mit Musik vertraut zu machen. Musik sei schon von Beginn der Menschheit an ein einzigartiger, wichtiger Teil unserer Kultur und unseres Wesens. Es wäre daher geradezu verrückt, Kinder daran keinen Anteil haben zu lassen. „Alles spricht dafür, Musik zu unterrichten, aber das sollte nichts mit irgendwelchen erhofften späteren kognitiven Vorteilen zu tun haben“, so Mehr.

 

 

Quelle:

© wissenschaft.de – Nadja Podbregar
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